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„Lucky“ Schildkröten sind Eigenbrötler

John Carroll Lynch hat dem großartigen Schauspieler Harry Dean Stanton in „Lucky“ eine seiner größten Filmrollen beschert: Er spielt sich einfach selbst.

Lucky
Harry Dean Stanton als fabelhafter Vertreter eines „weird America“, seltsamen Amerikas. Foto: dpa

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des amerikanischen Patriotismus, dass man die wahren Originale in den Anti-Helden sieht. So kann man gleichzeitig den American Way of Life zutiefst verachten und doch die wunderbaren Verlierer lieben, die er hervorbringt.

Der Pophistoriker Greil Marcus sprach vom „old weird America“, das die neuen Folk-Heroen um Bob Dylan in den sechziger Jahren suchten. Susan Sontag wählte für ähnliche Phänomene in der Fotografiegeschichte den Begriff des „amerikanischen Surrealismus“, und David Lynch entwarf einen ganzen filmischen Kosmos daraus. Aber es reicht schon, sich in den Nebenfiguren eines alten John-Ford-Westerns umzuschauen, um sich in den Gesichtern die Geschichten der ewigen Outcasts vorzustellen, störrisch und zäh wie die Kakteen in der Wüste.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Schauspieler Harry Dean Stanton hat zwar nie bei John Ford gespielt, aber in nahezu jeder Westernserie, die das amerikanische Fernsehen hervorgebracht hat. Mit seinem faltigen Gesicht, der markanten Nase, den warmen Augen und den strohigen Haaren hätte er aber auch einen der Geier im „Dschungelbuch“ verkörpern können.

„Lucky“ ist Harry Dean Stantons letzter großer Film, und einer der wenigen, in denen er überhaupt eine Hauptrolle spielte (die erste gab ihm in einem Geniestreich Wim Wenders in „Paris, Texas“).

John Carroll Lynch hat diesen Film ganz für Stanton gemacht, und obwohl es ein Spielfilm ist, kann man ihn besser einen Porträtfilm nennen. Vor allem aber ist es ein Liebesbeweis, der jetzt, da Harry Dean Stanton nicht mehr lebt, noch mehr zu Herzen geht als bei seiner Premiere vergangenen Sommer in Locarno. Es sollte über jeden geliebten Filmstar solche Filme geben, in denen sie noch einmal Gelegenheit haben, all das zu tun, was sie am besten können.

Stanton war zum Beispiel nebenbei ein begnadeter Mariachi-Sänger. Also schreibt ihm Lynch eine Szene, in der er bei mexikanischen Einwanderern eingeladen wird und aus dem Stand heraus den Klassiker „Volver, Volver“ anstimmt und damit alle zu Tränen rührt. Aber natürlich wirkt diese Szene nur, wenn wir Stantons Filmfigur vorher als jenen Eigenbrötler erleben, der er war. Als einen Maverick, bei dem man alles und nichts für möglich hält.

Wenige Schauspieler konnten eine Leinwand füllen wie der hagere Harry Dean Stanton. Lynch inszeniert in seinem Regiedebüt das faltige Gesicht bevorzugt in leichter Untersicht, mittig vor dem blauen Wüstenhimmel von New Mexico. Die verknitterte Krempe seines Cowboyhuts denkt nicht daran, zu den Rändern des Breitwandbildes auszuholen.

Man erfährt wenig über den 90-jährigen Lucky (Stanton war 91, als er starb), der unter allgemeiner Mithilfe geduldig seine Kreuzworträtsel löst – und die großen Worte, die in die kleinen Kästchen passen, später zu Hause in einem gewaltigen Wörterbuch nachschlägt. Dann kommt er am nächsten Tag zurück und teilt seine Erkenntnisse allen mit, ob es nun jemanden interessiert oder nicht: „Realismus ist ein Ding! Es ist eine Lebensauffassung, die Menschen und Dinge so nimmt, wie sie sind.“

Auch wenn man es nicht erwarten würde – in dieser nur äußerlich surrealen Wüste am Rande der USA wird Realismus groß geschrieben. Seine bevorzugten Ausdrucksformen: Fatalismus, Einsilbigkeit und eine mit allen Wassern gewaschene Nüchternheit.

Stanton wirkt in diesem Film noch immer wie ein Outlaw, auch wenn die Rebellion von „Lucky“ beim stets aufs Neue verhinderten Versuch bleibt, in der Kneipe wie früher eine Kippe anzustecken.

Auch das größte Drama dieses herrlichen Films findet lediglich in ein paar knappen Sätzen statt. Ein von David Lynch im weißen Anzug gespielter Kneipengast – übrigens nicht verwandt mit dem Regisseur – beklagt in wenigen, aber bewegenden Auftritten den Verlust seines treuen Haustiers, einer Schildkröte namens Roosevelt. Sie ist ausgebüxt – und niemand weiß wohin.

„Schildkröten sind einzigartige Tiere“, sagt Lynchs Filmfigur. „Würdig wie Könige und lieb wie Großmütter.“ Nach ein paar Tagen aber ist der Verlust verschmerzt, denn auch einer hundertjährigen Schildkröte muss man ihren Willen lassen. So wie einem Original des „weird America“.

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