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Locarno Festival Retrospektive Liebe, Brot und Schönheit

Das Filmfestival von Locarno geht mit seiner dem Filmstudio Titanus gewidmeten Retrospektive dem italienischen Filmwunder der Nachkriegszeit auf den Grund.

Wunderbar: „I figli di nessuno“ von Raffaello Matarazzo. Foto: Festival del film Locarno

Seit den frühen Stummfilmtagen beginnen Filme mit den mächtigen Logos ihrer Produktionsfirmen und Verleiher. Kein Publikum hat sich je besonders für sie interessiert. Selbst die größten Kinofans können oft nicht sagen, ob ihr liebster Hollywoodfilm nun mit den Blitzen von R.K.O, dem Wappen der Warner Brothers, oder dem brüllenden Löwen von MGM beginnt.

Eingeprägt haben sich diese Markenzeichen dennoch, so wie jeder, der das italienische Kino liebt, mit dem Namen „Titanus“ auch ein Bild verbindet.

In schöner Schreibschrift schmückt da eine Banderole ein Gebilde, das entweder dem römischen Pantheon oder einem Kühlergrill nachempfunden ist, vielleicht auch beidem zugleich. Was immer darauf folgen sollte, fügte sich ein in diese Mischung zwischen Pathos und Dynamik, Vergangenheit und Futurismo.

Das am Mittwoch eröffnete Festival im schweizerischen Locarno hat dieser Wiege der italienischen Filmkunst nun seine Retrospektive gewidmet und führt damit genau an eine Schnittstelle zwischen Kommerz und Kunst, die das italienische Kino in seiner Blüte mehr als alles andere charakterisierte. Gegründet 1904 von Gustavo Lombardo, ging die Leitung nach dessen Tod 1951 an seinen Sohn Goffredo über, der eine Serie zeitloser Klassiker produzierte. Heute leitet dessen Sohn Guido das Unternehmen.

Humor plus Sozialkritik

Noch immer bewundert man die Leichthändigkeit, mit der Luigi Comencinis Komödien der „Liebe, Brot und…“-Serie mit Gina Lollobrigida Humor und Sozialkritik verbanden, ein Charakteristikum auch vieler bei Titanus produzierter Komödien mit dem Star Totó.

Doch auch für die kompromisslose Härte von Giuseppe de Santis neorealistischer Fallstudie „Es geschah Punkt 11“ war Platz im denkbar weitgesteckten Programm: Der Einsturz einer Treppe unter dem Gewicht von 200 Frauen, die sich um eine Anstellung als Sekretärin bewerben, bietet den Rahmen für ein Geflecht einzelner Schicksalserzählungen.

Blickt man auf den formal und inhaltlich disparaten aber qualitativ erstaunlich konsistenten Corpus der Titanus-Filme, lässt sich nacherleben, wie der Neorealismus langsam verebbte, ohne seine Ideale preiszugeben. Wie sich etwa mit Fellinis rau-poetischer Gaunergeschichte „Il Bidone“ („Die Schwindler“) vielfältige Grautöne in die moralischen Wertekonzepte der Genremuster einfügen.

Und wie zugleich das klassische Melodram zurückkehrt in den unterschätzten Werken des enorm populären Regisseurs Raffaello Matarazzo, dem Locarno eine Werkschau innerhalb der Retrospektive widmet. Seinerzeit von der Kritik gescholten als Möchtegern-Neorealist, erscheint sein seit den frühen 30er Jahren entstandenes Werk heute als eine eigenständige Alternative zum realitätsnahen Gefühlskino.

Radikaler Ästhetizismus

Wie weit diese melodramatische Tradition bei der Titanus zurückreicht, demonstrieren einige der in der Retrospektive versammelten Stummfilme. „Casa mia, donna mia“ etwa entstand 1923 unter der Regie des Belgiers Charles Krauss. Die Außenaufnahmen weisen bereits voraus auf den Neorealismus.

Der radikale Ästhetizismus führte die Titanus zu künstlerischen Höhen wie Viscontis Meisterwerk „Der Leopard“ – und zugleich beinahe in den Ruin. Gemeinsam mit dem vom Amerikaner Robert Aldrich inszenierten Monumentalfilm „Sodom und Gomorra“ zwang der Film die Firma 1964 zur Verringerung ihrer Produktion. Nicht jedoch zur Aufgabe ihrer ästhetischen Ideale innerhalb des Genrekinos.

Eines der schönsten späteren Beispiele der Retrospektive ist Dario Argentos stilbewusster Erstling, der Kriminalfilm „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ mit der Musik von Ennio Morricone. Ein betörendes Schaustück – und doch hemmungslos verkäuflich.

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