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Liebesdrama "Mademoiselle Chambon" Wenn Männer zuviel lieben

Wie viele große Liebesfilme der Vergangenheit vermittelt auch dieser ein Gefühl für das Sinnliche, in dem er Dialogen aus dem Weg geht.

Vincent Lindon und Sandrine Kiberlin im Film "Mademoiselle Chambon". Foto: Arsenal Films

Wie die meisten Liebesfilme, die etwas wert sind, handelt „Mademoiselle Chambon“ von der Verhinderung der Liebe durch die sogenannten Lebensumstände. In den glücklicheren Liebesgeschichten machen diese Hindernisse irgendwann Platz vor der Naturgewalt und verneigen sich mitsamt den Skeptikern huldvoll vor dem Liebespaar. In den tragischeren aber denken sie nicht einmal daran, sich diese Mühe zu machen. Es ist der Fluch von Romeo und Julia.

Während des gegenwärtigen Booms naiver Romantic Comedies und Hochzeitsfilme muss man kein Pessimist sein, um sich einen Liebesfilm der zweiten Kategorie herbei zu wünschen. Oder besser noch, einen Film, der sich wie „Mademoiselle Chambon“ in einer wunderbaren Schwebe zwischen diesen Möglichkeiten befindet.

Statusdenken wird hier ignoriert

Das erste Hindernis, das sich der Lehrerin Véronique Chambon und ihrer romantischen Begegnung, dem Bauarbeiter Jean, in den Weg stellt, ist glücklicherweise gar keines: Der Klassengegensatz. Ganze Melodramen ranken sich darum, Sirk und Fassbinder sind ihre Meister. Doch so verbreitet gerade in Frankreich das unsterbliche Statusdenken sein mag – Regisseur Stéphane Brizé ignoriert es in seiner Verfilmung des Romans von Eric Holder vollkommen.

Man lernt sich kennen, als Jean von seinem Sohn mit in den Unterricht gebracht wird, weil dort Eltern gesucht werden, die etwas über ihre Berufe erzählen. Eine merkwürdige beidseitige Schüchternheit liegt in der Luft, ein Respekt vor der Andersartigkeit. Die kann bekanntlich genauso verbindend sein wie die Gemeinsamkeit: Ein gefährlicher Nährboden ist sie dann. Wenn es darauf regnet, wird es Liebe.

Die aber ist höchst unwillkommen, denn natürlich ist Jean kein allein erziehender Vater. Er führt eine glückliche Ehe, die er nie in Zweifel gezogen hat. Und doch ist da plötzlich diese Anziehungskraft einer anderen Frau, die auf den ersten Blick sogar weniger attraktiv erscheinen mag als die eigene.

Es gibt einen Trailer zu diesem Film, der nur aus einer einzigen Szene besteht. Sie dauert 75 Sekunden und zeigt uns Jean und Véronique in einem Moment wortloser Annäherung. Die Frau setzt sich neben den Mann, sie hat gerade eine CD aufgelegt, die sie ihm vorspielen möchte.

Man sieht sich nicht an in solchen Momenten, blickt lieber abwartend zu Boden und wartet auf die Wirkung der Musik. Und wie eine Wolke füllt plötzlich eine Ahnung den Raum, dass man mit seiner Liebe nicht alleine ist. Und diese Liebe gilt nicht nur der Musik.

Es ist eine wunderbare Szene der beiden Hauptdarsteller Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain, die auch im wirklichen Leben verheiratet sind, und das bereits seit 1994. Wie herrlich, wenn man den Funken des Kennenlernens noch so griffbereit parat hat und ins Spiel einbringen kann. Dieselbe mitteilsame Diskretion dieses Augenblicks erfüllt den ganzen Film.

Wie viele große Liebesfilme der Vergangenheit vermittelt auch dieser ein Gefühl für das Sinnliche, in dem er Dialogen gerne aus dem Weg geht. Das gelingt dank der Aura, die diese Schauspieler mitbringen. Auch wenn es nur eine einzige kure Bettszene gibt, entsteht schon lange vorher eine erotische Ebene aus der Anziehungskraft ihrer Gegensätze. Diese sind recht handfest, es sind geradezu archaische Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder, die hier aufscheinen.

Idealvorstellungen von Maskulinität und Femininität

Auch wenn das Paar anders aussieht, mag es aneinander bewundern, was Jean Gabin und Marlene Dietrich aneinander bewundert haben: Äußerlich repräsentieren sie Idealvorstellungen von Maskulinität und Femininität, doch gleich unter der Oberfläche schlummert das genaue Gegenteil. Das Grobe und das Feine stammen aus dem selben Holz.

Wenn es einem Film gelingt, ein derart komplettes Bild von einem Liebespaar zu erschaffen, erwartet man, dass sich alle Widrigkeiten in Luft auflösen, um es zusammen zu bringen. Aber weit gefehlt. Obwohl dieser Film „Mademoiselle Chambon“ heißt, liegt der Konflikt bei einem Mann, der zu viel liebt.

Wie viele Dreiecksgeschichten hat man gesehen, die sich allein an der erotischen Anziehungskraft abarbeiten. Die ist im Kino ja auch viel leichter zu zeigen. Hier spielt sie interessanterweise kaum eine Rolle. Es geht darum, was passiert, wenn jemand doppelt liebt. Den einen Menschen nicht weniger als den anderen und jeden auf ganz andere Art. Das Unglück der Beteiligten ist dabei programmiert. Auch darüber macht sich „Mademoiselle Chambon“ keine Illusionen. Und doch macht dieser Film die meiste Zeit ganz einfach glücklich.

Mademoiselle Chambon. F 2009. Regie: Stéphane Brizé. 101 Min.

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