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Lars von Trier - „The House That Jack Built“ Über Leichenberge gehen

Lars von Trier gefällt sich in „The House That Jack Built“ als Provokateur – doch das zweinhalbstündige Spektakel verhallt ohne Nachklang.

Der große Matt Dillon hat sich auf eine Provokation um ihrer selbst willen eingelassen. Foto: Zentropa-Christian Geisnaes/Concorde

Das Kino Lars von Triers funktioniert wie eine Maschine, nicht nur, was seine dramaturgischen Tricks angeht, sein hoch effektives Spiel mit Emotion und Kalkül, Anteilnahme und Distanz. Es ist auch eine Geldmaschine, die sich die Großzügigkeit aber auch die Eitelkeit europäischer Filmförderer virtuos zunutze macht. Jeder möchte dabei sein und zahlt ein in den Topf der Firma mit dem schönen Namen „Pain Unlimited“: Seine Filme sind preiswert abgedreht und doch hoch budgetiert, so sichert sich Lars von Trier persönlich Millionengagen, auch die Produzenten verdienen gut daran – noch bevor eine einzige Karte verkauft worden ist. Von den Stars wird dagegen erwartet, dass es ihnen die anspruchsvollen Rollen wert sind, für ein Minimum zu spielen.

Diesmal hat sich der große Matt Dillon darauf eingelassen, und in der Tat: Seine Leistung, für die er nach Hollywood-Maßstäben mit einer bescheidenen Tagesgage abgefunden wurde, gehört zu den besten seiner Karriere. Es ist schon ein ausgefuchstes Spiel, vor und hinter den Kulissen.

Selbst das Festival von Cannes, wo Lars von Trier nach seinem Selbstvergleich mit Hitler Hausverbot bekam, war wieder mit dabei und zeigte den zweieinhalbstündigen Serienmörderfilm in seiner diesjährigen Ausgabe; auch wenn er qualitativ weit entfernt ist von den Meisterwerken des Dänen wie „Breaking the Waves“, „Idioten“ oder „Dogville“. „The House That Jack Built“ lief außerhalb des Wettbewerbs, wo er wohl auch nicht viel gewonnen hätte.

Im Jenseits erzählt Matt Dillons Massenmörder einem mephistophelischen Psychologen (gespielt von Bruno Ganz) von seinen Missetaten. Von einem zwanghaften Perfektionismus getrieben, gibt er sein Projekt, ein Haus zu bauen, auf und verwirklicht sich stattdessen in seinen Morden als selbsternannter Künstler. Auswahl, Unterwerfung, Folter und Tötung seiner Opfer zeugen von äußerstem Zynismus. Vor den Augen der gequälten Mutter werden auch deren Kinder dahingeschlachtet.

Von seinem Hochsitz aus, durchs Zielfernrohr, sehen wir das grausige Resultat. Wie Puppen aufgestellt, sind die Kinderleichen zu einem Picknick arrangiert. Nun zwingt Jack die Mutter, sie zu füttern.

Klischee und Kunst treffen sich in der Mitte

Es ist eine Szene von kühler Perfektion, und wie so oft bei Lars von Trier treffen sich Klischee und Kunst in der Mitte – hier in einer gruseligen Kitschpostkarte. Wenn das Entsetzen ins Groteske kippt, entlädt sich das in Ironie – aber nicht unbedingt von der feinsinnigen Sorte. Bei aller Meisterschaft gelingt es Lars von Trier nicht, eine verstörende Kunsterfahrung zu schaffen wie das Vorbild hinter diesen Szenen, Pier Paolo Pasolinis Klassiker „Salò oder die 120 Tage von Sodom“. Seine Bilder bleiben ohne Doppelbödigkeit und verglühen ohne Nachleuchten. Sie sind eine Art visuelles Kabarett.

Die Leichen arrangiert Jack auf zunehmend artifizielle Weise, wobei er auch Verwesungsprozesse als Stilmittel nutzt. All dies erklärt er in Monologen und assoziativen Bildmontagen seinem geduldigen Zuhörer – dem nur begrenzt auf Moral dringenden Höllenboten. Erst nach mehr als 60 Morden kommt ihm die Polizei auf die Schliche. Noch im Kugelhagel vollendet er sein „Meisterwerk“, ein Haus aus gefrorenen Leichen.

Indem er seine Filmfigur Morde wie Kunstaktionen preisen lässt, kann Lars von Trier klammheimlich seinen Hitlervergleich aus Cannes indirekt noch einmal anbringen: diese höchst ungeschickte Umschreibung des Allgemeinplatzes, dass Kunst und Vernichtung aus derselben Küche kommen. Einmal mehr vermischt er das Erhabene und das Entsetzliche zur Unkenntlichkeit, schneidet klassische Kunstwerke oder Archivbilder des Pianisten Glenn Gould und von dessen frühen Bachdarbietungen zwischen die Massaker. Das ist in seiner Pop-Artigkeit mitunter sogar bildkräftig, insbesondere in den finalen Höllenszenen.

Einen üblen Moment jedoch, in dem der als Architekt gescheiterte Mörder über den Duft der Verwesung sinniert, nutzt von Trier zur äußersten Geschmacksverirrung: Da schneidet er Bilder von Leichenbergen aus einem Konzentrationslager in das Kunstgefasel, und lässt den Mörder sinnieren: „Ich glaube, Himmel und Hölle sind das Gleiche. Die Seele gehört in den Himmel und der Leib in die Hölle. Die Seele besitzt Vernunft und der Körper all das Gefährliche, wie zum Beispiel die Kunst und die Ikonen…“

Das Verhältnis von Kunst und Ethik hat Lars von Trier schon lange beschäftigt. Ein kluger Essayfilm, „The Five Obstructions“ ist daraus entstanden. Doch wie zuletzt im moral-kritischen Ende von „Nymphomaniac“ steht auch hier die Provokation um ihrer selbst willen.

The House That Jack Built. Dänemark/Deutschland 2018. Regie: Lars von Trier. 155 Min. 

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