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„Loving Vincent“ Van Goghs geheimnisvoller Tod

Der handgemalte Animationsfilm „Loving Vincent“ erzählt die Mysterien um den Tod des Künstlers mit viel Fleiß und etwas Phantasie.

„Loving Vincent“
„Loving Vincent“ besteht aus 65.000 Einzelbildern. Foto: dpa

Als im Jahre 1940 die Kunstsammlung von Vincent van Goghs Arzt Paul Gachet dem französischen Staat vererbt wurde, machte sie den Kunsthistorikern erhebliche Mühe: Sie mussten die echten Van Goghs erst einmal von all den Kopien trennen, die der Hobbymaler Gachet persönlich angefertigt hatte. Jetzt kann man achtzig Minuten lang das gleiche tun: „Loving Vincent“, der erste abendfüllende Animationsfilm über den großen Maler, erzählt das tragische Lebensende des Künstlers in dessen eigenen Bildern – und vielen ähnlichen um sie herum. Hundert Künstler fertigten im polnischen Studio binnen sechs Jahren 65.000 Einzelbilder, und das, wie ein kleiner Werbehinweis im Abspann bekräftigt, sogar mit Ölfarben der Marke „Van Gogh“. Animation aus Pinselstrichen ist nichts neues, wohl aber in dieser Länge. Wer sich keinen Van Gogh leisten kann, findet auf der Webseite des Films bezahlbaren Ersatz: Zwischen 1250 und 8500 Euro kostet so ein echter „Loving Vincent“. Sie verkaufen sich prächtig.

Sieht man diesen Film in einem vollen Kino, muss man auf die Ahs und Ohs nicht lange warten – wann immer sich ein Gegenschuss als weltbekanntes Porträt erweist, der Himmel als die legendäre „Sternennacht“ oder ein Spielort als das ebenso berühmte Nachtcafé, ist es ein wirkungsvolles Déjà-vu. Sieben Jahre arbeiteten die Filmemacher Dorota Kobielas und Hugh Welchmans an dieser Fleißarbeit, doch es dauert eine gewisse Zeit, bis man bereit ist, mehr als nur eine Fleißarbeit darin zu sehen. Denn die Ästhetik dieses Films ist bei aller Perfektion ein Gefängnis in sich selbst.

Einerseits bietet schon das enge Stil-Korsett wenig Raum für individuellen Ausdruck, anderseits gibt es wiederum gar keine echte Figurenanimation – eigentlich die Seele beim Zeichentrick: Jede Szene wurde mit realen Darstellern vorgedreht und anschließend übermalt. Das bietet wenig Raum für gestalterische Phantasie. Puristen halten dieses „Rotoscoping“ überhaupt nicht für echte Animation. Aber was ist schon echt an falschen Van Goghs? Erst wenn wir das Falsche darin anerkennen, wird ein Schuh daraus. Denn das Drehbuch, der ungewöhnliche Zugang zur bekannten Lebensgeschichte, spielt genau mit dem Zweifel.

Nebenfiguren übernehmen die Hauptrolle

Es ist eine Detektivgeschichte, die hier erzählt wird und die tragischen Umstände bis zur tödlichen Kugel in immer neuem Licht erscheinen lässt. Und dabei neben dem glücklosen Mediziner Gachet noch einem anderen Van-Gogh-Fan ein Denkmal setzt: Akira Kurosawa, der für seinen Film „Träume“ eigenhändig die Ölkopien der Gemälde schuf, lieferte mit seinen Klassiker „Rashomon“ das Vorbild der Erzählform. Ob deshalb die Erinnerungen der Van-Gogh-Wegbegleiter in Schwarzweiß und einem Fotorealismus gehalten sind, der sogar reizvoller ist als der nachgemachte, knallbunte Spätimpressionismus der Haupthandlung?

Den Ermittler kennen wir aus dem Essener Folkwang-Museum. Dort hängt Armand Rolin, der Sohn von van Goghs ebenfalls mehrfach porträtierten Postboten aus Arles. Der hat einen Brief van Goghs an Bruder Theo als unzustellbar zurückbekommen und vom Tod des Freundes erfahren. Nun schickt er den Sohn damit nordwärts zu Doktor Gachet nach Auvers-sur-Oise, was nicht unbedingt von Vertrauen in die französische Post zeugt.

Während der Maler selbst nur in den illustrierten Erzählungen seiner Zeitgenossen präsent ist, übernehmen die Nebenfiguren seines Lebens die Hauptrollen – und das ist eine so zauberhafte Idee, das wir gerne bereit sind, die Ahs, und Ohs über die nachgemachten Meisterwerke anderen zu überlassen.

So begegnet der Reisende Gachets kunstsinniger Tochter, die vielleicht eine Schwärmerei für den melancholischen Hausgenossen hegte. Auskunftsfreudig gibt sich auch der Bootsverleiher an der Oise, verewigt in einem bekannten Gemälde im Kunstmuseum Detroit. Er kennt sich aus mit den Gepflogenheiten von Verliebten. Wie sich aber aus dem Optimismus des gerade erst aus dem Sanatorium als geheilt entlassenen Künstlers binnen sechs Wochen ein Todeswunsch entwickeln konnte, mag Armand Rolin nicht verstehen. Erst Doktor Gachet informiert ihn über das wechselhafte Krankheitsbild der Melancholie, immerhin Thema seiner Dissertation. Aber ist diesem Arzt überhaupt zu trauen, der nicht einmal versucht hat, die tödliche Kugel zu entfernen? Oder könnte der Maler gar ermordet worden sein von Jugendlichen, die den Sonderling auch bei seiner Freiluftmalerei gern attackierten?

Viel von dem ist wilde Spekulation, ebenso wie die im Abspann einmal mehr erzählte Legende, dass van Gogh zu Lebzeiten nur ein Bild im Leben verkauft haben soll (tatsächlich könnten es auch zehn gewesen sein). Doch es ist eine willkommene Abkehr von der üblichen Art, wie dieser beliebteste aller Maler sonst im Kino porträtiert wurde. Sicher, auch das abgeschnittene Ohr kommt vor, doch für die Streitereien mit Gauguin reichen ein paar Filmsekunden. Die Idee, van Gogh allein mit seinem Pinselduktus als emotionale Stimme präsent zu halten, mag man naiv finden, doch sie ist durchaus betörend. Nur hätte man leicht etwas freier damit umgehen können.

Die schönsten Momente sind jene, in denen die delirierenden Sonnen zu drehenden Kreisen mutieren und für einen Moment aufhören, nur Illustration zu sein.

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