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Margarethe von Trotta „Ich war nicht nur ahnungslos, ich war heimatlos“

Wie lange es dauern kann, bis man im eigenen Land keine Fremde mehr ist. Margarethe von Trottas Dankesrede zum Frankfurter Adorno-Preis.

Margarethe von Trotta
Adorno-Preisträgerin Margarethe von Trotta. Foto: imago

Im Jahr 1976 hat ein anderer Filmemacher, Ingmar Bergman, an dieser Stelle einen Preis empfangen: die Goethe-Medaille. In seiner Dankesrede sprach er voller Bitterkeit über sein Land, in dem er nicht mehr leben wollte. Man hatte ihn in Schweden zu Unrecht eines Steuervergehens beschuldigt, ihn mitten aus seinen Theaterproben herausgeholt und wie einen Verbrecher behandelt, jedenfalls hat er selbst es so empfunden. Es war die schwerste Demütigung seines Lebens.

Und an dieser Stelle sagte er: „Ich kann in einem Land nicht leben und auch nicht arbeiten, das mich in meiner Ehre gekränkt hat.“ Die Anschuldigungen hatten ihn in eine so tiefe Krise gestürzt, dass er sich für eine kurze Zeit in eine psychiatrische Klinik rettete, weil er an Sebsttötung dachte. Danach verließ er sein Land, und ging nach München ans Residenztheater. Für ihn war es Flucht. Eine Flucht, um zu überleben. Aber er verlor nicht seine Staatsangehörigkeit.

Die Familie meiner Mutter musste nach der russischen Revolution aus Moskau fliehen. Wie viele Emigranten aus dem Zarenreich verloren sie nicht nur ihre Heimat, ihren Besitz, sondern auch ihre Staatsangehörigkeit. Sie wurden zu „Staatenlosen“, ohne ein Dokument, mit dem sie sich ausweisen konnten. In Frankreich nennt man sie heute „Les sans papiers“. Der damalige norwegische Polarforscher und Diplomat Fridtjof Nansen erkannte ihre Situation der Schutzlosigkeit und setzte sich für sie ein: er verschaffte ihnen einen Pass, der nach ihm benannt wurde, den Nansenpass, d.h. sie gehörten nun zwar keinem Land an, hatten aber zumindest ein Dokument, auf dem ihr Name genannt wurde. Viel später, in der Bundesrepublik, hieß dieser Pass „Fremdenpass“, „Alien’s Passport“. Der Passdeckel war grau, nicht grün wie der der deutschen Bundesbürger, und schon diese graue Farbe zeigte an, dass man in einer „Grauzone“ lebte. Da meine Mutter nicht verheiratet war, war ich ebenfalls staatenlos und bekam diesen tristen Fremdenpass.

Als Hannah Arendt 1933 aus Deutschland floh, weil sie früher als viele andere erkannt hatte, was den Juden als Schicksal zugedacht war, verlor sie sehr bald nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre Staatsangehörigkeit. In dem denkwürdigen Gespräch mit Günter Gaus „Zur Person“ bemerkt sie voller Ironie, das Schlimmste für sie waren gar nicht die Nazis, sondern ihre Freunde, denen plötzlich zu Hitler etwas einfiel. Sie floh von Berlin nach Karlovivary, von dort nach Frankreich und wurde damit zur Staatenlosen, die zwar eine zeitlang im Land geduldet wurde, weil eine jüdische Organisation ihr eine Aufenthaltsgenehmigung verschaffte, die aber, als die Deutschen Frankreich überfielen und besetzten, in ein Internierungslager gebracht wurde. Später beschrieb sie ihre Situation folgendermaßen: „Wir wurden zu einer Art neuen Menschenwesen, die von ihren Feinden in Konzentrationslager und von ihren Freunden in Internierungslager gebracht wurden.“ Was oft nur die Vorstufe für ein Konzentrationslager bedeutete. Sie konnte aus dem Lager Gurs entkommen, in einem Moment der Wirrnis, als das Lager von der französischen in die deutsche Zuständigkeit überging. Zusammen mit ihrem Mann, floh sie von Marseille über Lissabon in die USA. Viele der im Lager Gurs verbliebenen Juden wurden, mithilfe der französischen Polizei, nach Drancy gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert.

In den USA blieben sie und ihr Mann lange Jahre weiterhin staatenlos, d.h. sie hatten keinerlei Rechte. In „We Refugees“ schrieb sie: „Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit ihrer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle.“ Carolin Emcke hat diese Zeilen von Hannah Arendt vor kurzem in ihrem sehr eindringlichen Artikel über die Flüchtlinge aus Syrien zitiert.

Erst 1951 bekamen Hannah Arendt und ihr Mann Heinrich Blücher einen amerikanischen Pass und wurden damit zu amerikanischen Staatsbürgern. Im Unterschied zu Theodor Adorno, zogen sie nie mehr nach Deutschland zurück. Hannah Arendt blieb „das Mädchen aus der Fremde“, wie sie sich Heidegger gegenüber einmal bezeichnet hatte.

Theodor Adorno hat, im Unterschied zu Hannah Arendt, lange gezögert, sein Land zu verlassen. Er war in der deutschen Sprache und Kultur so sehr verwurzelt, dass er trotz der drohenden Katastrophe nach Mitteln und Wegen suchte, eine Emigration zu vermeiden d.h. in Deutschland zu „überwintern“. Da er die Rassenideologie als hochgradig verrückt abtat und sich nicht vorstellen konnte, das sich, wie er sagte, die Bourgeoisie von Bandenführern regieren lasse.

Rückblickend meinte er, dass er die politische Lage 1933 völlig falsch eingeschätzt habe. Er glaubte, das Dritte Reich könne nur von kurzer Dauer sein. Ähnlich wie nach dem Mauerbau viele Menschen davon überzeugt waren, dass die Mauer schon sehr bald wieder verschwinden würde.

Hannah Ahrend sagte in ihrem Gespräch mit Günter Gaus, sie habe im Gegensatz zu vielen Intellektuellen „Mein Kampf“ gelesen. Und ernst genommen. Ich könnte mir vorstellen, dass Theodor Adorno, der Hitler als eine Mischung aus „King Kong und Vorstadtfriseur“ bezeichnete,– wobei man heute gleich an einen anderen Typen dieser Sorte denken kann – die darin angekündigte Ausrottung der Juden nicht erwartete, weil er einen solchen Schund gar nicht erst in die Hand nahm…. Und nach dem Krieg, als er gefragt wurde, warum er trotz allem nach Deutschland zurückgekehrt sei, antwortete er: Ich wollte einfach dorthin zurück, wo ich meine Kindheit hatte, am Ende aus dem Gefühl, dass, was man im Leben realisiert, wenig anderes ist, als der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen.

Rosa Luxemburg war Polin. Sie WOLLTE Deutsche werden, weil sie in der deutschen Sozialdemokratie ihre Chance sah, gemeinsam mit den Genossen die Welt zu verändern. Sie glaubte fest daran, dass die Revolution von Deutschland aus den Anfang nehmen würde. Sie ging in der Schweiz eine Scheinehe mit einem Deutschen ein, von dem sie sich kurz darauf wieder scheiden ließ, zog nach Berlin und schrieb an Leo Jogiches, ihren polnischen Geliebten und Mitstreiter: „Von den Deutschen werden wir uns fernhalten.“ Im Januar 1919 wird sie von deutschen Freicorpssoldaten ermordet.

Als ich in den frühen sechziger Jahren nach Paris ging, als „fille au pair“ – es war eine freiwillige Flucht aus dem spießigen Adenauer-Deutschland –, hatte ich immer noch meinen grauen Aliens-Pass, und beinahe hätte ich, wie Rosa Luxemburg, einer Scheinehe zugestimmt, nur um keine Angst mehr haben zu müssen, aus dem Zug gezerrt zu werden, was mir einmal an einem belgischen Grenzbahnhof mitten in der Nacht zustieß. Ich hatte versäumt, mir für Belgien ein Transitvisum zu besorgen. Für jedes Land, in das oder durch das ich reisen wollte, wurde ein Visum von mir verlangt, was meine sowieso schon prekären finanziellen Mittel als arme Studentin arg schmälerte. Der belgische Grenzbeamte warf mich aus dem Zug, und begründete es damit, dass er unter den Nazis gelitten habe. Ich sagte zu ihm: „Sie wollen mich doch aus dem Zug werfen, weil ich staatenlos bin, und eben keine Deutsche “. Das ließ er nicht gelten. In meinem Pass stand: in Berlin geboren, das genügte ihm. Ich musste also vor einem hässlichen Grenzbahnhof auf den nächsten Morgen warten und nach Paris zurücktrampen, um von meinen Freunden Geld zu leihen, damit ich das Visum beschaffen und bezahlen konnte.

An dem Tag wartete meine Mutter in Düsseldorf vergeblich auf mich.

Für meine französischen Freunde gehörte ich allerdings ebenso zu den Deutschen wie für diesen belgischen Beamten. Für sie war ich eine „boche“, und in unseren Diskussionen wurde ich für die Gräueltaten der Nazis, den deutschen Einmarsch in Frankreich und jeglicher Verbrechen an den Juden für mitschuldig erklärt. Mein Einwand, ich sei staatenlos, half mir auch bei ihnen nicht. Sie hatten auch keinerlei Verständnis für meine Klage, dass durch die Stadt, in der ich geboren war, eine Mauer gebaut wurde, sie sahen in ihr nur eine gerechte Strafe für das, was die Deutschen ihnen angetan hatten. Zudem waren sie viel mehr mit ihren Problemen des Algerienkrieges befasst und mit der Frage, wie sie sich dem Militärdienst entziehen konnten. Ihr Mitgefühl galt den Algeriern und ihrem Kampf um Unabhängigkeit.

Viele Jahre später habe ich darin die Erklärung gesucht, warum gerade ich mich in vielen meiner Filme mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhundert befasst habe. Weil ich nach Antworten suchte, die ich als junge Studentin nicht geben konnte. Unaufgeklärt und allein gelassen von Lehrern und Eltern, das waren wir alle, aber ich fühlte mich im doppelten Sinn allein. Nicht nur ahnungslos. Ich war heimatlos. Alle zwei Jahre stand ich in einer Schlange von Menschen auf dem Ausländeramt in Düsseldorf, um meine Aufenthaltserlaubnis verlängern zu lassen und dafür zu bezahlen, dass ich eine Fremde war. In Frankreich hätte ich fünf Jahre lang wohnen müssen, um Französin zu werden. In Deutschland musste ich auf einen Mann warten. „Ich will verstehen“, sagte Hannah Arendt.

Später wollte ich verstehen, wieso eine Gudrun Ensslin und ihre Mitkämpfer der RAF sich der Gewalt verschrieben haben. Und ob es eine Vorgeschichte für sie gab, ich wollte begreifen, „wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“, wie es im Untertitel von Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ heißt. Mein Sohn Felix Moeller, der heute hier anwesend ist, hat gerade einen Film über diese Zeit gemacht mit dem Titel „Sympathisanten“. Heinrich Böll war einer derjenigen, die als Sympathisanten der RAF verunglimpft wurden, weil er sich für eine gerechte Behandlung der Gefangenen einsetzte.

Ich möchte jetzt kurz über zwei meiner Filme sprechen, die aus dem Verlangen, die deutsche Geschichte zu verstehen, entstanden sind.

Ich beginne mit „Rosa Luxemburg“. Bei den Demonstrationen der 68er fiel mir auf, dass nur ein einziges Bild einer Frau durch die Straßen getragen wurde: Neben Ho Chi Min, Marx, Lenin: das Portrait von Rosa Luxemburg. Sie sah darauf eher melancholisch aus und gar nicht so kämpferisch, wie ich das von einer Revolutionärin erwartet hätte. Dieser Widerspruch machte mich neugierig. Ihre und Karl Liebknechts Ermordung wurden für mich zu Vorboten der Gewalt im 20. Jahrhundert.

Eine der letzten Szenen in meinem Film zeigt Rosa Luxemburg, wie sie von Soldaten gewaltsam einen langen Teppich, im Hotel Eden, hinuntergeführt wird. Der Teppich ist rot. Aber er steht nicht für die Farbe der Revolution. Für mich symbolisiert er den Strom von Blut, der durch das Jahrhundert hindurch weiterfließen wird. Und es ist wie in einem Grimmschen Märchen, in dem alle Dinge dreimal geschehen müssen, damit sie wahr werden. Rosa bekommt zunächst einen Schlag auf den Kopf, der sie fast umbringt, wird dann von dem Offizier, der ihr zuvor noch wie ein Gentleman in den Mantel hilft, erschossen, zuletzt in den Landwehrkanal geworfen. Und bestimmt hatten ihre Mörder als Kinder die Grimmschen Märchen gelesen, und sie fürchteten sich so sehr vor dieser Frau, dass sie ganz sicher sein wollten, dass sie nie mehr zurückkehren kann. Diese Frau war eine Jüdin, und für ihre Gegner blieb sie die Fremde. Ihre Mörder haben sich wenige Jahre später Hitler angeschlossen.

Sebastian Haffner schrieb dazu: „Der Mord vom 15.Januar 1919 war ein Auftakt – der Auftakt zu den tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske-Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahrzehnten der Hitler-Zeit. Er war das Startzeichen für alle anderen. Und gerade er ist immer noch uneingestanden, immer noch ungesühnt und immer noch unbereut. Deswegen schreit er immer noch zum deutschen Himmel. Deswegen schickt er immer noch sein sengendes Licht in die deutsche Gegenwart wie ein tödlicher Laserstrahl.“

Rosa Luxemburg hatte ihren Tod nicht vorausgesehen, genauso wenig wie Theodor Adorno die mörderischen Absichten eines Hitler…. kurz vor ihrer Erschießung fragt sie den Offizier, der sie abholt: „In welches Gefängnis werde ich gebracht?“ An Gefängnisse war sie gewöhnt. Sie glaubte beharrlich an den Fortschritt der Geschichte, wie Adorno an das Rettende in der deutschen Kultur. 1917, als sie in Schutzhaft sitzt, damit sie nicht gegen den Krieg agitieren kann, schreibt sie: „Die Geschichte weiß stets am besten Rat, wo sie sich am hoffnungslosesten in die Sackgasse verlaufen hat.“ Oder 1918, in einem anderen Brief aus dem Gefängnis: „Die Geschichte hat schon manchen Misthaufen in die Luft gesprengt, der ihr im Weg stand. Sie wird es auch diesmal schaffen.“ Die Geschichte. Sie glaubte an sie als sei sie eine dritte Person, mit einer weiseren Sicht als die der Menschen.Und in einem Brief an Sonja Liebknecht: Wir werden leben, und wir werden noch Großes erleben.

Hannah Arendt blickte nicht mehr zuversichtlich in die Zukunft, sie blickte zurück in die „finsteren Zeiten“ und analysierte aufs Genaueste und Schärfste, was ein totalitäres System aus den Menschen macht. Sie spricht dabei – in einem Brief an Karl Jaspers – von der „Überflüssigmachung des Menschen als Mensch“.

Aber auch sie hatte noch eine Utopie, nicht mehr die einer Rosa Luxemburg, die der Geschichte vertraut, sondern die einer Philosophin: dass das Denken uns vor dem Bösen, vor kriminellen Handlungen bewahren kann. Vielleicht erwartete sie sich vom Denken die Kraft, die Rosa der Geschichte zuschrieb, und so war ihr, wie eine zeitgenössische deutsche Philosophin und Arendt-Kennerin, Bettina Stangneth, es ausdrückt: der Gedanke unerträglich, dass es eine böse Philosophie geben könnte.

Die Generation der 68er hielt es wiederum mit Hegel und ackerte sich durch die Schriften von Ernst Bloch und Herbert Marcuse. Suchte Hilfe bei Theodor Adorno. Sie wollte daran glauben, dass sie dazu ausersehen war, intelligent und radikal, die böse Geschichte Deutschlands in eine Heilsgeschichte umzuwandeln. Und sie fanden sich, wenn auch nicht in deren Bildungsbürgersprache, in ihrem Glauben an die Möglichkeit der Veränderung bei Rosa Luxemburg wieder.

Zitat aus einer Rede Rosa Luxemburgs an die Arbeiter: „Noch liegt die Macht bei denjenigen, die sich allein auf eine Welt von Mordwaffen stützen, noch werden Kriege vorbereitet, noch reagiert der Kriegsgott Mars die Stunde. Aber wie Wallenstein im Schillerschen Drama sagte: Der Tag ist nah, der Tag, der uns gehört. So wird der Tag nahen, an dem wir, die unten stehen, nach oben kommen, um eine Gesellschaftsordnung wahr zu machen, die des Menschengeschlechts würdig ist, eine Gesellschaft, die keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen kennt, die keinen Völkermord kennt, eine Gescheinschaft, die die Ideale sowohl der ältesten Religionsstifter als auch der größten Philosophen der Menschheit verwirklichen wird.“

Adorno sagt in „Die Wunde Heine“: „Es gibt keine Heimat mehr als eine Welt, in der keiner mehr ausgestoßen wäre, die der real befreiten Menschheit. Die Wunde Heine wird sich schließen erst in einer Gesellschaft, welche die Versöhnung vollbrachte.“

Dass ich heute Abend von der Stadt Frankfurt einen Preis entgegennehmen darf, der mit seinem Namen verbunden ist, macht mich zu einer Person, die in ihrem Land nun endgültig keine Fremde mehr sein muss. Dafür danke ich der Jury. Sehr.

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