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„Mission Impossible 6: Fallout“ Tom Cruise und das Glück des freien Falls

Ein abstraktes Kunstwerk von einem Actionfilm: Christopher McQuarries „Mission Impossible 6: Fallout“.

Tom Cruise
Hubschrauber, Himalaya: Tom Cruise reiht eine artistische Performance an die andere. Foto: Chiabella James/Paramount Pictures/dpa

„Dieses Band wird sich in fünf Sekunden selbst zerstören“: Was für jeden einzelnen „unmöglichen Auftrag“, der gleichnamigen Fernsehserie gilt, das lässt sich auch auf das Prinzip des seriellen Filmerzählens übertragen: Erst die Gnade des Vergessens lässt uns immer wieder die gleichen Plots ertragen, ja vielleicht sogar herbeiwünschen. Nicht zu vergessen sind dagegen die festen Parameter: Die Profile der Figuren oder eine besondere Mischung von Action und Humor. Solange sie stimmt und sich nicht ermüdet, läuft auch die Serie. Das Franchise-Kino lebt von der Variation in der Wiederholung und dem schmalen Grat der Selbstreflexion: Wie viel Ironie ist erlaubt, ohne dabei das Wertvollste an einem Franchise zu verspielen, die Wiedersehensfreude?

Die „Mission Impossible“-Filme tragen diesen konstituierenden Widerspruch bereits im Titel, denn wenn das Unmögliche zur Gewohnheit wird, ist es alles andere als unmöglich. Es ist, ganz im Gegenteil, erwartbar. Dann zählt am Ende nicht mehr wie im realistischen Kino das Was, sondern nur noch, wie im Jazz, das Wie.

Der Plot spielt bei „Mission Impossible 6: Fallout“ keine Rolle

„Mission Impossible 6: Fallout“ bietet von der ersten bis zur letzten Sekunde das Glück des freien Falls. Der Plot spielt keine Rolle, der Auftrag ist fast vergessen, noch bevor sich das „Band“ verflüchtigt hat.

Wer ihn trotzdem wissen will: Eine Plutoniumbombe namens Fallout ist in die Hände einer radikal-atheistischen Terrororganisation namens „The Apostles“ geraten, die damit die heiligen Stätten gleich dreier Weltreligionen auf einmal zerstören will. Doch anstatt die Plutoniumköpfe in einem Berliner Einsatz, der keine Gefangenen macht, zu sichern, rettet der von Tom Cruise gespielte Hunt lieber das Leben seines Partners Luther (Ving Rhames). Das disqualifiziert ihn augenblicklich in den Augen seiner Auftraggeber, weshalb weitere Agenten ins Rennen geschickt werden.

Das wiederum führt zu einem meist kontraproduktiven Gipfeltreffen abseits aller Loyalität – aber auch zum romantischen Wiedersehen mit der aus dem letzten Teil bekannten britischen Spionin Isla Faust (Rebecca Ferguson). Der CIA schickt zur Verkomplizierung der Verhältnisse seinen Agenten August Walker (Henry Cavill) dazu. Kein Wunder, dass der Held nun mehr als sonst auf eigene Rechnung agiert – dass er eine artistische Solo-Performance an die nächste reiht.

In der Story meint der „Fallout“, der radioaktive Niederschlag des Titels, also eine Bombe, tatsächlich aber beschreibt das Wort die Form des Films und seine zentrale Dynamik, eine Bewegung des Niederstürzens.

Tom Cruise reizt die Schwerkraft aus

Wie oft hat man Tom Cruise schon die Schwerkraft ausreizen sehen, und wer ihn am liebsten von Hubschrauberseilen abrutschen sieht, kommt auch diesmal auf seine Kosten. Man könnte das immanente Spannungsverhältnis der Filmreihe mit einem einfachen Diagramm erklären.

Da ist einerseits die Gerade der technischen Perfektion, die immer weiter nach oben führt. Die zweite Linie beschreibt dagegen eine Unsicherheit, die mit dem fortschreitenden Alter des Hauptdarstellers verbunden wird. Es gibt die herrlichsten Abstürze, aus denen er sich mit letzter Kraft rettet und am Ende eher ein Stückchen Himalaya zum Bersten bringt als seine eigenen Knochen. Tatsächlich bringt ihn dann um ein Haar ausgerechnet ein banales technisches Hilfsmittel zu Fall, als ihm sein Helfer Benji (Simon Pegg) falsche Geodaten in den Ohrhörer schickt. 1966, als die Serie „Mission Impossible“ („Kobra – übernehmen Sie“) startete, waren James-Bond-artige Gadgets das Coolste. Heute kann man über sie spotten. Schließlich hat man mit Tom Cruise einen Star mit der körperlichen Präsenz eines Stummfilmstars wie Douglas Fairbanks.

Man hört buchstäblich auf zu denken, man kann den Film ansehen wie einen Traum, den man träumt, obwohl man eigentlich schon wach und nur zu faul zum Aufstehen ist.

Die zentrale Szene symbolisiert geradezu diese Lust am reinen Kino: Da stürzt sich der von Tom Cruise gespielte Held im freien Fall auf das malerische Paris, landet auf dem Grand Palais, bevor es ihn noch weiter in die Katakomben führt. Ob es ein Zufall ist, dass genau an diesem Ort die Surrealisten in den 20er Jahren zum ersten Mal von einem Kino ohne logische Handlungen träumten? Einer ihrer Protagonisten, der Regisseur René Clair, prägte dafür den Ausdruck des „cinema pur“. Es waren gerade die kommerziellen Filme, in denen er diese sinnfreien Momente reiner Bewegung fand.

Das geht auch heute noch, aber selten wird man so fündig wie hier. Es wäre allerdings ungerecht, dies nur der Meisterschaft von Christopher McQuarries Filmregie zuzuschreiben, Rob Hardys 3D-Kameraführung oder dem Filmschnitt von Eddie Hamilton, der alle Einzelteile wie Dominosteine zum geordneten Einsturz bringt. Ohne Tom Cruise, seine faszinierende Physis und seine unterschätzte Fähigkeit zur Undurchschaubarkeit wäre „Mission Impossible“ tatsächlich unmöglich.

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