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Margarethe von Trotta „Ich war nicht nur ahnungslos, ich war heimatlos“

Wie lange es dauern kann, bis man im eigenen Land keine Fremde mehr ist. Margarethe von Trottas Dankesrede zum Frankfurter Adorno-Preis.

Margarethe von Trotta
Adorno-Preisträgerin Margarethe von Trotta. Foto: imago

An dem Tag wartete meine Mutter in Düsseldorf vergeblich auf mich.

Für meine französischen Freunde gehörte ich allerdings ebenso zu den Deutschen wie für diesen belgischen Beamten. Für sie war ich eine „boche“, und in unseren Diskussionen wurde ich für die Gräueltaten der Nazis, den deutschen Einmarsch in Frankreich und jeglicher Verbrechen an den Juden für mitschuldig erklärt. Mein Einwand, ich sei staatenlos, half mir auch bei ihnen nicht. Sie hatten auch keinerlei Verständnis für meine Klage, dass durch die Stadt, in der ich geboren war, eine Mauer gebaut wurde, sie sahen in ihr nur eine gerechte Strafe für das, was die Deutschen ihnen angetan hatten. Zudem waren sie viel mehr mit ihren Problemen des Algerienkrieges befasst und mit der Frage, wie sie sich dem Militärdienst entziehen konnten. Ihr Mitgefühl galt den Algeriern und ihrem Kampf um Unabhängigkeit.

Viele Jahre später habe ich darin die Erklärung gesucht, warum gerade ich mich in vielen meiner Filme mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhundert befasst habe. Weil ich nach Antworten suchte, die ich als junge Studentin nicht geben konnte. Unaufgeklärt und allein gelassen von Lehrern und Eltern, das waren wir alle, aber ich fühlte mich im doppelten Sinn allein. Nicht nur ahnungslos. Ich war heimatlos. Alle zwei Jahre stand ich in einer Schlange von Menschen auf dem Ausländeramt in Düsseldorf, um meine Aufenthaltserlaubnis verlängern zu lassen und dafür zu bezahlen, dass ich eine Fremde war. In Frankreich hätte ich fünf Jahre lang wohnen müssen, um Französin zu werden. In Deutschland musste ich auf einen Mann warten. „Ich will verstehen“, sagte Hannah Arendt.

Später wollte ich verstehen, wieso eine Gudrun Ensslin und ihre Mitkämpfer der RAF sich der Gewalt verschrieben haben. Und ob es eine Vorgeschichte für sie gab, ich wollte begreifen, „wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“, wie es im Untertitel von Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ heißt. Mein Sohn Felix Moeller, der heute hier anwesend ist, hat gerade einen Film über diese Zeit gemacht mit dem Titel „Sympathisanten“. Heinrich Böll war einer derjenigen, die als Sympathisanten der RAF verunglimpft wurden, weil er sich für eine gerechte Behandlung der Gefangenen einsetzte.

Ich möchte jetzt kurz über zwei meiner Filme sprechen, die aus dem Verlangen, die deutsche Geschichte zu verstehen, entstanden sind.

Ich beginne mit „Rosa Luxemburg“. Bei den Demonstrationen der 68er fiel mir auf, dass nur ein einziges Bild einer Frau durch die Straßen getragen wurde: Neben Ho Chi Min, Marx, Lenin: das Portrait von Rosa Luxemburg. Sie sah darauf eher melancholisch aus und gar nicht so kämpferisch, wie ich das von einer Revolutionärin erwartet hätte. Dieser Widerspruch machte mich neugierig. Ihre und Karl Liebknechts Ermordung wurden für mich zu Vorboten der Gewalt im 20. Jahrhundert.

Eine der letzten Szenen in meinem Film zeigt Rosa Luxemburg, wie sie von Soldaten gewaltsam einen langen Teppich, im Hotel Eden, hinuntergeführt wird. Der Teppich ist rot. Aber er steht nicht für die Farbe der Revolution. Für mich symbolisiert er den Strom von Blut, der durch das Jahrhundert hindurch weiterfließen wird. Und es ist wie in einem Grimmschen Märchen, in dem alle Dinge dreimal geschehen müssen, damit sie wahr werden. Rosa bekommt zunächst einen Schlag auf den Kopf, der sie fast umbringt, wird dann von dem Offizier, der ihr zuvor noch wie ein Gentleman in den Mantel hilft, erschossen, zuletzt in den Landwehrkanal geworfen. Und bestimmt hatten ihre Mörder als Kinder die Grimmschen Märchen gelesen, und sie fürchteten sich so sehr vor dieser Frau, dass sie ganz sicher sein wollten, dass sie nie mehr zurückkehren kann. Diese Frau war eine Jüdin, und für ihre Gegner blieb sie die Fremde. Ihre Mörder haben sich wenige Jahre später Hitler angeschlossen.

Sebastian Haffner schrieb dazu: „Der Mord vom 15.Januar 1919 war ein Auftakt – der Auftakt zu den tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske-Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahrzehnten der Hitler-Zeit. Er war das Startzeichen für alle anderen. Und gerade er ist immer noch uneingestanden, immer noch ungesühnt und immer noch unbereut. Deswegen schreit er immer noch zum deutschen Himmel. Deswegen schickt er immer noch sein sengendes Licht in die deutsche Gegenwart wie ein tödlicher Laserstrahl.“

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