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Nachruf Zum Tod der Regisseurin Chantal Akerman

Die große Film-Avantgardistin und Künstlerin Chantal Akerman ist im Alter von 65 Jahren in Paris gestorben. Zentral für ihr Werk ist der Bruch mit filmischen Tabus.

Chantal Akerman, hier bei den Filmfestspielen in Venedig 2011, ist gestorben. Foto: AFP

Wenn man sagt, große Filmschaffende erfänden in ihrem Werk das Kino neu, ist das meist eine Übertreibung. Und doch erleben wir es immer wieder. Kaum jedoch so radikal wie im Werk von Chantal Akerman. Wo es sie auch hinzog in ihrem Schaffen, das fast fünfzig Jahre umspannte, kam sie an Orte, die eigentlich längst von anderen besetzt waren. Mit Spielregeln des Erzählens und des Zeigens, mit Genres und mit Subgenres. Nicht nur das Klassische hat seine Konventionen, auch die Avantgarde entwickelt sehr schnell ihre eigenen Dogmen. Die Belgierin ging einfach über sie hinweg.

Das Tabu ist ein zentraler Begriff in ihrem Werk. Ihr erster Langfilm „Jeanne Dielman, 32 Quai de Commerce, 1080 Bruxelles“ brach formal mit den Tabus des Erzählfilms mit seinen langen Einstellungen, die das Publikum dazu zwangen, sich selbst in den Bildern umzusehen, um auch ja kein Detail im Alltag der von Delphine Seyrig gespielten Mutter zu verpassen.

Zugleich aber erzählte sie in diesem Film von einem lebenserhaltenden Tabu, das es dieser Frau überhaupt erst ermöglicht, Tag für Tag zu funktionieren. Mit Ritualen schützt sie sich vor allem, das die Verwundungen ihrer Seele aufreißen könnte. Die Inspiration dazu fand Chantal Akerman bei ihrer Mutter, die das Konzentrationslager Auschwitz und die Todesmärsche überlebte, aber nie über ihre Leiden sprechen konnte.

Wir wissen heute einiges über die Übertragung von Traumata an die Folgegeneration, doch lange bevor sich die Psychologie mit diesen Spätfolgen des Holocaust befasste, hatte Chantal Akerman schon den bleibenden künstlerischen Ausdruck dafür gefunden.

Das Filmstudium schmiss sie bald hin

Heute finden viele Künstler über das Medium Video zu ihren ersten Filmen. 1968 führte der Weg in der Regel noch immer über eine lange Assistenz in der Filmindustrie. Oder über eine der ersten Filmschulen, die meist ebenfalls am kommerziellen Kino orientiert waren. Chantal Akerman war dagegen eine der ganz wenigen, die als Künstler die Form des abendfüllenden Spielfilms eroberten.

Das klassische Kino lehrt uns, dass Spannung in der Verdichtung liege. Doch meist ist das nur die Angst der Filmemacher vor der Leere. Dabei war das in der frühen Filmgeschichte einmal genau umgekehrt. Es ist wohl kein Zufall, dass Akerman ihre ersten Filme drehte, als die Künstler des strukturellen Films die Qualitäten des frühen Stummfilms wiederentdeckten.

Das Filmstudium, das sie daraufhin begann, schmiss sie bald hin: Dort lehrte man genau den Akademismus, den das unabhängige Kino längst hinter sich gelassen hatte. Mit 18 Jahren produzierte sie mit selbstverdientem Geld den ersten Kurzfilm „Saute ma Vie“, der in Oberhausen bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen Premiere hatte.

Seitdem ließ sich ihr Werk als beständige Explosion begreifen: Befruchtet in den frühen siebziger Jahren von einem New-York-Aufenthalt und der Begegnung mit dem blühenden strukturellen Kino und der Art, wie Jonas Mekas und Andy Warhol in ihren Filmen die Zeit einfingen, eroberte sie sich nach und nach alle Spielarten des Films. Bis hin zu großen Kunstinstallationen.

Beim Reisen filmte sie unentwegt

Der Weg, den sie als Film-Nomadin zurücklegte, führte über ihre Geburtsstadt Brüssel nach New York, Paris, West- und Ostdeutschland, Polen, Russland bis nach Arizona, Shanghai und zuletzt, in ihrer imposanten Joseph-Conrad-Verfilmung „La Folie Almayer“, nach Malaysia.

Zur Zeit ist ihre jüngste und nun letzte Arbeit bei der Kunstbiennale Venedig zu sehen, eine Montage von Fensterblicken von Fahrten durch Israel; in Jerusalem hatte sie 2014/2015 als Artist in Residence gelebt. Wenn man mit Chantal Akerman reiste, filmte sie fast unentwegt mit ihrem iPhone. In den Pausen setzte sie die Bilder auf ihren Laptop zusammen, und man staunte, was sie gesehen hatte, das sonst niemand sah. Erst im vergangenen März wurde sie in Bielefeld mit dem renommierten Murnau-Preis für ihr Lebenswerk geehrt.

Wie französische Medien zuerst meldeten, ist Chantal Akerman jetzt im Alter von 65 Jahren gestorben.

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