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McCarthy-Verfilmung Die Flamme bewahren

John Hillcoat sucht nach Bildern für Cormac McCarthys Endzeitvision „The Road“: Im Herzen des Films, der Vater-Sohn-Geschichte, brennt die Flamme hell und klar – trotz oder gerade wegen ihrer einfach gestrickten Sentimentalität.

Viggo Mortensen (links) und Kodi Smit-McPhee als Vater und Sohn im Film "The Road". Foto: Senator Film

Ein Mann ohne Namen schreckt aus einem Traum. Er greift nach dem Revolver in seinem Gürtel, dann blickt er hinüber zu seinem Sohn. Beide sind in Lumpen gehüllt, ihre gesamte Habe schieben sie in einem Einkaufswagen vor sich her. Die Welt um sie herum ist kalt und grau. Es gibt keine Pflanzen mehr, die Städte sind Ruinen, und schlimmer als die Ödnis des Horizonts ist allein die Vorstellung, wer einem hinter der nächsten Straßenbiegung begegnen könnte. „Gehören wir zu den Guten?“, fragt der Sohn ängstlich seinen Vater. Ja, das tun sie, denn sie essen keine Menschen.

Lange galt der US-Schriftsteller Cormac McCarthy als literarischer Geheimtipp und seine Bücher – zumindest nach Hollywood-Maßstäben – als unverfilmbar. Sein schwermütiger Blick auf die Welt ist einfach zu düster und gewalttätig, um sich mit den Sehgewohnheiten des Multiplex-Publikums zu vertragen; die letztlich missglückte Adaption von „All die schönen Pferde“ ist dafür der beste Beweis. Mittlerweile hat McCarthy vom Nobelpreis abgesehen beinahe alle literarischen Ehren erhalten und selbst damit begonnen, seine Romane auf Hollywood-Tauglichkeit zu trimmen. Bei „No Country for Old Men“ mussten die Coen-Brüder eigentlich nur noch die Einstellungsgrößen festlegen, und auch Jen Penhall dürfte sein Drehbuch für „The Road“ nicht allzu schwergefallen sein.

Wie der Roman geht John Hillcoats Film ein bisschen in Richtung Endzeit-Schnulze. In Rückblenden sehen wir, wie der Vater die Mutter beschwört, am Leben zu bleiben, nachdem eine im Dunkeln bleibende Katastrophe die Zivilisation vernichtet hat. Es sind die einzigen warmen Bilder des Films; vom Feuerschein erleuchtet geht die Mutter schließlich aus dem Haus, bis die Schwärze der Nacht sie einfach verschluckt. Später beschwört der Vater seinen Sohn, dass sie „die Flamme“ im Herzen tragen. Natürlich ist damit die Flamme der Menschlichkeit gemeint; sie zu bewahren wird aber auch für den Helden schwierig, wenn er sein Kind weiterhin beschützen will.

Im Buch erschrickt man geradezu vor McCarthys ausführlichen Beschreibungen der abweisenden und lebensfeindlichen Natur und versteht sofort, warum in ihr vor allem Hoffnungslosigkeit gedeiht. Hillcoat kann da nicht mithalten, versucht es mit Erdbeben und stürzenden Bäumen aber manchmal trotzdem. Auch bei den „großen“ Szenen ist Hillcoat immer ein bisschen hinten dran: den Begegnungen mit den Menschenfressern fehlt das Pathos des Entsetzens, und die Abgründe, in die Vater und Sohn in einem von Kannibalen bewohnten Landhaus hinabsteigen, müssten einem eigentlich noch nach dem Abspann in den Gliedern hängen.

Gelungener sind die kleinen Momente: Wenn sich die Wanderer in Totendecken wickeln, um nicht zu erfrieren, oder Viggo Mortensen aus reinem Selbsterhaltungstrieb den Ehering vom Finger streift. Im Herzen des Films, der Vater-Sohn-Geschichte, brennt die Flamme hell und klar – trotz oder gerade wegen ihrer einfach gestrickten Sentimentalität.

The Road, Regie: John Hillcoat, USA 2009, 112 Minuten.

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