Lade Inhalte...

Neu im Kino: „A Ghost Story“ Der Geist und die Langeweile

David Lowerys ambitiöser Gespensterfilm „A Ghost Story“ ist nicht immer geistreich.

"A Ghost Story"
Unter dem Laken soll kein Geringerer stecken als Casey Affleck. Rooney Mara spielt die Witwe. Foto: epd

Geisterfotos sind älter als das Kino selbst. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts häuften sich jenseitige Erscheinungen auf Fotoplatten, und so wundert es nicht, dass auch die Zauberer des frühen Kinos reichlich Gebrauch von ihnen machten. Erst waren es nur einfache Doppelbelichtungen, später kamen raffiniertere Prozesse hinzu bis zu den Wundern der Digitalanimation von heute.

Ebenso beliebt waren stets die unsichtbaren Geister, doch kaum ein Gespenst bot in letzter Zeit eine so anrührende Erscheinung wie die namenlose Titelfigur von „A Ghost Story“. Sie besteht lediglich aus einem Bettlaken, aus dem man zwei Augenlöcher herausgeschnitten hat.

Ich erinnere mich, wie ich als Sechsjähriger in nahezu identischer Aufmachung vergeblich versucht habe, meinen älteren Bruder zu erschrecken, aber ich bin auch kein Filmemacher. Und dies ist auch kein Horrorfilm. In langen Einstellungen lässt Regisseur David Lowery seine Hauptfigur schleichend über den Boden gleiten, wobei es den Überhang seines Lakens wie eine Schleppe hinter sich her zieht. In seinem letzten Film hatte es Lowery mit einem flugfähigen Drachen zu tun, Elliot, dem Schmunzelmonster. Nun also der denkbare Gegenentwurf, ein Geist mit Bodenhaftung.

Immerhin hat dieser kleine Film, der in den USA auf dem Sundance-Festival bereits viel Lob bekam, in einen prominenten Hauptdarsteller investiert. Laut Besetzungsliste befindet sich unter dem Laken kein Geringerer als Casey Affleck, auch wenn wir sein Gesicht nur in der Vorgeschichte sehen.

Bevor sie ein Autounfall aus dem Leben reißt, bezieht seine Filmfigur mit der von Rooney Mara gespielten Ehefrau ein schlichtes Farmhaus auf dem Lande. Nach dem Tod erhebt sich der Geist des Mannes samt Laken vom Totenbett, schleicht zurück ins Haus, wo er fortan stumm seiner Witwe beim Trauern zusieht. Für sie bleibt er unsichtbar. Hätte er unter seinem Laken Hände, er würde sie ihr wohl gerne wie einst Patrick Swayze in ähnlicher Rolle auf die Schultern legen. So macht er, was Geister schon immer taten: Etwas poltern ab und zu, Bücher trotzig aus Regalen schubsen. Geister hatten schon immer ein langweiliges Leben, nun sehen wir, wie traurig es sich anfühlt. Kein Wunder, dass sie sich vor hundertfünfzig Jahren so dankbar auf den Fotos tummelten.

In durchaus stimmungsvollen Bildern, die freilich meist lange über ihre ideale Betrachtungszeit hinaus auf der Leinwand stehen, begleitet Lowerys Film das öde Geisterleben. Offenbar sind Gespenster ortsgebunden – den Grund dafür erfährt man nicht –, weshalb Afflecks Figur noch lange nach dem Auszug der geliebten Frau dort spuken muss. Einmal sieht der Geist aus dem Fenster einen Artgenossen im Nachbarhaus. Traurig winkt man einander zu.

Man könnte sich „A Ghost Story“ gut als Bilderbuch vorstellen. Zwanzig Tafeln in blassen Buntstiftfarben wären gerade genug, um das arme Gespenst durch die folgenden hundert Jahre zu begleiten. Erst staunt man über den Stilwillen, das schöne, altmodische 4:3-Format, das mit seinen abgerundeten Ecken aussieht wie View-Master-Scheiben. Komponist David Hart, der schon den fliegenden Drachen Elliot untermalte, füllt die Leere mit süßlich orchestrierter minimal music. Denn auch wenn es keinen echten Horror gibt in „A Ghost Story“, so gibt es den horror vacui: Eine spießige Sorge, das Publikum könne sich am Ende doch noch langweilen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum