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Leinwand-Legende Margot Hielscher ist tot

In ansteckender Unbeschwertheit war Leinwand-Legende und Sängerin Margot Hielscher geradezu die Verkörperung der Kontinuität im Nachkriegsdeutschland. Ein Nachruf.

Margot Hielscher
Margot Hielscher im Jahr 2003. Foto: dpa

Wann immer über die so genannte Ufa-Zeit berichtet wurde, die staatlich gelenkte Filmindustrie unter Goebbels, führte der Weg zu Margot Hielscher, dem letzten ihrer großen Stars. Offen, intelligent, detailfreudig und glamourös, war sie der ideale Interviewpartner. Sechs Jahrzehnte überbrückte sie leichthändig, fast unbeschwert – so wie sie auch so oft in ihren Filmen wirkte. „Hitlers nützliche Idole“, der Titel einer dieser Reihen aus Guido Knopps ZDF-Produktionen, brachte die Rolle der Filmprominenz im NS-Staat auf eine kurze Formel, auch wenn es bei ihrem Auftritt nur um den nützlichen Herrn Rühmann ging.

Das Konzept des Durchhaltefilms war ihr bekannt, beschönigt wurde nichts. Offen sprach sie in dem Dokumentarfilm „Shiva und die Galgenblume – Der letzte Film des Dritten Reiches“ von Michaela Krützen und Hans Georg Andres über die Privilegien, die Filmstars genossen: Wenn bis zuletzt im sicheren Prag an einem Film gedreht wurde, den niemand mehr sehen würde.

Als Kostümbildnerin war sie zum Film gekommen, der Komponist und Orchesterchef Theo Mackeben entdeckte ihr Talent. Neben Zarah Leander spielte sie eine kleine Rolle in „Das Herz der Königin“, einem dezidiert antibritischen Propagandafilm, verpackt als schwelgerisch ausgestattetes Kostümdrama mit hohem Unterhaltungswert. Mit ihrem großen Mund, den vollen Lippen und ihrer Natürlichkeit repräsentierte die Brünette nicht unbedingt das Schönheitsideal der NS-Zeit. Trotzdem spielte sie sich rasch nach vorne in romantischen Liebesfilmen und Komödien. Regisseur Hans H. Zerlett gab ihr ihre ersten Hauptrollen in „Reise in die Vergangenheit“ und „Spuk im Schloss“. Und als Viktor Tourjanskys 1944 gedrehte Komödie „Liebeswirbel“ erst 1949 in die Kinos kam, war Margot Hielschers Stern sogar noch weiter gestiegen.

Ihr Gesangstalent, das sie während des Krieges in der Truppenbetreuung eingesetzt hatte, war nach dem Krieg in den Clubs der GIs nicht weniger gefragt. Tatsächlich besaß Margot Hielscher Swing und sang so unprätentiös, wie sie auch im Leben wirkte. Sieht man heute ihre Auftritte beim Grand Prix Eurovison von 1957 und 1958, wo sie den vierten und siebten Platz belegte, begreift man sofort, wie präsent die UFA-Kultur noch in der Nachkriegszeit war. Ihr Song „Zwei Groschen Musik“, den ihr Ehemann Friedrich Meyer für sie komponierte, mochte den Segen der modernen Juke-Box preisen. Doch er klingt wie eine Kopie des Ilse-Werner-Hits „Wir machen Musik“, den Peter Igelhoff bereits 1942 komponierte.

In ansteckender Unbeschwertheit war Margot Hielscher geradezu die Verkörperung der Kontinuität im Nachkriegsdeutschland. Auch das junge Fernsehen profitierte von ihrer Erfahrung und Beliebtheit unter den Kollegen. Weltgewandt zeigte sie sich in den 60er Jahren als einer der ersten Talkshow-Hosts. „Zu Gast bei Margot Hielscher“ waren rund 700 Prominente, darunter Maurice Chevalier und Romy Schneider. Auch Erich Kästner und Benny Goodman zählte sie zu ihren Freunden. Am Sonntag starb sie in München im Alter von 97 Jahren.

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