Lade Inhalte...

Lucas-Filmfestival in Frankfurt Wahre Geschichten, echte Auswege

Das Frankfurter Lucas-Filmfestival für junge Leute bildet schonungslos das Leben ab, macht aber auch Hoffnung.

Barbara Miguel
Barbara Miguel als Lulu in „Wan-tu-tri (1-2-3)“, Philippinen, 2016. Foto: Deutsches Filminstitut

Das Leben als junger Mensch, man vergisst das so schnell, ist hart. Aber wie hart es erst mal in anderen Ländern sein kann, das zeigt das Frankfurter Lucas-Filmfestival für junge Kinofans in diesem Jahr besonders deutlich. 

So schlimm kann das Leben etwa auf den Philippinen sein, dass die zwölf, vierzehn Jahre alten Jungen in Jubel ausbrechen, wenn ein Sonnenstrahl auf die fünf Quadratmeter Innenhof vor ihrem Fenster fällt, während sie auf Freier warten. So schlimm, dass tanzende Mädchen in den Bars von Manila mit grünen Laserpunkten ausgewählt werden, zu den solventen Herren aufs Zimmer zu kommen. 

„Wan-tu-tri (1-2-3)“ heißt der Film von Regisseur Carlo Obispo, der davon erzählt. Wie die kleine Lulu glaubt, dass die Talentsucher sie wegen ihrer schönen Stimme in die Hauptstadt locken – ein katastrophaler Irrtum. Der Film ist für ein Publikum ab zwölf Jahren freigegeben und empfohlen ab fünfzehn. Deutliche Warnung vor allem ans Lehrpersonal, das mit Schulklassen anrückt. 

Die philippinische Deutschlandpremiere ist nicht der einzige Film im 2017er Jubiläumsprogramm zum 40. Lucas, der das Publikum an die Grenzen seiner Belastbarkeit führen dürfte. Subtiler, zarter und doch enorm intensiv geht „Primero Enero“ aus Argentinien den Verlust der Mutter an. Drastischer, brutal geradezu zeigt „Der Tag wird kommen“ aus Dänemark, wie es dort in den Kinderheimen der 60er Jahre zuging. Das dürfte sich nicht sehr stark von Verhältnissen hierzulande abheben. Aber man muss gar nicht über die Grenzen gehen, um Drängnisse und Auswege für junge Menschen zu zeigen, das gilt sowohl räumlich als auch in der Wahl der Mittel: „Königin von Niendorf“ für Kinder ab sechs, empfohlen ab acht, erzählt von Mut und Freundschaft und Mädchen und Jungen und hat damit schon reichlich Preise abgeräumt. 

Möglich, dass beim Lucas ein weiterer hinzukommt. Aber die Konkurrenz ist stark, in beiden Wettbewerben, 8+ und 13+. „Wan-tu-tri“ war zunächst ein Kurzfilm, ehe Carlo Obispo nach fünfjähriger Suche einen Regisseur fürs Langformat fand. Der junge Filmemacher stammt aus einem Dorf und war so erschüttert, als er 2005 nach Manila kam, dass er davon in Nah und Fern erzählen musste. „Ich habe allein ein Jahr lang recherchiert“, schildert er den jungen Zuschauern nach der Vorstellung. „Auf den Philippinen leben 100.000 Kinder in der Prostitution.“

Ob sein Film eine wahre Geschichte sei, wollen die Schüler wissen, mehrere Klassen aus der Frankfurter Ernst-Reuter-Schule. „Wahre Geschichten“, verwendet Obispo die Mehrzahl, um zu verdeutlichen: Er fasst Schicksale beispielhaft zusammen. Seine Darsteller sprechen ihre Muttersprache, die Untertitel sind englisch. Nicht leicht für eine neunte Klasse. Aber vielleicht auch gut geeignet, um eine dünne Decke der Distanz zwischen sich und das Grauen bringen, von dem der Regisseur betont, es sei real. 

Während des Films wird sogar stellenweise gelacht, im Saal und auf der Leinwand. Im Saal nicht viel, was bemerkenswert ist. Wer an seine eigene Schulzeit zurückdenkt, dem fallen wahrscheinlich zehn Leute ein, die von Anfang bis Ende sauber durchgelacht hätten, und sei es, um Härte zu beweisen. Man verspreche sich eine Erweiterung des Horizonts, sagt Ernst-Reuter-Lehrer Robert Weidenhausen, „einen anderen Blick“. Seit der fünften Klasse gingen diese Schüler jedes Jahr zum Lucas, sagt er, und es gebe stets positive Rückmeldungen. Themen wie Flucht, Genderproblematik: „So etwas interessiert sie.“

Noée Abita als Ava - eine Klasse für sich

„Ava“ hätte sie sicher auch interessiert, die Geschichte einer 13-jährigen Französin, die ihr Augenlicht langsam verliert, aber dieser Film ist ab 16, und man versteht, warum. Ava wird nur noch diesen Sommer sehen. Wie Noée Abita ihr vielschichtiges Desaster spielt – Pubertät, hilflose Mutter, kein Vater, wachsende Dunkelheit, „ich fühle nichts“ –, das ist eine Klasse für sich. Die Inszenierung ebenso schonungslos gekonnt, mit Schockszenen, Horror, drastischem Sex. Ein schwarzer Hund führt sinnbildlich für die zunehmenden Schatten durch die Handlung, aber je düsterer es um Ava wird, desto mehr hellt sich ihr Leben auf. 

Leider ist das Kino bei diesem Film, immerhin 2017 in Cannes gezeigt, fast leer. „Wir haben viele volle Säle in diesem Jahr, aber auch den einen oder anderen traurigen Film“, sagt Festivalleiterin Julia Fleißig. Manche Gruppen hätten abgewiesen werden müssen, weil sie eben noch nicht 16 waren. Die „Ava“-Hauptdarstellerin steht am Ende trotzdem tapfer Rede und Antwort, auch zu den Nacktszenen und überhaupt zur Arbeit als Schauspielerin. Es sei anstrengend, manchmal peinlich, sagt sie. „Und es gibt so viele verschiedene Arten, sich selbst zu sehen. Das ist sehr interessant.“ Sobald die Zielgruppe das Zielalter erreicht hat, sind ihr solche Filme sehr zu empfehlen. Das ist nämlich die große Stärke des Lucas-Festivals, auch nach all den Jahren: Man kann dort sehen, dass andere Jugendliche ebenfalls Probleme haben, und dass es immer Wege gibt, damit zurechtzukommen. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum