Lade Inhalte...

Lucas Kinderfilmfestival Frankfurt Unordnung und frühes Leid

Das Frankfurter Kinderfilmfestival Lucas macht sich in seiner 37. Ausgabe mit Filmen aus aller Welt um das Thema Migration verdient.

Schülerinnenleben in Bangladesch: „Go Straight Home“. Foto: DIF

Auf seinem T-Shirt steht „We are for nature“, und wenn er wüsste, was das heißt, müsste es Oko als Hohn empfinden. Aber der Junge aus Ghana weiß vermutlich nicht einmal, was Natur ist.

Denn von ihr ist nichts zu sehen am Rande der Metropole Accra, wo Oko und sein Freund Koja leben – in einem Meer von Müll, den sie mit den Gerippen von Lautsprechern durchwühlen, um ein paar Schrauben und andere Metallteile herauszuklauben. Deren Verkauf verschafft ihnen wenigstens etwas zu essen.

„Sodoms Kinder“ hat der deutsche Regisseur York-Fabian Raabe seinen 15-minütigen Film genannt, in dem er den Tagesablauf der beiden jungen Müllsammler ohne Kommentar dokumentiert. Der unter die Haut gehende Film läuft bei der 37. Ausgabe des Frankfurter Kinderfilmfestivals Lucas in der Sonderreihe „Focus Migration – Traum oder Trauma?“, und obwohl die Protagonisten vermutlich noch nicht einmal das Wort je gehört haben, passt die Schilderung ihres Schicksals dahin. Denn sie bestreiten ihr Dasein vom Abfall der Industrienationen, die ihren Müll wie etwa den giftigen Elektro-Schrott nach Afrika „wandern“ lassen.

Und um dem Elend zu entfliehen, das die sogenannte zivilisierte westliche Welt in dem südlichen Erdteil angerichtet hat, riskieren immer mehr Menschen immer häufiger ihr Leben – und landen oft in Baracken, zusammengepfercht mit anderen aus anderen Ecken der Erde.

Brutal in die Kindheit eingreifen

Wie in „Salam“ Ara, der junge Armenier, und Mo aus Guinea, mit dem er im Wald hinter dem Lager Blutsbruderschaft geschlossen hat. Der niederländische Regisseur Johan Timmers zeigt, wie sich trotz widrigster Bedingungen in den Flüchtlingsunterkünften eine Art Parallelgesellschaft auf Zeit entwickelt, denn über Nacht können beste Freunde plötzlich für immer getrennt werden.

So ergeht es Ara und Mo, so ergeht es Jamila in „Jamila – Wenn ich nur fliegen könnte“ von Jannik Hastrup. Die Achtjährige hat im Asylbewerberheim in Dänemark Cecile als Freundin gefunden und muss sich ebenfalls damit auseinandersetzen, dass andere brutal in ihre Kindheit eingreifen. Und das sind nicht ihre Eltern.

Die Mütter von Ara wie von Jamila sind durch das Dasein im Lager von Depressionen gezeichnet, die Kinder können wenigstens spielerisch Welt entdecken, mag sie auch noch so klein und eingezäunt sein. Filmemacher Hastrup hat eine formal schöne Lösung für seinen Kurzfilm gefunden: Er hat die triste Unterkunft gefilmt und am Computer nachbearbeitet und lässt seine Heldinnen als Zeichentrick-Figuren erscheinen. Der Ton aber ist die Originalstimme von Jamila, die von ihrem Traum vom Fliegen erzählt.

Rebas Traum ist der von einer Ausbildung. Aber die Verwirklichung wird ihr schwer gemacht in Bangladesch. Denn auf dem Weg zur Schule wird sie immer wieder sexuell belästigt, wie vier von fünf Schülerinnen in diesem Land. Die aufrüttelnde Dokumentation „Go Straight Home“ der schwedischen Regisseurinnen Maud Nycander und Iga Mikler zeichnet das Bild einer Macho-Gesellschaft, die jungen Frauen oft nur eine Heirat und damit das Leben hinter verschlossenen Fenstern als Ausweg aus sexuellen Übergriffen lässt.

Das Schicksal junger Mädchen in der Enge eines Dorfes in der weiten Landschaft Kurdistans ist dem Rebas ähnlich – oder schlimmer. Hisham Zaman, der Regisseur von „Der junge Siyar“, floh selbst einst aus dem Irak und landete in Norwegen. Er nimmt bei seinem Spielfilmdebut das Motiv des „Ehrenmords“ zum Anlass, von der Menschwerdung eines tumben Toren zu erzählen.

Siyar, 16, nach dem Tod des Vaters Familienoberhaupt, stimmt der Hochzeit seiner älteren Schwester mit einem Mann aus dem Dorf zu. Aber sie flieht, und er folgt ihr, quer durch Europa, um sie zu töten. Der Bauernsohn wird zunächst in das Chaos der Metropole Istanbul geworfen, wo er eine Taschendiebin kennenlernt, um dann, von „Freunden“ aus seinem Heimatdorf wie auch von Schleppern abhängig, eher Opfer als Täter, über Griechenland und Berlin bis nach Norwegen zu gelangen. Das wird angenehm lakonisch erzählt. Hauptdarsteller Taher Abdullah Taher vermag den Reifeprozess seiner Figur mit stoischer Entschlossenheit darzustellen.

„Kinderfilme“ sind die Arbeiten in dieser Sparte alle nicht, aber das war bei Lucas ja ohnehin selten das passende Etikett. Das gilt auch für „Leave To Remain“ des Briten Bruce Goodison, der von Teenagern in einer Asylunterkunft erzählt und dabei die Lebenslust der jungen Leute mit der permanenten Bedrohung der Abschiebung konfrontiert.

Da ist eine der Hauptfiguren ein junger Halbwüchsiger, der vom Morden in seiner Heimat Afghanistan traumatisiert und nun den Demütigungen durch die Behördenprozeduren ausgesetzt ist.

Goodison setzt die Betreuer der jungen Leute in ein gutes Licht, spart aber die Konflikte zwischen den Einwanderern nicht aus, die Unordnung und frühes Leid oft an ihre inneren Grenzen bringen. Denn in diesen Extremsituationen kann sich mitunter auch der Landsmann als Feind erweisen, und das beschönigen die hier gezeigten Arbeiten nicht. Mit seiner Auswahl hat sich Kinderfilmfest Lucas jedenfalls um das brennende Thema Migration verdient gemacht.

Internationales Kinderfilmfest Lucas in Frankfurt (Filmmuseum, Metropolis) und Offenbach (Cinemaxx): bis 28. September. www.lucas-filmfestival.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen