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Margarethe von Trotta Balance des Glücks

Sie eröffnete weiblichen Themen ein Massenpublikum: Filmemacherin Margarethe von Trotta erhält den Frankfurter Adorno-Preis.

Margarethe von Trotta
Margarethe von Trotta, hier 2017. Foto: dpa

Fragen wir uns besser nicht, wie Theodor W. Adorno auf die heutige deutsche Film- und Fernsehwirtschaft blicken würde: Die Kulturindustrie, heißt es in seiner 1951 veröffentlichten Schrift „Minima Moralia“, habe „nicht erst den Schund für die Kunden, sondern die Kunden selber hervorgebracht.“ Wenn die Stadt Frankfurt ihren renommierten Adorno-Preis nun schon zum dritten Mal an eine Künstlerpersönlichkeit aus der Filmwelt vergibt, wirkt das schon wie eine vorsichtige Korrektur des Philosophen und Kulturkritikers. „Adorno hielt von Film und Kino gar nichts“, weiß der frühere Adorno-Preisträger Alexander Kluge. „Allerdings respektierte er den Autorenfilm.“

Die 76-jährige Margarethe von Trotta erhält nun als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des Autorenfilms den nur alle drei Jahre vergebenen, mit 50 000 Euro dotierten Adorno-Preis. Am 11. September, Adornos Geburtstag, wird sie ihn in der Frankfurter Paulskirche entgegen nehmen. Wie groß ihr Ansehen in der internationalen Filmwelt auch heute ist, konnte man gerade erst wieder in Cannes erleben, wo ihr Dokumentarfilm „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ Premiere hatte. Sie beschreibt darin Bergmans Filmsprache als große Inspiration. Tatsächlich schuf sie mit ihrem Politdrama „Die bleierne Zeit“ sogar einen der erklärten Lieblingsfilme Bergmans. 

Ihre Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig 1981 war 
eine der ersten bedeutenden Auszeichnungen für eine Filmemacherin überhaupt und kam einem Durchbruch für die Anerkennung des feministischen Kinos gleich. Trotta verarbeitet darin die Biografien der Schwestern Christiane und Gudrun Ensslin zu einem individuellen Diskurs über Identitätsfindung in der Politisierung und gesellschaftliche Veränderungen. Schon ihr Vorgängerfilm „Schwester oder die Balance des Glücks“ hatte vor dem Hintergrund einer ungleichen Schwestern-Beziehung den Blick auch auf gesellschaftliche Ungleichheiten gelenkt. 

Es gab ästhetisch radikalere Positionen unter den Filmemacherinnen, die seit den späten sechziger Jahren in die Männerdomäne des Kinos eindrangen: Vera Chytilová, Chantal Akerman, Agnès Varda, Birgit Hein, Helke Sander ließen sich nennen, doch von Trottas Filme zielten nie auf ein Nischenpublikum. Ihre Biopics „Rosa Luxemburg“, „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ und „Hannah Arendt“ waren große Erfolge. Im Wechsel mit intimen Kammerspielen und großen Zeitbildern gelang Margarethe von Trotta ein ebenso persönliches wie populäres Filmwerk. 

Ihre Protagonistinnen beschreibt das Kuratorium des Adorno-Preises in seiner Begründung als „Frauen, die sich den Brüchen und Zumutungen ihrer jeweiligen Zeit mit großer Intelligenz, persönlicher Stärke und einem dezidierten Willen zur Veränderung der gesellschaftlichen als auch politischen Verhältnisse stellen.“ Wie nur wenige Autorenfilmer hat von Trotta bis heute ein treues Publikum. Für ihre Ausdauer, Konsequenz und Treue sich selbst gegenüber wird diese Filmemacherin nicht nur bewundert, sondern geliebt. 

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