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„Love, Simon“ Das darf man nur als Erwachsener

Hollywood bewirbt „Love, Simon“ als seinen ersten schwulen Teenie-Film. Sehr schwul ist er nicht.

Kinostart - "Love, Simon"
Simons Familie ist wie aus einer Werbung für Frühstücksflocken oder ähnliches entsprungen. Foto: dpa

Hollywood mit seiner Gier nach menschlichen Sorgen und Sehnsüchten brauchte Jahrzehnte, um die vielleicht größte Quelle all dieses Schlamassels anzuzapfen, die Pubertät. Erst als es Mitte der 50er Jahre mit dem Rock’n’Roll auch eine sichtbare Jugendkultur gab mit den Autokinos als sicherem Zufluchtsort, entstanden auch die ersten echten Teenagerfilme. In den siebziger und achtziger Jahren erreichte dieser Spätentwickler von einem Kinogenre seine Reifezeit mit Klassikern wie „Over the Edge“, „Ferris macht blau“ oder „Sixteen Candles“ mit dem bezeichnenden deutschen Titel „Das darf man nur als Erwachsener“. 

Aber kann es sein, dass in all dieser Blüte ein zentrales Thema der menschlichen Selbstfindung höchstens einmal bei einer Nebenfigur auftauchte? Die Entdeckung der sexuellen Orientierung? Welch ein Fremdkörper das Thema Homosexualität bei Minderjährigen in der Unterhaltungskultur noch immer ist, trägt die Romanvorlage dieses Films bereits im Titel: Becky Albertallis „Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“. Denn bei aller Toleranz, die eine aufgeklärte Gesellschaft für Erwachsene tatsächlich bis zu einem gewissen Maße hat – auf dem Schulhof gelten noch immer die gnadenlosen Normen von Zugehörigkeit und Anderssein. 

Annonciert in den USA als „the first mainstream gay teen movie“ nimmt Greg Berlantis Verfilmung eine Pioniertat für sich in Anspruch. Allerdings dauert es ein wenig, bis der Regisseur die Katze aus dem Sack lässt. Lange Minuten schwelgt er in den Klischees des Familienkinos, in Bildern, die so heimelig sind wie die Nutella-Werbung. 

Offensichtlich lebt der siebzehnjährige Simon in jener perfekten Mittelstandswelt, die schon Robert Redfords Klassiker „Eine amerikanische Familie“ auf ihre Sollbruchstellen untersuchte. Jeder ist hier eine Spur zu nett, die Eltern, die Freundesclique, der Hund und natürlich der von Nick Robinson gespielte 17-jährige Simon. Gerne würden wir das alles ironisch lesen wollen, aber es ist wohl nicht so gemeint. Alles ist bunt und wonnig an der Grenze zur Selbstparodie. 
Nach zehn Minuten möchte man, dass ein Komet auf dieses kalifornische Vorstadthäuschen kracht und der eigentliche Film, ein Endzeitdrama, beginnt. Zu allem Überfluss führt Simon auch noch jene Tagebuch-artigen Selbstgespräche, die mit ihren Alltagsweisheiten den Zuschauer wie alte Bekannte ansprechen. „Ich bin so normal wie Ihr“, sagt Simon ganz zu Anfang, und wer sich als Zuschauer nicht für normal hält, ist da schon draußen. Her mit Nick Robinsons Filmpartnern aus dem Film, der ihn mit fünfzehn Jahren bekannt machte: Die Raptoren aus „Jurassic World“ könnten dem harmonietrunkenen Spuk schnell ein Ende bereiten.

Die Geschichte entfaltet sich langsam, als Simon den anonymen Blog eines Mitschülers entdeckt, der über die Erfahrung seiner Homosexualität erzählt. Zutiefst berührt, schreibt Simon zurück, was im Nachhinein auch die Tagebuch-hafte Ansprache des Publikums erklärt. In seinem Kern verwendet diese Geschichte die schon im 18. Jahrhundert für Entwicklungsgeschichten so beliebte Form des Briefromans. In der literarischen Vorlage, die gerade als „Nur drei Worte“ auf deutsch erschienen ist, soll das – anders als im visuellen Medium des Films – sehr gut funktionieren. Während sich Simon am Computer in einen Unbekannten verliebt, kommt die Regie endlich auf ein paar Ideen. 

Immer andere Mitschüler erscheinen im Gegenschuss als mögliche Geständnis-Blogger, bis kurz vor Schluss wie in einem Agatha-Christie-Krimi alle „Verdächtigen“ feststehen. Die beste dieser imaginierten Szenen ist jene, die Simons Frage illustriert, warum sich eigentlich nur Schwule vor ihrer Familie outen müssen. Hier sieht man nun seine Freunde und Mitschüler auf alle denkbaren Reaktionen stoßen, wenn sie stammeln: „Ich muss euch etwas gestehen: Ich bin hetero“. Da richten sich schon mal die Blicke verzweifelt gen Himmel.

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