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„Mandy“ Ist das Trash oder ist es Kunst?

Eine Genreperle: Panos Cosmatos’ stimmungsvoller Horrorfilm „Mandy“ bietet Nicolas Cage eine Paraderolle.

Mandy
Mandy in ihrem Refugium. Foto: Kochmedia Film

Das Unergründliche und das nur allzu Simple liegen oft nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Einige der schönsten Werke der Popkultur spielen an diesem schmalen Grat, und auch diesen finster-psychedelischen Horrorfilm mit dem wohlklingenden Titel „Mandy“ wünschen wir uns wohl nirgendwo anders hin. Schließlich trennen auch das Okkulte und das Kultige im Idealfall nur ein paar Buchstaben.

Mit einer anonymen Spruchweisheit beginnt der Film; in ein paar gereimten Zeilen wünscht sich da jemand, auf zwei Lautsprechern und mit einem Kopfhörer begraben zu werden: „Rock’n’roll me when I’m dead“. Eine Internetrecherche führt sie zurück auf die letzten Worte eines hingerichteten Texaners. Was immer man von dem folgenden zweistündigen Totentanz am Ende sagen mag – er kommt dem Geist des Rock’n’Roll tatsächlich auf eine sehr spezielle Art ausgesprochen nahe. Es ist ein „Easy Rider“ im Genre des Kettensägenhorrors. Schon die ersten Standfotos des irre blickenden Hauptdarstellers Nicolas Cage wecken freilich die Frage: „Ist das Kunst, oder ist das Trash?“ 

In den unwirklichen Mischtönen aus Purpur und Orange ist die Waldlandschaft beleuchtet, in der Cages Holzfäller Red mit seiner Kettensäge hantiert. Von jeder missbräuchlichen Verwendung des Arbeitsgeräts ist er da noch weit entfernt: Gemeinsam mit seiner ätherischen Mandy (Andrea Riseborough) lebt er friedlich in einer Hütte, die trotz ihrer nicht ganz gerade eingesetzter Fenster einen besonderen Gestaltungswillen verrät. Allein die gelb-orangene Blümchentapete im Bad zeugt von einem eigenen psychedelischen Biedermeier. 

Nur der Fernseher, stets auf Kanal 13 geschaltet, rauscht verdächtig jenseitig. Einmal zeigt er auch einen altertümlichen Werbespot für ein fiktives Fertiggericht. Aus einem Nudelteller taucht da der „Cheddar Goblin“ vor zwei Kindern auf und erbricht für sie eine verlockende Mahlzeit.
Die gegenwärtige Renaissance der phantastischen Genres lädt zu manchen Retro-Festen ein. Doch nur selten halten sich Schmunzeln und Schauern so fein in der Balance wie in dieser zweiten Regiearbeit des Kanadiers Panos Cosmatos. Sein Erstling „Beyond the Black Rainbow“ liegt bereits acht Jahre zurück; er kam noch etwas zu früh als Abgesang auf die speziellen Spielarten des Horrors, die mit den Videotheken unterzugehen drohten.

Nun aber ist die Zeit reif: Als schwelgerischer Stimmungsfilm hat „Mandy“ nicht mehr zu erzählen als eine durchschnittliche Heavy-Metal-Nummer. Doch dies tut er so einfallsreich, dass er seine Premiere jenseits der „direct-to-video“-Kanäle beim Filmfestival von Sundance feierte. In Cannes lief er gar in der renommierten Reihe „Quinzaine des réalisateurs“. 

Die Idylle des Liebespaars, das sich mit leiser Stimme seine Träume erzählt, währt nicht lang. Eine Biker-Sekte nimmt das Paar gefangen. Als die junge Frau den eitlen Sektenführer auslacht, ist es um sie geschehen. Die zweite Hälfte des Films folgt den Pfaden einer einfachen Rachegeschichte, die auch die Kettensäge schließlich zu ihrem eigentlichen Auftritt führt. 

Wie Brosamen hat der Filmemacher Verweise auf Genreklassiker wie „Freitag der 13.“ oder „The Evil Dead“ in seinem Horrorwald verstreut, doch solcher Köder bedarf es gar nicht. Es sind zwei erstaunliche künstlerische Einzelleistungen, die diesen Film so einzigartig machen. Zum einen ist das die Filmmusik von Jóhann Jóhannsson, die letzte große Arbeit des Isländers, der im Februar in Berlin gestorben ist. Der fast durchgehende Soundtrack zwischen Art Rock, Psycheldelic und Heavy Metal überhöht das Geschehen subtil ins Opernhafte. Das zweite Ereignis an diesem Film ist Nicolas Cage. 

Was ist nur aus dem Oscar-Preisträger für „Leaving Las Vegas“ geworden? Wie ein Berserker grimassierte er sich zuletzt durch B-Pictures ohne Kinostart: „Army of One“, „Arsenal“, „Vengeance – Pfad der Vergeltung“. Und selbst wenn es noch immer die Steuerschulden sein sollten, die den einstigen Sammler von Schlössern vor die Kamera treiben sollten – dieser Film wenigstens scheint nur für ihn gemacht. Wie ein magisches Motorrad, das den Highway rückwärts in die Vergangenheit rast, bringt er ihn zurück zu seiner prägenden Rolle in David Lynchs „Wild at Heart“. Wie das Paar Sailor und Lula begegnen uns Cage und seine Spielpartnerin Andrea Riseborough zu Beginn, fast so als hätten sie im Holzfällerwald ein Refugium gefunden.

Der zärtliche Ton, mit dem „Mandy“ diese Weltflüchtigen in ihrem morbiden Idyll einfängt, ist unwiderstehlich. Schon am 22. November wird der Film auch auf DVD und Bluray zu haben sein – Videotheken, die diese Genreperle gewiss mit offenen Armen willkommen geheißen hätten gibt es ja fast gar nicht mehr.

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