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„Marvin“ Der verlorene Sohn in Paris

Anne Fontaines genau beobachtetes und vielschichtiges Coming-of-Age-Drama „Marvin“.

Der Film "Marvin" kommt Donnerstag in die Kinos
Isabelle Huppert spielt sich gleichsam selbst; hier mit Finnegan Oldfield als erwachsener Marvin. Foto: epd

Marvin ist ein Schuljunge, der unentwegt gedemütigt, geschlagen und als Schwuchtel beschimpft wird. Aber seinem Mund und dem kritischen Blick sieht man an, dass er wild entschlossen ist, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Dann begegnen wir ihm ein paar Jahre später. Aus dem gehänselten Kind ist ein junger Mann geworden, der das Leben in der Provinz gegen eine Karriere als Schauspieler und Autor in der großen Stadt Paris eingetauscht hat. Hier kann er sich offen zu seiner Homosexualität bekennen, und die Partnerin in seinem ersten, selbstverfassten Theaterstück ist niemand anderes als Isabelle Huppert.

Die kleinbürgerliche Herkunft ist ein Problem

Anne Fontaine aber erzählt in ihrem großartig vielschichtigen Film nicht bloß einfach von einem, der es gegen alle Widerstände geschafft hat. Sie zeigt auch das Gepäck, das der Junge aus den sogenannten kleinen Verhältnissen immer noch mit sich herumschleppt: Schwulsein ist in der hippen Pariser Umgebung kein Problem mehr, seine kleinbürgerliche Herkunft aber umso mehr. 

So als wolle er das graue, unaufgeräumte Elternhaus in der nordfranzösischen Tristesse mit Gewalt aus seiner Erinnerung verdrängen, sucht Marvin Bijou die Nähe reicher und schöner Menschen – von Roland etwa, dem Unternehmer, oder eben von Isabelle Huppert, die nonchalant sich selbst als Schauspiel-Star spielt und die gleichzeitig zu Marvins neuer Mutter wird. Wie leicht können sie alle den Provinzjungen dann doch an seine bescheidene Herkunft erinnern, einfach, weil sie das Champagnerglas so viel eleganter halten als er.

Es ist ein psychologisches Meisterstück, das die Regisseurin Anne Fontaine mit „Marvin“ liefert, und zu besonderer Tiefe gelangt ihre Studie, wenn sie das Verhältnis des verlorenen Sohnes zu seinen wirklichen Eltern, vor allem zum übergewichtigen, auch stets übellaunigen Vater schildert. Wie abstoßend wirkt dieser Dany, wenn er halbnackt im Haus herumlungert, nach Bier und Grillfleisch giert und mit finsterer Miene an kaputten Elektrogeräten herumschraubt. 

Doch als Marvin dann nach Paris aufbricht, steht Dany plötzlich am Bahnhof und weiß nicht, wohin mit seinen nervösen Händen. Er überreicht seinem Sohn einen Umschlag mit Geld und warnt ihn vor den Arabern in der Hauptstadt. Marvin schweigt kalt – und das ist ihr Abschied.

Unversehens ist dieser Nicht-Charakter, dieser hässliche Kloß, den man am liebsten übersehen will, ein Vater, der sich, wie ungeschickt auch immer, um sein Kind sorgt. Später werden sie sogar miteinander reden. Dass es Anne Fontaine gelingt, diese schillernde Ambiguität in den Figuren wie in den Verhältnissen offenzulegen, dass hier niemand nur strahlender Held oder nur proletarisches Wrack ist, diese große Genauigkeit der Beobachtung macht die Leistung des Films aus. Kongenial wächst dabei Jules Porier als kindlicher Marvin zu Finnegan Oldfield als junger Mann heran, zwei Gesichter einer Figur, die allen Wandlungen zum Trotz doch sie selbst bleibt.

Marvin. Regie: Anne Fontaine. Frankreich, 2017, 114 Min.  

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