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„Love, Cecil“ Schönheit und Schatten

„Love, Cecil“, ein angemessen vielschichtiger Dokumentarfilm über den Glamourfotografen und Jahrhundert-Flaneur Cecil Beaton.

LOVE, CECIL
Zeitungsseiten, nützlich und schön: Cecil Beaton in den späten Dreißigerjahren in New York. Foto: Studiocanal

Kein Schriftsteller, kein Filmemacher des 20. Jahrhunderts hat eine Figur wie Cecil Beaton erschaffen. Wie konnte ein und derselbe Mann von den Zwanzigerjahren bis in die Siebziger überall dort auftauchen, wo gerade jene für andere unhörbaren Explosionen stattfanden, bei denen sich Genialität und Zeitgeist in Kunst verwandeln? 

Als Fotograf, Modedesigner, Filmausstatter und Autor von dreißig Büchern voll feinsinnigstem Klatsch hat Beaton ein betörendes Jahrhundertporträt hinterlassen. Mit einem untrüglichen Blick für die Schönheit von Menschen, die ihre Einzigartigkeit auszudrücken wissen, porträtierte er Fred Astaire, Marlene Dietrich, Picasso, Gertrude Stein oder den jungen Orson Welles. Als einer der Erfinder des Glamour-Stils der Dreißigerjahre übersteigerte er in der Modefotografie Schönheit ins Absurd-Surreale ohne seine Modelle der Lächerlichkeit preiszugeben. Anders aber als seine Zeitgenossen verlor er den Kontakt zu den jüngeren Avantgarden nicht. Er war der Erste, der David Hockney ein Bild abkaufte, und er schrieb klüger über Mick Jaggers Schönheit als jeder andere.

Aus all dem einen nur hundertminütigen Dokumentarfilm zu montieren, ist ein Akt äußerster Beschränkung. Man könnte es nicht besser machen als Lisa Immordino Vreeland, die bereits über eine enge Freundin Beatons ein Filmporträt drehte. Diana Vreeland, mit deren Enkel sie verheiratet ist, machte ihn als Vogue-Redakteurin berühmt. Ob Beaton, diesem verschwenderischen Flaneur, ein solches Kondensat trotz offensichtlicher Meisterschaft gefallen hätte? Vermutlich nicht.

Die Schattenseite dieses hemmungslosen Ästheten war seine Überheblichkeit. Gnadenlos notierte er in seinen Tagebüchern alles, was die Persönlichkeiten, mit denen er verkehrte, von ihrer möglichen Vollkommenheit entfernte. Einer der Zeitzeugen in diesem Film ist sein früher Filmbiograf, der Fotograf David Bailey. Er habe ein wertvolles Porträt geschaffen, gut gemacht, aber nichts wirklich Besonderes, ließ er ihn wissen. Und da hatte Bailey noch Glück: Liz Taylor und Richard Burton fand Beaton vulgär, Katharine Hepburn kühl und selbstbezogen. Diesen Film würde er wohl für seine Fleißarbeit loben, aber ihm auch einen Mangel an künstlerischem Eigensinn vorhalten. Denn obwohl die Filmemacherin sich am unverkennbaren Collagestil der Beaton-Bücher orientiert, findet sie nicht zu einem eigenen Stil – und strebt ihn vielleicht auch gar nicht an. 

Wichtiger ist die dokumentarische Seriosität, die sich an der Behandlung der entscheidenden schwarzen Stelle in Beatons Biografie bewährt: 1939 kritzelte er in eine seiner Vogue-Collagen, ein New-York-Porträt, den antisemitischen Ausdruck „kike“, winzig und versteckt und gerade deshalb besonders gehässig. Interessant ist daran aus heutiger Sicht die angemessene Reaktion: Beaton wurde gefeuert, seine Entschuldigungen halfen wenig. Es dauerte bis in die Fünfzigerjahre, bis Beaton verziehen wurde. In der Zwischenzeit hatte er sich als Kriegsreporter neu erfunden.

In den letzten Jahren fand eine regelrechte Beaton-Renaissance statt, Ausstellungen, Bildbände und Neuausgaben seiner Texte machten sein Werk wieder allgegenwärtig. Schön, dass auch die Schattenseiten hinter seinem betörenden Ästhetizismus noch einen Platz gefunden haben.

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