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„Mr. Gay Syria“ „Mutter, bleib stolz auf mich“

Der Dokumentarfilm „Mr. Gay Syria“ der Regisseurin Ayse Toprak erzählt vom Kampf homosexueller Syrer um Anerkennung. Ein Treffen mit dem Protagonisten und Wettbewerbs-Initiator Mahmoud Hassino.

Mahmoud Hassino im Dokumentarfilm „Mr Gay Syria“
Mahmoud Hassino im Dokumentarfilm „Mr Gay Syria“. Foto: dpa

Mister Gay Syria. Das klingt wie ein irrer Witz: schwul, Syrer und dann auch noch ein Schönheitswettbewerb. Aber Mahmoud Hassino freut sich, wenn da jemand verblüfft reagiert. Überraschung erzeugt Aufmerksamkeit, und die will er für diese Gruppe von Menschen, über die kaum jemand spricht. Und wenn, dann eher im Zusammenhang mit Islamisten, mit Unterdrückung, Verfolgung, Tod. Vor ein paar Jahren haben Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat Schwule von Hochhäusern gestoßen, in Rakka, in Aleppo. Es wurde in den Nachrichten gemeldet.

Mahmoud Hassino hat den „Mr. Gay Syria“-Wettbewerb vor zwei Jahren in Istanbul veranstaltet, da lebte er schon in Berlin. Die junge türkische Regisseurin Ayse Toprak hat über den Wettbewerb einen bewegenden Dokumentarfilm gedreht, jetzt läuft er in den Kinos. Sein Titel: „Mr. Gay Syria“. Auf Festivals hat der Film schon mehrere Preise gewonnen.

Er erzählt von Mahmoud Hassinos Kampf um Beachtung und vom Kampf junger Syrer um ihre Homosexualität. Die Geschichte, die er erzählt, ist auch eine Flüchtlingsgeschichte. Es gibt darin Heimweh, es gibt schmerzhafte Trennungen, die Umstände lassen es nicht anders zu. Schwul und Flüchtling zu sein, das ist, als trüge man eine doppelte Last. Man ist auch dann nicht in Sicherheit, wenn man dem Krieg entkommen ist.

Hassino trägt eine Schirmmütze, er bestellt Espresso. Smart wirkt er mit seinem Oberlippenbart. Er holt ein Päckchen Tabak aus dem Rucksack und dreht eine Zigarette. Dann erzählt er aus seinem Leben. Es ist das Leben eines schwulen Syrers, und es ist anders, als man sich das vorstellt.

Hassino kommt aus Damaskus, hat dort englische Literatur und Kommunikationswissenschaften studiert. Den Weg des Coming-outs gegen alle Widerstände musste er nicht gehen, auch wenn seine Eltern strenggläubig waren. Er hat seine sexuelle Orientierung nie versteckt. Kurz vor der Hochzeit seines jüngeren Bruders, die eigentlich nach der des älteren stattfinden sollte, so wollen es die syrischen Sitten, habe ihn seine Mutter gefragt, ob er heiraten wolle. Ob, fragte sie, nicht wann. „Da du mir die Frage so stellst, kennst du ja auch die Antwort“, erwiderte er. Das Wort „schwul“ ist in diesem Gespräch nicht gefallen. Wie viel ihm dieses wortlose Einverständnis wert war, merkt man noch jetzt, als er von diesem Moment erzählt.

Ein Friseur aus Aleppo

Aber es gibt auch die anderen. Die, die ihre sexuelle Orientierung verleugnen, die heiraten, um Normalität vorzutäuschen, die zwangsverheiratet werden.

Einer von ihnen ist Hussein, einer der Protagonisten im Film „Mr. Gay Syria“. In einer der ersten Szenen sieht man ihn auf dem Weg zur U-Bahn. Er hat die Hände tief in den Taschen, die Mütze in die Stirn gezogen. Es schneit in Istanbul. „Wenn ich mich im Spiegel ansah, hasste ich mich selbst“, sagt er. „Warum bin ich so? Ich wollte einfach ein guter Mensch sein. Und ein guter Mensch kann doch nicht schwul sein.“

Hussein ist ein Friseur aus der im Bürgerkrieg zerstörten Stadt Aleppo, er lebt als Flüchtling in der Türkei. Und er ist ein Beispiel dafür, in welch furchtbarem Konflikt sich jemand befinden kann, dessen sexuelle Orientierung von den Menschen um ihn herum so stark abgelehnt wird, dass er sie selbst nicht akzeptieren kann.

In einigen arabischen Ländern gilt Homosexualität als unnatürlich, in anderen wird sie kriminalisiert, im Iran und in Saudi-Arabien steht die Todesstrafe darauf. Ist die Sorge, mit den syrischen Flüchtlingen würde auch Schwulenfeindlichkeit nach Deutschland kommen, also berechtigt? Die Antwort überrascht einen. Hassino sagt, die syrische Gesellschaft sei nicht viel homophober als westliche Gesellschaften. „Hier sind die Leute nur eher daran gewöhnt, ihre Homophobie zu verstecken.“ Hat sich denn wirklich nichts geändert? Hassino antwortet: „Egal, wie tolerant und aufgeschlossen jemand ist, wenn ihm das eigene Kind eröffnet, dass es homosexuell ist, werden die meisten doch traurig sein.“ Es ist sein Lackmustest für Homophobie.

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