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„Meister der Träume“ Hollywood am Hindukusch

Der Dokumentarfilm „Meister der Träume“ über Salim Shaheen, Afghanistans größten Filmstar.

„Meister der Träume“

Es gibt Hollywood und es gibt Bollywood, aber der afghanische Filmemacher Salim Shaheen wähnt sich in „Nothingwood“: „Weil es hier kein Geld und nichts gibt.“ Dabei war Armut lange nicht das größte Hindernis für den Star, der in Personalunion auch Produzent und Regisseur von weit über hundert Filmen ist. Während der Taliban-Herrschaft stand schon auf das Anschauen bewegter Bilder mancherorts die Todesstrafe.

„Nothingwood“ heißt Sonia Kronlunds Filmporträt dann auch im Original, der deutsche Titel „Meister der Träume“ klingt eher nach einem italienischen Wanderkino aus den Fünfzigern. Ein mobiles Filmtheater betreibt Shaheen freilich auch noch zwischendurch. Dann lässt er sich auf den Dörfern feiern von Hunderten überwiegend männlichen Zuschauern, die nicht aufhören wollen zu applaudieren, wenn der über Fünfzigjährige mal wieder den Bösen eins auf die Mütze gibt und danach einen schmissigen Song anstimmt.

Während ihn das Team der französischen Filmemacherin begleitet, dreht er gerade vier Filme parallel – in seinem Werkverzeichnis rangieren sie ungefähr ab Nummer 110. Irgendwo auf der holprigen Fahrt zum nächsten Drehort fragt die Regisseurin dieses Filmporträts vorsichtig, ob es Probleme gebe, weil sie eine Frau sei. Da kann Shaheen nur lachen, wie er immer lacht. „Hier bist Du ein Mann, Du bist doch der Regisseur!“

Manchmal fühlt man sich an einen Film von Wes Anderson erinnert, wie Shaheen da mit seinem Team von Filmverrückten von Drehort zu Drehort rast und zwischendurch Premieren in Hinterhöfen feiert. Manchmal deutet jemand an, dass Shaheen auch als Militär eine gute Figur gemacht habe, „aber als ein Kommandant, der nur Gutes tat“. Lassen wir das mal so stehen.

Sein Dialogautor – Shaheen selbst hat nie richtig lesen und schreiben gelernt – versteckt seine Kriegsnarben unter einer Sonnenbrille. Einmal, 1995, traf das Studio eine Rakete, und neun Mitwirkende starben. Die schrecklichen Aufnahmen davon haben sie noch zur Hand. Die Kindheit des Filmemachers hat dagegen sogar einen seiner Spielfilme inspiriert: Ein kleiner Junge stiehlt sich da klammheimlich in ein Kino, und als man ihn entdeckt, versucht er es gleich noch einmal über den Balkon. Ob der Regisseur wohl weiß, dass es eine ähnliche Szene gibt in Truffauts Klassiker „Sie küssten und sie schlugen ihn“?

Film und Leben sind hier nicht zu trennen. Einmal bleibt ein Wagen vor ihm auf der unbefestigten Straße stecken. Da steigt Shaheen, dieser Schrank von einem Mann, eine Mischung aus Gérard Depardieu und Jackie Chan, nur kurz aus und hebt das Auto eigenhändig an. „Als Regisseur muss man den Menschen helfen“, sagt er nur.

Zehn Minuten Ovationen

Als dieser Dokumentarfilm vergangenes Jahr in Cannes Premiere hatte, in der anspruchsvollen Parallelsektion „Quinzaine“, erntete sein Protagonist die gleiche Reaktion wie am Hindukusch: zehn Minuten Ovationen. Mit Herablassung hatte das nichts zu tun. Dies ist kein Film über Dilettanten, die am Ende der Welt amateurhafte Bollywood-Imitationen für den lokalen Markt anfertigen. Gewiss, manche Filme entstehen an nur vier Tagen Drehzeit mit primitiver Technik. Doch wenn die Filmemacherin dem Meister über die Schulter schaut, fängt sie einen Künstler bei der Arbeit ein. Seine Regieanweisungen sind einfühlsam und einfallsreich. Wer Salim Shaheen den „afghanischen Steven Spielberg“ nennt, weiß vielleicht gar nicht, wie wahr das ist. Es gibt noch einen zweiten Star in diesem Film, das ist seine schillernde Diva Qurban Ali. Dass sie als Mann in einer populären afghanischen Fernsehsendung Burka trägt, kann nicht mehr wirklich überraschen.

„Meister der Träume“ führt in ein bei uns wenig bekanntes Afghanistan, in dem man das Kino liebt wie fast überall sonst auf der Welt und mindestens genauso gerne lacht. Vielleicht hat es sogar die Filmemacherin, die bislang einige politische Reportagen über das Land drehte, selbst ein wenig überrascht. Als ihr Filmprojekt noch im Entwicklungsstadium war und um Förderungen warb, verglich sie Shaheen mit dem legendären Dilettanten Ed Wood, nannte ihn ein „Genie ohne Talent“. Davon ist im fertigen Film nun keine Rede mehr.

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