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Margarethe von Trotta „Ich war nicht nur ahnungslos, ich war heimatlos“

Wie lange es dauern kann, bis man im eigenen Land keine Fremde mehr ist. Margarethe von Trottas Dankesrede zum Frankfurter Adorno-Preis.

Margarethe von Trotta
Adorno-Preisträgerin Margarethe von Trotta. Foto: imago

In den USA blieben sie und ihr Mann lange Jahre weiterhin staatenlos, d.h. sie hatten keinerlei Rechte. In „We Refugees“ schrieb sie: „Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit ihrer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle.“ Carolin Emcke hat diese Zeilen von Hannah Arendt vor kurzem in ihrem sehr eindringlichen Artikel über die Flüchtlinge aus Syrien zitiert.

Erst 1951 bekamen Hannah Arendt und ihr Mann Heinrich Blücher einen amerikanischen Pass und wurden damit zu amerikanischen Staatsbürgern. Im Unterschied zu Theodor Adorno, zogen sie nie mehr nach Deutschland zurück. Hannah Arendt blieb „das Mädchen aus der Fremde“, wie sie sich Heidegger gegenüber einmal bezeichnet hatte.

Theodor Adorno hat, im Unterschied zu Hannah Arendt, lange gezögert, sein Land zu verlassen. Er war in der deutschen Sprache und Kultur so sehr verwurzelt, dass er trotz der drohenden Katastrophe nach Mitteln und Wegen suchte, eine Emigration zu vermeiden d.h. in Deutschland zu „überwintern“. Da er die Rassenideologie als hochgradig verrückt abtat und sich nicht vorstellen konnte, das sich, wie er sagte, die Bourgeoisie von Bandenführern regieren lasse.

Rückblickend meinte er, dass er die politische Lage 1933 völlig falsch eingeschätzt habe. Er glaubte, das Dritte Reich könne nur von kurzer Dauer sein. Ähnlich wie nach dem Mauerbau viele Menschen davon überzeugt waren, dass die Mauer schon sehr bald wieder verschwinden würde.

Hannah Ahrend sagte in ihrem Gespräch mit Günter Gaus, sie habe im Gegensatz zu vielen Intellektuellen „Mein Kampf“ gelesen. Und ernst genommen. Ich könnte mir vorstellen, dass Theodor Adorno, der Hitler als eine Mischung aus „King Kong und Vorstadtfriseur“ bezeichnete,– wobei man heute gleich an einen anderen Typen dieser Sorte denken kann – die darin angekündigte Ausrottung der Juden nicht erwartete, weil er einen solchen Schund gar nicht erst in die Hand nahm…. Und nach dem Krieg, als er gefragt wurde, warum er trotz allem nach Deutschland zurückgekehrt sei, antwortete er: Ich wollte einfach dorthin zurück, wo ich meine Kindheit hatte, am Ende aus dem Gefühl, dass, was man im Leben realisiert, wenig anderes ist, als der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen.

Rosa Luxemburg war Polin. Sie WOLLTE Deutsche werden, weil sie in der deutschen Sozialdemokratie ihre Chance sah, gemeinsam mit den Genossen die Welt zu verändern. Sie glaubte fest daran, dass die Revolution von Deutschland aus den Anfang nehmen würde. Sie ging in der Schweiz eine Scheinehe mit einem Deutschen ein, von dem sie sich kurz darauf wieder scheiden ließ, zog nach Berlin und schrieb an Leo Jogiches, ihren polnischen Geliebten und Mitstreiter: „Von den Deutschen werden wir uns fernhalten.“ Im Januar 1919 wird sie von deutschen Freicorpssoldaten ermordet.

Als ich in den frühen sechziger Jahren nach Paris ging, als „fille au pair“ – es war eine freiwillige Flucht aus dem spießigen Adenauer-Deutschland –, hatte ich immer noch meinen grauen Aliens-Pass, und beinahe hätte ich, wie Rosa Luxemburg, einer Scheinehe zugestimmt, nur um keine Angst mehr haben zu müssen, aus dem Zug gezerrt zu werden, was mir einmal an einem belgischen Grenzbahnhof mitten in der Nacht zustieß. Ich hatte versäumt, mir für Belgien ein Transitvisum zu besorgen. Für jedes Land, in das oder durch das ich reisen wollte, wurde ein Visum von mir verlangt, was meine sowieso schon prekären finanziellen Mittel als arme Studentin arg schmälerte. Der belgische Grenzbeamte warf mich aus dem Zug, und begründete es damit, dass er unter den Nazis gelitten habe. Ich sagte zu ihm: „Sie wollen mich doch aus dem Zug werfen, weil ich staatenlos bin, und eben keine Deutsche “. Das ließ er nicht gelten. In meinem Pass stand: in Berlin geboren, das genügte ihm. Ich musste also vor einem hässlichen Grenzbahnhof auf den nächsten Morgen warten und nach Paris zurücktrampen, um von meinen Freunden Geld zu leihen, damit ich das Visum beschaffen und bezahlen konnte.

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