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Locarno Ötzi und die Avantgarde

Das 70. Festival von Locarno übte einmal mehr den Spagat von Kunst und Unterhaltung. Spannend bleibt, in welche Richtung sich das Festival zukünftig entwickelt.

„Mrs. Fang“
Szene aus dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Mrs. Fang“. Foto: Locarno Festival /dpa

„Das Kino ist die einzige Kunst, die den Tod bei der Arbeit filmt“. Was Jean Luc Godard einmal, frei nach Cocteau, über sein Medium formulierte, findet seine wörtliche Einlösung im Gewinnerfilm von Locarno. Der Chinese Wang Bing überzeugte die Jury des größten Schweizer Filmfestivals mit der dokumentarischen Beobachtung einer sterbenden Seniorin und ihrer Familie.

Mehrere Minuten ruht die Kamera da aus nächster Nähe auf dem Gesicht von „Mrs. Fang“, während ihre Angehörigen jede Veränderung ihres Zustandes lautstark diskutieren. Einig sind sich alle darin, dass es mit ihr jeden Augenblick zu Ende gehen kann, und eine nüchterne Information im Abspann gibt ihnen recht.

Seit 70 Jahren Festival in Locarno

Auch wenn die unfreiwillige Protagonistin des Films, der ihren Namen trägt, an Alzheimer im Endstadium leidet und nicht begreifen kann, wie ihr geschieht, überschreitet der auch als Fotokünstler bekannte Wang dabei Grenzen der Pietät. Einerseits hat die Anwesenheit der Familie in Erwartung des nahenden Todes etwas Tröstliches. Doch als sich eine lange Diskussion darüber entspinnt, wie es ein bereits abgereister Sohn verantworten könne, der Mutter den möglichen Trost seiner Nähe zu versagen, fragt man sich zugleich: Wenn man diesen positiven Effekt auf die Sterbende für möglich hält, warum stört dann das Filmteam nicht?

Überzeugend ist Wangs wie ein Spielfilm erzähltes Dokument dagegen in seinen Nebenschauplätzen – insbesondere wenn er die in einfachen Verhältnissen lebende Familie beim nächtlichen Fischfang zeigt. Aber lässt sich Godards Wort tatsächlich umkehren, wird gleich große Kunst daraus, wenn das Kino das Sterben filmt? Auch wenn eine Institution wie die Documenta, die diese Arbeit mitproduzierte, offensichtlich dieser Meinung ist, kann man es auch anders sehen. Je näher das Objektiv der Frau zu Leibe rückt, desto ferner wird der Film – zumindest in diesen Szenen – seinem Anspruch.

Ein wenig wie „Ice Age“ – nur ohne die Witze

Siebzig Jahre gibt es das Festival in Locarno nun schon, derzeit leitet es der künstlerische Direktor Carlo Chatrian mit einem entschiedenen Bekenntnis zu „Filmen, die außerhalb der Festivals kaum existieren könnten“.

Genau das wünscht man sich von einem Festival, auch wenn zwangsläufig Filme dabei sind, die man selbst nicht ausgesucht hätte. Drei Documenta-Beiträge und eine Koproduktion mit der Art Basel standen in diesem Jahr für eine Öffnung des Programms in Richtung der Bildenden Kunst. Doch es ist ein zweischneidiges Schwert: Denn gerade diese Arbeiten sind ja auf Filmfestivals nicht angewiesen – auch wenn man sie da vielleicht etwas sorgfältiger betrachten kann als in einer Ausstellung. Die Kurzfilmtage in Oberhausen machen sich mit diesem Konzept schon seit längerem angreifbar.

In Locarno muss das Kino allerdings keine Verdrängung durch die Bildende Kunst fürchten: Immer wieder staunt man, welchen Raum dieser kleiner Kurort Jahr für Jahr dem Film verschafft. Jetzt wurden gleich zwei neue Kinos eröffnet, und ein drittes, der 50er-Jahre-Filmpalast Gran Rex aufwendig renoviert. Und wie an kaum einem zweiten Festivalort lässt man das Neue dabei auf den Wogen der Klassiker schwimmen, indem man die besten Retrospektiven der Welt anbietet – in diesem Jahr neben dem Hollywood-Meister Jacques Tourneur und Ehrenpreisträger Jean-Marie Straub zahllose Meisterwerke früherer Jahrgänge.

Anders als etwa in Cannes, setzt man dabei auf die Schönheit alter Filmkopien, die digitalen Umkopierungen ja meist tatsächlich vorzuziehen sind. Dafür überlässt man die große Leinwand der Piazza allabendlich den Schweizer Verleihern für ihre Vorpremieren. 35 Franken lassen sich die Schweizer eine Abendkarte kosten – und nehmen bereitwillig in Kauf, dass möglicherweise ein Gewittersturm über sie hereinbricht. Für den Deutschen Felix Randau, den Regisseur des deutsch-italienisch-österreichischen Actionfilms „Iceman“, war das Ambiente durchaus passend: „Jetzt haben Sie wenigstens eine Ahnung davon, was wir beim Drehen erlebt haben“, beglückwünschte das Team am Ende die wenigen verliebenen Aufrechten in den Pfützen.

Das Ötztal vor 5300 Jahren ist der Schauplatz dieser hemmungslos-schwelgerischen, geradezu imponierend naiven Mischung aus Action-und Heimatfilm. Jürgen Vogel verleiht seinem mumifizierten Rollenvorbild Ötzi die archaischen Züge einer Schnitzerei aus Mammutzahn. Nach dem Vorbild Mel Gibsons spricht man eine archaisierende Sprache, hier vom Rätischen abgeleitet, Untertitel sind unnötig.

Es ist ein wenig wie „Ice Age“ – nur ohne die Witze. Nachdem sein jungsteinzeitlicher Stamm von Widersachern hingemetzelt wird, macht sich Vogels Figur – einen Säugling im Gepäck – auf einen einsamen Rachefeldzug. Wahrscheinlich ist die Riesenleinwand im Tal von Locarno der einzige Ort der Welt, wo ein solcher Film über sich hinauswächst. Und wie in einer längst vergangenen Filmkultur scheint hier noch die Unterhaltung mit ihren Ticketerlösen die Avantgarde wenigstens zu einem Teil mit durchzufüttern. Zu denken gibt freilich eine kleine, kaum sichtbare Namensänderung: Statt „Festival del Film“ heißt es jetzt nur noch „Locarno Festival“ auf den Plakaten. Seien wir gespannt, wohin die Reise geht.

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