Lade Inhalte...

Lubitschs „Weib des Pharao“ Mit Pathos gegen den Schalk im Nacken

Ein Film ist neu geboren: Ernst Lubitschs Monumentalfilm „Weib des Pharao“ feiert vor der Kulisse des Neuen Museums in Berlin eine glanzvolle Orchesterpremiere.

Undatierte Aufnahme des deutsch-amerikanischen Regisseurs Ernst Lubitsch. Foto: dpa

Hundertfünfzehn Jahre Filmgeschichte haben viele Dinge ins Dunkel gerückt, doch nicht unbedingt das Werk der großen deutschen Stummfilmregisseure. Man weiß heute sehr viel über das Weimarer Kino, das nicht aufhört, Filmforscher und DVD-Sammler in aller Welt zu interessieren. Auch Ernst Lubitschs Monumentalfilm „Das Weib des Pharao“, der am Samstag vor der Kulisse des Neuen Museums in Berlin eine glanzvolle Orchesterpremiere feiert, ist nicht gerade ein unbekanntes Meisterwerk. Eher gilt es schon als ungeliebtes Nebenwerk, selbst unter eingefleischten Fans des großen Filmkünstlers. Den achtet man für seine stilbildenden Ausstattungsfilme wie „Anna Boleyn“ und „Madame Dubarry“, die ihm früh den Ruf nach Hollywood bescherten. Aber man liebt ihn für seine süffisanten Komödien.

Verglichen mit denen erscheint Lubitschs früher Sandalenfilm über einen Krieg zwischen Ägyptern und Äthiopiern, der unfreiwillig ausgelöst wird von einer Femme fatale, die man in einer Sphinx einmauert, pompös und schwerfällig. Diese Einschätzung wurde durch lückenhafte Kopien genährt (noch immer fehlen gut fünfzehn Prozent der Szenen). Doch sie dürfte sich Samstagabend ändern – und dies nicht allein wegen der farbig viragierten Restaurierung, die das Bundesarchiv/Filmarchiv nach der Pionierarbeit des Münchner Filmhistorikers Enno Patalas fertigstellte. Der Schlüssel zur Neubewertung von „Das Weib des Pharao“ ist vielmehr eine Quelle, die von der Filmwissenschaft viel zu lange sträflich ignoriert wurde, aber nun für die Ausstrahlung auf Arte wiederentdeckt wurde: die originale Filmmusik. Sie stammt von dem Operettenkomponisten Eduard Künneke, der im Jahr der Dreharbeiten, 1921, auch seinen größten Erfolg feierte mit „Der Vetter aus Dingsda“.

Orientalisches Klanggemälde

Das Erstaunliche an seiner klanggewaltigen Filmsinfonie: Sie nimmt das Filmdrama absolut ernst. Würde man heute diesen Film neu vertonen, man täte unwillkürlich das genaue Gegenteil. Man würde nach der Ironie darin suchen, die sich musikalisch beantworten ließe. Man könnte nicht anders, als den genialen Humoristen Lubitsch auch in diesem Historiendrama zu suchen. Und für den Feinsinn vielleicht auch leise Töne anzuschlagen, die es bei Künneke überhaupt nicht gibt. Tatsächlich ist die erotische Verwirrung, welche die von der Max-Reinhardt-Darstellerin Dagny Servaes verkörperte Dienerin Theonis gleich unter drei gestandenen Mannsbildern entfacht, ja auch nicht fern der Komik. Zumal ihre Opfer von so bedeutenden Charakterdarstellern wie Emil Jannings (als Pharao) und Paul Wegener (als äthiopischem König) sowie dem Frauenschwarm Harry Liedtke verkörpert werden.

Doch nur selten wagt sich Eduard Künneke für eine ironische Darstellung etwa an einen launigen Klarinetten-Einsatz. Stattdessen setzt er im Auftrag des Produzenten Lubitsch auf ein großes, orientalistisches Klanggemälde in der Art von Nikolai Rimski-Korsakows sinfonischer Dichtung „Scheherazade“. Und ist darin sehr erfolgreich: Das Ziel ist die Erweiterung des Bildraums durch eine vielfarbige Sinfonik – nicht viel anders, als es heute ein John Williams täte. Die Steglitzer Studiobauten wirken so noch imposanter, als sie in der feinen Ausleuchtung ohnehin schon wirken.

Man ahnt schnell, warum die Leitmotivtechnik in der Stummfilmmusik schon damals umstritten war – erfolgreich ist sie doch: Hundertmal muss der Dirigent Frank Strobel das eingängige Hauptthema dirigieren, das mehr als nur ein wenig an Claude Debussys „L'après-midi d’un faune“ erinnert. Er hat sich entschieden, den Film mit zwanzig Bildern pro Sekunde vorzuführen, weil die Musik dann am besten klingt – ein Fünftel schneller als es bei Enno Patalas im Münchner Filmmuseum üblich war. Und plötzlich wirkt das Drama nicht mehr schleppend, sondern geradezu rasant! Dem WDR-Rundfunkorchester merkte man bei der Vor-Premiere am vergangenen Donnerstag seine große Erfahrung mit Eduard Künneke an – es badet wie selbstverständlich in seiner unterhaltsamen Sinfonik.

Ein Film ist neu geboren, allein aus der Musik: Jetzt versteht man, wie ernst es Ernst Lubitsch mit seinem monumentalen Epos war. Ein paar ironische Untertöne konnte er sich nicht verkneifen. Aber er konnte sie musikalisch unter den Teppich kehren lassen. Denn nur als ernsthafter Blockbuster konnte sein „Weib des Pharao“ auch an der Kinokasse die Massen verführen.

Arte überträgt die Premiere im Neuen Museum auf der Berlin er Museumsinsel am Samstag ab 21 Uhr live im Internet. Fernsehausstrahlung auf Arte am 26. September, 23.45 Uhr.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen