Lade Inhalte...

Neu im Kino: „Arrival“ Spannung bis zum letzten Atemzug

Außerirdische müssen nicht böse sein: Denis Villeneuves Meisterwerk „Arrival“ ist der beste Science-Fiction-Film seit langem.

Mit Verständigungsproblemen fängt es bereits an: Amy Adams als Linguistin Louise Banks. Foto: epd

Auf diesen Science-Fiction-Film mussten wir lange warten, nach all den überflüssigen Weltraum- und Materialschlachten der letzten Jahre, nach all dem leinwandsprengenden, aber doch nur leerlaufenden Überwältigungsfuror durch exorbitante Tricktechnik. Denis Villeneuves Meisterwerk „Arrival“ bietet all das auch, in Maßen wohlgemerkt, aber sein Film bietet zugleich unendlich viel mehr, nämlich eine gute, eine triftige, eine kluge Geschichte. Und eine Geschichte, die erst einmal ganz einfach daherkommt: Zwölf riesige Raumschiffe sind über den ganzen Erdball verteilt gelandet und stellen die Menschheit vor die Frage, ob die offenkundig außerirdischen Besucher denn mit guten oder bösen Absichten gekommen sind.

Wie immer bei Ereignissen von planetarischer Dimension wird das Militär vorgeschickt. Routiniert lässt der Kanadier Villeneuve, der sich mit anspruchsvollen Thrillern wie „Enemy“ (2013) und „Sicario“ (2015) einen Namen gemacht hat, erst einmal den üblichen Blockbuster-Apparat anlaufen. In bestem, nämlich ins Mark gehendem Sounddesign knattern da schwere Armeehubschrauber über unsere Köpfe hinweg. In wuselvollen Befehlszentralen leuchtet die globale Bedrohung von wandhohen Bildschirmen herunter und löst hektische Befehlsketten aus. Düsenjäger fliegen Patrouille zu den Landeplätzen der Außerirdischen, Menschen geraten weltweit in Panik, als sich deren Ankunft in den Fernsehnachrichten verbreitet. Unruhen, Aufstände, Gewalt …

Das ist ereignispralles Kino, und ein Roland Emmerich („Independence Day“) hätte daraus gewiss eine saftige, mit Sehreizen sich immerzu selbst überbietende Weltuntergangsorgie gebastelt. Bei Denis Villeneuve aber nimmt der Film eine andere Wendung. Nachdem die weltweiten Versuche der Militärs gescheitert sind, mit den Außerirdischen in Kontakt zu treten, holt sich der befehlshabende Colonel Weber (Forest Whitaker), der für das im US-amerikanischen Bundesstaat Montana gelandete Raumschiff zuständig ist, zivilen Sachverstand ins Camp: die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) und den Physiker Dr. Ian Donnelly (Jeremy Renner). Und tatsächlich lernen die beiden Wissenschaftler die Sprache der tintenfischartigen, siebenarmigen Aliens zu verstehen.

Es ist ein unendlich langsames, mühsames Lernen, für das sich Banks und Connelly in die Raumschiffe begeben müssen. Dort ist die Schwerkraft der Erde aufgehoben, dort ist es karg, dunkel und ruhig – aber nicht unheimlich, sondern eher friedlich –, und dort warten zwei Heptapoden hinter einer riesigen Glasscheibe auf ihre irdischen Besucher. In dem Raumschiff beginnt jetzt ein konzentriertes Kammerspiel, die Forscher sind fasziniert von den Außerirdischen und ihrer Sprache: dumpfes Grollen und rauchartige, in die Luft gemalte Kringel. Man spricht mit Händen und Füßen, man wird vertrauter miteinander, die Zeit vergeht. Denis Villeneuve inszeniert inmitten der globalen Weltuntergangshektik einen beschaulichen, verlangsamten Ort. Einen Denkraum.

Eigentlich greift der Regisseur zu einem vollkommen anderen ästhetischen Register: In das nach außen vorherrschende Blockbusterformat zieht er eine innere, eine theatrale, bühnenspielartige Ebene ein. Hier und nicht in den Sphären der kriegstreibenden, waffenvernarrten, nur den strategischen Vorteil suchenden Militärs wird die Zukunft der Menschheit entschieden. Das ist die starke These dieses Science-Fiction-Films. Dennoch rast die Welt weiter, sie bricht ein ins gewaltlose, ganz auf Verständigung zielende Kammerspiel. Colonel Weber will endlich Ergebnisse sehen, weil die Außerirdischen in Aussicht gestellt haben, den Menschen etwas zu geben. Ein Geschenk also: Was aber könnte das sein – etwas aus dem Waffenarsenal der technisch weit überlegenden Aliens?

Ein globaler Wettlauf beginnt. Der chinesische General Shang (Tzi Ma) scheint sogar einen Weltkrieg riskieren, also die Selbstzerstörung der Menschheit in Kauf nehmen zu wollen, damit niemand in den Besitz der alienesken Wunderwaffen gelangt. Aber was, wenn die Gabe der Außerirdischen in etwas ganz anderem bestünde? Können wir uns das überhaupt vorstellen, vollkommen fremde Wesen, die uns etwas Gutes tun wollen? An dieser Stelle sind nun die beiden Forscher Banks und Connelly aufgerufen, ein Übersetzungsproblem zu lösen: Was wollen, was meinen die Außerirdischen? Unversehens erreicht „Arrival“ mit dieser Wendung eine philosophische Dimension und verwandelt sich in einen Essayfilm. Ein Blockbuster als Essay: Das hat es so noch nicht gegeben!

Denis Villeneuve lässt seine Schauspieler, allen voran Amy Adams, im Angesicht des Fremden, des schlechthin Anderen die Untiefen der menschlichen Existenz durchlaufen: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Und der Regisseur hält eine Überraschung bereit, weil das Geschenk, das wir uns gar nicht vorzustellen trauen und den Menschen endlich zu sich selbst kommen lassen könnte, eine neue Sprache ist – nichts, was wir einfach gebrauchen, kein bloßes Ding, sondern etwas, in dem wir existieren. Damit eröffnet sich eine vollkommen andere Welt. Und Villeneuve malt sie in den schönsten Farben aus. Sein Film bleibt bis zum letzten Atemzug spannend.

Arrival: USA 2016, Regie: Denis Villeneuves, 116 Minuten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen