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„Life“ Kein sicheres Herkunftsland

Schrecken in Schönheit: Daniél Espinosas „Life“ ist ein Science-Fiction-Film von bezwingender Einfachheit.

"Life"
Und wo versteckt sich das, nun ja, Etwas? Rebecca Ferguson und Jake Gyllenhaal in „Life“. Foto: Handout/Sony Pictures/dpa

Wir sind nicht allein“: Wie schnell aus der Hoffnung einer Gruppe von Marsforschern eine handfeste Plage werden kann, davon erzählt der Weltraum-Thriller „Life“ in geradlinigen 103 Minuten. Mit der sprichwörtlichen Ruhe im All nämlich ist es für das Forscherteam der internationalen Raumstation ISS schnell vorbei, als es eine Probe organischen Materials an Bord holt...

Erst bricht noch das Entzücken der Weltöffentlichkeit über die Wissenschaftler herein, in Gestalt einer Live-Schalte zu einer begeisterten Masse am Times Square. Einer Schulklasse kommt die Ehre zu, das winzige Etwas auf den Namen „Calvin“ zu taufen. Doch wie es sich für einen Alien gehört, hört es bald weder auf einen Namen noch auf sonst irgendetwas.

„Faszinierend“ hätte nicht nur Mr. Spock dieses possierliche Wesen genannt, wenigstens in seinem Babystadium. Alle seiner sich rasend schnell vermehrenden Zellen erscheinen multifunktional, dienen gleichzeitig als Muskel- und Nervenmaterial. Und auch auf Licht reagiert das noch würmchenhafte Wesen bereits sichtlich. Ein Mikrobiologe, dessen Name, Dr. Derry, man sich aus naheliegenden Gründen nicht lange merken muss, entwickelt ein väterliches Verhältnis zu seinem Zögling. Bis es buchstäblich in die Hand beißt, die es füttert.

Ein hastig abgestreifter Gummihandschuh hilft da auch nicht mehr, und schwups ist es auch schon verschwunden in den dunklen Winkeln der ISS. Nur um sein rasantes Wachstum mit Überraschungsangriffen auf das Personal zu nähren, vorzugsweise, indem es durch den Mund in seine Opfer eindringt.

Wer einmal Fotos der ISS gesehen hat, die nicht aus offiziellen Quellen stammen – etwa in einer Präsentation der österreichischen Weltraum-Künstlerin Barbara Imhof –, der weiß: auch im engen Raum dieser Raumstation gibt es Müll- und Schmuddelecken. Gerade recht für einen alles andere als blinden Passagier; denn dieses Biest ist ebenso mit ganzem Körper Auge wie mit seiner ganzen Ausdehnung Kneifzange oder Spinnennetz. Angesichts der Tatsache, dass es mancherorts Flugreisenden schon verboten ist, von bestimmten Flughäfen mit einem Laptop einzuchecken, darf man den Import eines fremden Wesens schon etwas blauäugig nennen. Und der Mars ist nun wirklich kein sicheres Herkunftsland.

Der schwedische Filmemacher Daniél Espinosa hat das erstaunliche Talent, die geradezu märchenhaft-archaische Geschichte vom bösen Hausgeist zu erzählen, als sei es das erste Mal. So vergessen wir fast, dass wir sie schon viel besser in Ridley Scotts „Alien“ und fast sogar noch besser in James Camerons Fortsetzung „Aliens“ gesehen haben. Und ebenso zielsicher wie das amorphe Monster in seiner Mitte, hat sich sein Film knapp zwei Monate vor den Kinostart von Ridley Scotts „Alien Covenant“ gesetzt.

Eines aber ist sicher, seine bezwingende Einfachheit wird „Life“ Scotts Genre-Comeback voraus haben. Es gibt keine weitere Bedeutungsebene und keinen doppelten Boden. Man merkt diesem Film in jedem Augenblick an, dass sein Drehbuch für einen kleinen 10-Millionen-Dollar-Film geschrieben wurde. Doch dann wuchs die Produktion, wie Espinosa der Fanseite „Denofgeek.com“ erzählte, mit jedem Star, den er an Bord holte.

An der Seite von Ryan Reynolds als jugendlichem Draufgänger spielt Jake Gyllenhaal den Schiffsarzt der Mission, dem freilich in der Handhabung so banaler Vorrichtungen wie Kabinenluken die fatalsten Kunstfehler passieren. So schwindet die nur sechsköpfige Crew dahin wie in einem Abzählvers. Wie im Klassiker mit Sigourney Weaver ist die eigentliche Hauptdarstellerin jedoch eine Astronautin; die charismatische Rebecca Ferguson spielt die Expeditionsleiterin mit kühlem Kopf und als Mutter einer schwebenden Porzellankiste.

Die eigentliche Schönheit dieses Films ist sein Gespür für Raum und Bewegung, das sich hinter „Gravity“, dem Türöffner des neuen Sci-Fi-Booms, nicht zu verstecken braucht. Dem schwedischen Komponisten Jon Ekstrand liefern diese abstrakten Qualitäten den Spielraum für eine imposante Filmmusik in großflächigem Minimalismus, deutlich beeinflusst von Philip Glass.

Und hört man schließlich Regisseur Espinosa von seinen Vorbildern schwärmen, wundert man sich nicht, dass er noch den verstorbenen Alienschöpfer H. R. Giger in der Schweiz besuchte. Tatsächlich verdankt das bezwingend scheußliche Fingerwesen viel den Ideen dieses modernen Surrealisten, der hier trotzdem nicht kopiert wird. Als weitere Einflüsse nennt Espinosa selbstbewusst Meisterwerke wie Ingmar Bergmans „Persona“ und Andrej Tarkowskijs „Solaris“, auch wenn man sie in seinem Film kaum ausmachen kann. Lediglich in seinen letzten Minuten fällt „Life“ ab, dann tut er es jenen Kapseln gleich, in denen sich die letzten Überlebenden zu retten versuchen und stürzt aus den Höhen zeitloser Science-Fiction-Schönheit.

Alien-Papst Erich von Däniken zeigte sich kürzlich überzeugt: „Die wenigsten Erdenbürger ahnen es (…) durch das öffentliche Auftauchen von Außerirdischen würden sämtliche Eliten ihre Macht verlieren.“ Folgt man dagegen dieser pessimistischen Ankündigung eines Alien-Besuchs, wären es wohl nicht nur die Eliten...

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