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Nachruf Kunst und Arbeit

Er filmte Wahrheit wie Musik: Zum Tode des großen Dokumentarfilmers Klaus Wildenhahn.

Der Jazz“, war Klaus Wildenhahn überzeugt, „war das wahre Geschenk der amerikanischen Demokratie an die von ihr besetzten Länder und Satellitenstaaten.“ 1930 in Bonn geboren und aufgewachsen in Berlin, gehörte der spätere Dokumentarfilmer zur ersten Jugendgeneration in Deutschland, die mit amerikanischer Kultur sozialisiert wurde. Viele der Reportagen und Dokumentarfilme, die er in den frühen 60er Jahren für den NWDR beziehungsweise den späteren NDR drehte, waren Jazz mit der Kamera. Er war der erste, der in Deutschland die Methode des „direct cinema“ beherrschte: Neuartige, geräuschlose 16mm-Kameras erlaubten eine unverstellte, scheinbar unbemerkte Nähe. Aber Wildenhahn war nicht nur die „Fliege an der Wand“: Seine Beobachtungen formte ein natürlicher Bildfluss und nicht zuletzt eine soziale Haltung, die mit der Intimität der Ästhetik in Einklang stand. Oder, anders ausgedrückt, die das den Menschen Abgeschaute in den Dienst einer höheren Menschlichkeit und politischen Relevanz stellte.

Es war ein filmverständiger Musikredakteur im NDR, der visionäre Hansjörg Pauli, der Wildenhahn eine Nische verschaffte, in der die Vorlieben des text-getriebenen Reportagefernsehens nicht galten (bis heute hat sich an ihrer Dominanz wenig geändert). Nicht dass es in seinen Filmen keine Kommentare gegeben hätte, doch diese folgten einem „gezielten Lakonismus“, wie Wildenhahn es nannte. Der Filmemacher, der auch als Theoretiker und Autor einflussreich war, gehörte zu den wenigen Doppelbegabten in seinem Metier.

Wildenhahns Dokumentarfilme firmierten fortan als Fernsehspiele. So entstanden unschätzbare Nahaufnahmen des Jazzers Jimmy Smith („Smith, James O. Organist USA“, 1965), des Komponisten und Klangkünstlers John Cage (1966) sowie der Tänzer und Choreografen Merce Cunningham („498 3rd Ave.“, 1967) und Pina Bausch (1982 und 1986). Dabei schien er sich an Karl Valentins Wort zu halten: „Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit“. Wildenhahn war fasziniert an den sozialen Aspekten des Kunstschaffens, an Austausch, Teamwork und dem ganzen Drumherum, das dem Geniekult üblicher Künstlerporträts ein Dorn im Auge ist.

Sein Interesse an den sozialen Aspekten der Arbeit machte ihn zu einem Chronisten des Strukturwandels im Ruhrgebiet („Stillegung“, 1987) „Rheinhausen – Herbst ’88“). Der Stillstand – in seinen Alltagsmontagen war er eine eigene poetische Kraft, die ihre Vorbilder im zeitlichen Überfluss der ersten Lumière-Filme und bei dem Japaner Yasujiro Ozu fand. Wie es Wildenhahn selbst 1974 formulierte: „Vielleicht steckt die größte Könnerschaft im Dingfest-Machen der Leerstellen, des sich ausbreitenden Schweigens.“ Wie für die Musik waren für sein Kino die Pausen ganz entscheidend.

Eine enge Freundschaft und künstlerische Seelenverwandtschaft verband ihn mit seinem Kollegen Jürgen Böttcher, der bei der DEFA erstaunliche künstlerische Freiräume im Dokumentarfilm bespielte. Mit „Der König geht. Das Schloss Dresden“ gelang Wildenhahn ein bleibendes Dokument der Wendezeit – und abermals fielen dabei Kultur und Arbeit zusammen.

Dreißig Jahre war Wildenhahn Redakteur des NDR, heute kann man sich kaum vorstellen, dass man Künstlern im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch einmal solche Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Zu den ersten Künstlern, die Wildenhahn förderte, zählt der Trick- und Dokumentarfilmer Helmut Herbst. „Kopf hoch Leute und vertraut nur auf euch“, sagte er am Wochenende gegenüber der FR, „diese Filmpioniere – diese alten Frauen und Männer – konnte es nur einmal geben.“

Am vergangenen Donnerstag starb Klaus Wildenhahn 88-jährig in Hamburg.

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