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„Moonlight“ Konventioneller Oscar-Hit

Das mit dem Oscar als bester Film ausgezeichnete „Moonlight“ gilt als ungewöhnlicher Preisträger. Dabei ist der Film konventioneller, als man zuerst meint.

Szene aus "Moonlight"
Fast wie eine Taufe: Juan (Mahershala Ali) und Chiron (Alex R. Hibbert) beim Baden. Foto: dpa

Man sollte einen Film so wenig an seinen Preisen messen, wie ein Buch an seinem Cover. Doch wer in dieser Woche „Moonlight“ ansieht, kommt nicht umhin, ihn in der langen Reihe jener „besten Filme“ zu verorten, die den Akademiemitgliedern schon einen Oscar wert gewesen sind. Was für ein ungewöhnlicher Gewinner, auf den ersten Blick: Nur sehr wenige Low-Budget-Filme haben wichtige Academy Awards gewonnen, noch seltener wurden Filme afroamerikanischer Künstler ausgezeichnet. Zur Rarität macht diesen Film auch sein dezidiert poetischer Erzählton, der an einen großen Außenseiter des US-Autorenfilms erinnert, den elegischen Bild-Erzähler Terence Malick.

Ein Hauch von Hollywood aber weht dann doch darüber, es beginnt mit dem Namen eines seiner Produzenten, dem Malick-Fan Brad Pitt. Und ein wenig von jenem merkwürdigen Feenglanz, den Malicks Ästhetizismus innewohnt, liegt auch über „Moonlight“. Es ist dieses Pathos, das ihn dem großen Hollywood dann doch ein gutes Stück näher rückt als andere künstlerische Außenseiterfilme. Ja, diese in drei Kapiteln erzählte Geschichte der Erwachsenwerdens eines Mannes, ist zweifellos ein Kunstwerk, aber es steht auch groß genug „Kunst“ drauf, damit man es auch in Hollywood sofort erkennt.

Filmemacher Barry Jenkins ist kein Anhänger der minimalistischen Tugenden, die klassische amerikanische Independentfilme auszeichnen. Er zeigt nichts, ohne es zugleich zu überhöhen, auch die stärksten Bilder verstärkt er noch einmal durch sakral anmutende Filmmusik, die sich mit den religiösen Untertönen seiner Filmerzählung zu einer eigenen audiovisuellen Liturgie verbindet. Das alles bedeutet noch keine Wertung; es ist eine klassische Geschmacksfrage.

Schon die zentrale Szene der ersten Episode, die der frühen Kindheit gewidmet ist, ist getragen von deutlicher christlicher Symbolik. Chiron, Sohn einer drogenabhängigen, alleinstehenden Mutter hat bei Juan (Mahershala Ali) Zuflucht gefunden; er weiß nicht, dass er ihr Dealer ist. In einem Moment seltenen Glücks wiegt sich der Junge im warmen Meer von Miami, gehalten von den Wellen und der Obhut des Mannes, der ihm das Schwimmen beibringt. Man kann das Bild als eine Taufe lesen; zweifellos ist sie eine Initiation.

„Du bist die Mitte der Welt“, ermuntert Juan den Jungen liebevoll, und in der Tat: So archetypisch das Milieu beschrieben ist, das scheinbar vorbestimmte Abgleiten in die Bandenkriminalität im Schwarzenviertel Liberty City – Chirons Lektion wird ihm die Zuversicht verleihen, ganz er selbst zu sein. Auch wenn er in einem ausgesparten Handlungsteil selbst kriminell wird, findet er hier, was anderen fehlt; er lernt, die Liebe, die ihm von Juan und seiner Freundin entgegengebracht wird, auch in diesem Lebensumständen anzunehmen. Und schließlich, auch seine Homosexualität als Glück zu begreifen.

Juan, der für die spirituelle Erziehung des Jungen verantwortlich ist, stammt aus Kuba. Sein zentraler Dialogsatz wird als dortige Redensart erklärt: „Im Mondlicht erschienen schwarze Jungen blau.“ Im Spanischen entspricht der Name Juan dem des biblischen Täufers Johannes. Auch der Name seiner liebevollen Freundin Teresa mag nicht durch Zufall dem einer indischen Nonne entsprechen.

Die beiden weiteren Kapitel, in denen der anfangs von Ashton Sanders verkörperte Chiron nacheinander von Alex Hibbert und Trevante Rhodes gespielt wird, zeichnen in ähnlich intensiv emotionalisierten Augenblicken die Beziehung zu seinem Schulkameraden Kevin, mit dem er seine ersten erotischen Erfahrungen macht. Als feindliche Mitschüler ihn zwingen, Chiron zu verprügeln, trennen sich ihre Wege, um sich in der dritten Episode wieder zu treffen. Wenn man so will, ist das eingelöste Liebesversprechen auch eine erfüllte Hollywooderwartung. Ein Bruch mit der Konvention ist dagegen das Ausbleiben jeder Problematisierung seines Lebensunterhalts; Chiron ist in der Zwischenzeit selbst zum Dealer geworden, aber letztlich reiht sich auch die Geschichte dieser Läuterung in die christliche Heilsgeschichte.

So sehr sich „Moonlight“ von den realistischen Dogmen vieler Sozialdramen unterscheidet, so allgemeingültig präsentiert sich dieser Film zugleich in seinen Rückgriffen auf die christliche Ikonographie. Darin kann man aber ebenfalls etwas Einebnendes erkennen. Viele der gerühmten Szenen besitzen ihre eigene Konventionalität im Vertrauen auf ästhetischen Wohlgefallen. Was man an diesem Film vermissen kann, was ihm fehlt bei all seinem warmen Licht, das wie aus Kirchenfenstern glüht, ist tatsächlich der Schmerz.

Moonlight. USA 2016. Regie: Barry Jenkins. 111 Min.

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