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Margarethe von Trotta „Ich war nicht nur ahnungslos, ich war heimatlos“

Wie lange es dauern kann, bis man im eigenen Land keine Fremde mehr ist. Margarethe von Trottas Dankesrede zum Frankfurter Adorno-Preis.

Margarethe von Trotta
Adorno-Preisträgerin Margarethe von Trotta. Foto: imago

Rosa Luxemburg hatte ihren Tod nicht vorausgesehen, genauso wenig wie Theodor Adorno die mörderischen Absichten eines Hitler…. kurz vor ihrer Erschießung fragt sie den Offizier, der sie abholt: „In welches Gefängnis werde ich gebracht?“ An Gefängnisse war sie gewöhnt. Sie glaubte beharrlich an den Fortschritt der Geschichte, wie Adorno an das Rettende in der deutschen Kultur. 1917, als sie in Schutzhaft sitzt, damit sie nicht gegen den Krieg agitieren kann, schreibt sie: „Die Geschichte weiß stets am besten Rat, wo sie sich am hoffnungslosesten in die Sackgasse verlaufen hat.“ Oder 1918, in einem anderen Brief aus dem Gefängnis: „Die Geschichte hat schon manchen Misthaufen in die Luft gesprengt, der ihr im Weg stand. Sie wird es auch diesmal schaffen.“ Die Geschichte. Sie glaubte an sie als sei sie eine dritte Person, mit einer weiseren Sicht als die der Menschen.Und in einem Brief an Sonja Liebknecht: Wir werden leben, und wir werden noch Großes erleben.

Hannah Arendt blickte nicht mehr zuversichtlich in die Zukunft, sie blickte zurück in die „finsteren Zeiten“ und analysierte aufs Genaueste und Schärfste, was ein totalitäres System aus den Menschen macht. Sie spricht dabei – in einem Brief an Karl Jaspers – von der „Überflüssigmachung des Menschen als Mensch“.

Aber auch sie hatte noch eine Utopie, nicht mehr die einer Rosa Luxemburg, die der Geschichte vertraut, sondern die einer Philosophin: dass das Denken uns vor dem Bösen, vor kriminellen Handlungen bewahren kann. Vielleicht erwartete sie sich vom Denken die Kraft, die Rosa der Geschichte zuschrieb, und so war ihr, wie eine zeitgenössische deutsche Philosophin und Arendt-Kennerin, Bettina Stangneth, es ausdrückt: der Gedanke unerträglich, dass es eine böse Philosophie geben könnte.

Die Generation der 68er hielt es wiederum mit Hegel und ackerte sich durch die Schriften von Ernst Bloch und Herbert Marcuse. Suchte Hilfe bei Theodor Adorno. Sie wollte daran glauben, dass sie dazu ausersehen war, intelligent und radikal, die böse Geschichte Deutschlands in eine Heilsgeschichte umzuwandeln. Und sie fanden sich, wenn auch nicht in deren Bildungsbürgersprache, in ihrem Glauben an die Möglichkeit der Veränderung bei Rosa Luxemburg wieder.

Zitat aus einer Rede Rosa Luxemburgs an die Arbeiter: „Noch liegt die Macht bei denjenigen, die sich allein auf eine Welt von Mordwaffen stützen, noch werden Kriege vorbereitet, noch reagiert der Kriegsgott Mars die Stunde. Aber wie Wallenstein im Schillerschen Drama sagte: Der Tag ist nah, der Tag, der uns gehört. So wird der Tag nahen, an dem wir, die unten stehen, nach oben kommen, um eine Gesellschaftsordnung wahr zu machen, die des Menschengeschlechts würdig ist, eine Gesellschaft, die keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen kennt, die keinen Völkermord kennt, eine Gescheinschaft, die die Ideale sowohl der ältesten Religionsstifter als auch der größten Philosophen der Menschheit verwirklichen wird.“

Adorno sagt in „Die Wunde Heine“: „Es gibt keine Heimat mehr als eine Welt, in der keiner mehr ausgestoßen wäre, die der real befreiten Menschheit. Die Wunde Heine wird sich schließen erst in einer Gesellschaft, welche die Versöhnung vollbrachte.“

Dass ich heute Abend von der Stadt Frankfurt einen Preis entgegennehmen darf, der mit seinem Namen verbunden ist, macht mich zu einer Person, die in ihrem Land nun endgültig keine Fremde mehr sein muss. Dafür danke ich der Jury. Sehr.

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