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„Mr. Gay Syria“ „Mutter, bleib stolz auf mich“

Der Dokumentarfilm „Mr. Gay Syria“ der Regisseurin Ayse Toprak erzählt vom Kampf homosexueller Syrer um Anerkennung. Ein Treffen mit dem Protagonisten und Wettbewerbs-Initiator Mahmoud Hassino.

Mahmoud Hassino im Dokumentarfilm „Mr Gay Syria“
Mahmoud Hassino im Dokumentarfilm „Mr Gay Syria“. Foto: dpa

Mahmoud Hassinos Homosexualität war lange kein Problem, nicht im Freundeskreis, nicht am Arbeitsplatz. Er arbeitete für das Lifestyle-Magazin „Dounia“, schrieb über Filme, über Ausstellungen. 2006 startete er einen eigenen Blog, mit dessen Hilfe er sich mit anderen Homosexuellen auch außerhalb des Landes vernetzte. Weil er auf Englisch kommunizierte, hoffte er, unter dem Radar der Behörden zu bleiben.

Aber irgendwann nahmen die Einladungen der syrischen Geheimpolizei zu, sie begannen, ihn einzuschüchtern, der Chefredakteur wurde aufmerksam. „Sie fragen, ob du mit ihnen Kaffee trinken gehen möchtest, und du kannst nicht sein sagen.“ Sie wollten seinen Blog zensieren, er sollte über die Künstler berichten, mit denen er als Journalist zu tun hatte. Hassino kündigte schließlich, arbeitete frei. Und dann begannen die Demonstrationen.

Auch Hassino ging auf die Straße. Es sei eine Zeit der großen Hoffnungen gewesen, sagt er. Auf einmal schien es möglich, dass Syrien zu einer Demokratie werden könnte. Er startete das Blog „Syrian Gay Guy“. Da ist sie wieder, diese Verbindung von syrisch und schwul. Dann fing das Assad-Regime an, Homosexuelle zu verfolgen, der Druck wuchs, Hassino ging in die Türkei wie viele syrische Flüchtlinge, er arbeitete dort für einen Radiosender. Das war 2011.

Auch Hussein, der Friseur, arbeitet in Istanbul, als der Film gedreht wird, in einem Salon wie schon in Aleppo. Man sieht im Film, wie er einem jungen Mann die Haare schneidet, sie auffegt und dann eine Zigarette raucht. In dieser Szene ist zum ersten Mal von „Tea and Talk“ die Rede, dem einzigen Netzwerk, das arabische Schwule unterstützt. Eigentlich ist es nur ein Raum, den die gleichnamige türkische Organisation den Arabischsprechenden zur Verfügung gestellt hat, ein Ort zum Reden. Nur ein Raum, aber mehr braucht es manchmal gar nicht. Manche treffen hier zum ersten Mal andere Homosexuelle. „Durch die Probleme der anderen lernte ich, mich selbst zu akzeptieren“, sagt Hussein.

 Es ist dieser Raum, in dem Hassino vor zwei Jahren die Idee für seinen Wettbewerb vorstellte. Auch von der Reise nach Malta zum Mr-Gay-World-Wettbewerb, die der Sieger antreten soll, spricht er. „Mr. Gay Syria wird der einzige Geflüchtete dort sein.“ – „Du möchtest aus dem Leid Unterhaltung machen“, wirft ein Bekannter Hassino vor. „Das ist keine Unterhaltung“, gibt der erregt zurück. „Das ist ein Versuch, das Bild von den syrischen Schwulen zu ändern.“ Es ist ein positives, lebensbejahendes Bild, das er will.

Der Film erzählt auch eine Geschichte der Emanzipation, doch er tut es beiläufig, und das ist seine Stärke. Man merkt, wie Hussein und die anderen sich verändern, während sie sich auf den Wettbewerb vorbereiten. Hussein zum Beispiel sitzt auf seinem Bett und macht sich Notizen, spricht die Worte, die er aufgeschrieben hat, immer wieder vor sich hin. Am Tag der Entscheidung in Istanbul kommt er in seiner Alltagskleidung auf die Bühne. Er legt einen Schal um einen Stuhl aus Holz und spricht zu ihm, als säße dort seine Mutter: „Ich wollte dir von dem erzählen, was tief in mir lebt“, sagt er. „Mutter, ich bin homosexuell. Bleib stolz auf mich.“ Es ist Hussein, den sie dann zum Mister Gay Syria küren. Jemand setzt ihm eine Tiara aus Plastik auf, er lächelt, wirft Kusshände ins Publikum, aber er wirkt auch verunsichert. Der Titel ist eine Freude und eine Last, sogar eine Gefahr.

Hussein führt ein Doppelleben, er ist verheiratet, seine Frau lebt bei den Eltern und den Geschwistern am Stadtrand. Er sieht sie nur an seinem einzigen freien Tag in der Woche. Es ist der Tag, an dem er nicht er selbst sein darf. „Ich kann nur die Person sein, die meine Eltern wollen.“ Eine Filmszene zeigt ihn beim Spaziergang mit seiner Tochter, sie ist zwei. Er träumt davon, mit ihr über seine Homosexualität zu sprechen. Es auszusprechen, wenigstens diesem einen Familienmitglied gegenüber.

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