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Neu im Kino: „Censored Voices“ „Niemand sagte: Ich will keine Gefangenen töten“

Unmittelbar nach dem Sechstagekrieg interviewte Amos Oz traumatisierte Kriegshelden: Aus dem damals zensierten Material entstand jetzt der beeindruckende israelische Dokumentarfilm „Censored Voices“.

Aus Mor Loushys Film: Israelische Soldaten, 1967. Foto: Real Fiction

Am 20. Juni 1967, zehn Tage nach dem Ende des Sechstagekriegs, befindet sich Israel noch im Freudentaumel. Einem der jungen, heimgekehrten Soldaten ist nicht zum Feiern zu Mute. An diesem Tag bespricht der angehende Autor Amos Oz ein Tonband. Gemeinsam mit seinem Kollegen Avraham Shapira hat er die Idee, mit seinem Aufnahmegerät von einem Kibbuz zum anderen zu ziehen, um die jungen Veteranen zu interviewen. „Wir wurden gebeten, etwas über diesen Krieg zu schreiben“, erklärt er auf dem Band seine Absicht. „Nicht das übliche, sondern es sollte um die Gefühle der Soldaten gehen.“ Oder, wie es Shapira aus heutiger Sicht ausdrückt, „wir sollten herausfinden, warum die Kriegshelden traurig sind.“

Nach einigen Wochen und 140 Gesprächen hatten Oz und Shapira ein beachtliches Archiv dieser Gefühle angelegt. Verbunden mit sehr konkreten Erinnerungen, die das Militär sofort zensierte: Erlebnissen von Missbrauch, Vertreibung, Tötung von Gefangenen, Plünderungen, Lynchjustiz. Das freigegebene Material war immer noch reich genug für die einflussreiche Buchveröffentlichung „Gespräche mit israelischen Soldaten“, das die Kibbuzbewegung als Kollektivwerk herausgab.

Fast fünfzig Jahre später, nach dem Ablauf der Zensur, hört Oz seine eigene Stimme wieder. Die junge Filmemacherin Mor Loushy spielt sie ihm vor und filmt ihn dabei, nachdem ihr durch Ausdauer gelungen ist, woran viele Journalisten zuvor gescheitert sind – sie ihm überhaupt abzuringen. „Während ich diesen Stimmen lausche“, beschreibt sie ihr Dokumentarfilmprojekt, „stellt sich mir nur eine Frage: Wie wären wir als Gesellschaft geworden, wenn wir diesen Stimmen Raum gegeben hätten?“

Im Gespräch bezeichnet sie „Censored Voices“ als „Archivfilm“. In dieser strengen Form des Dokumentarfilms steht die Präsentation von Archivmaterialien im Vordergrund. Umfangreiche Interviews, die sie mit Historikern und anderen Experten führte, schnitt sie gar nicht erst in ihren Film hinein. So hört der Zuschauer die jungen Stimmen auf den Bändern und sieht dazu immer wieder in alte, nachdenkliche Gesichter: Überraschend viele überlebende Veteranen hat Loushy ausfindig machen können.

Eine zweite Bildebene ist eine imponierende Sammlung offizieller Filmaufnahmen und Nachrichtenbilder. Auch überraschend ungelenkte Eindrücke sind dabei, die Loushy in den Schnittresten einer zeitgenössischen US-Fernsehreportage fand.

Hätte es wirklich die israelische Geschichte verändert, wenn man die Stimmen damals gehört hätte? „Jeder Ägypter, der sich rührte, bekam seinen Teil ab“, sagt ein Soldat. „Ich hatte fast das Gefühl, es seien keine Menschen.“ Ein anderer Veteran führt aus: „Die Befehle hießen nie: ‚Lasst niemanden am Leben!‘ Sondern sie hießen: ‚Habt kein Erbarmen!‘ Der Brigadekommandant sagte: ‚Tötet so viele wie möglich!‘“ Und wieder ein anderer bestätigt: „Ich habe nie gehört, dass einer sagte, ich finde nicht gut, dass meine Kompanie sie erschießt. Ich will keine Gefangenen töten, Unbewaffnete erschießen.“ Auf Nachfrage gibt er zu: „Ich war innerlich empört. Aber ich habe nichts gesagt.“ Klar und entschlossen klingt das damals. Vor dem Abspann sehen wir den alten Mann wieder, unterlegt mit einem Bekenntnis von heute: „Die letzte Zeile unserer Hymne lautet: ‚Ein freies Volk in unserem Land zu sein, dem Lande Zion und Jerusalem.‘ Solange wir ein anderes Volk beherrschen, sind wir kein freies Volk.“

Ein weiterer Veteran sieht es anders: „Heute stehe ich viel weiter rechts als früher“. Die Dokumentaristin enthält sich selbstredend jeder Kommentierung. Sich durch all diese Bänder gehört zu haben, all diese Archivbilder gesichtet zu haben, muss eine enorm belastende Arbeit gewesen sein. Am Ende entstand daraus ein Film, der weit über das Thema, die zensierten Aussagen über den Sechstagekrieg, hinausweist. Es ist das alte Lied, und man darf nicht aufhören, es anzustimmen: Kriege ohne Kriegsverbrechen, das ist wohl ein Widerspruch in sich selbst.

Censored Voices. Israel/D 2015. Regie: Mor Loushy. Musik: Markus Aust. 84 Min.

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