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Kristin Scott Thomas in "Die Affäre" Aus heiterem Himmel

Nach fünfzehn Ehejahren nagt die Unzufriedenheit an Suzanne: Seit wir sie in "Der Englische Patient" gesehen haben, strahlt Kristin Scott Thomas für uns unterm Unglücksstern am hellsten. Von Michael Kohler ( mit Video)

Mit Haut und Haar ins große Wagnis gestürzt: Kristin Scott Thomas und Sergi Lopez. Foto: Alamode Film

Eine Frau liegt neben ihrem schnarchenden Mann im Bett und starrt Löcher in die Nacht. Es ist eine klassische Eheszene, unzählige Komödien kennen sie, doch dieses Mal hängt eine graue Verzweiflung im Raum, die nicht zum Lachen ist. Schließlich steht die Frau auf und verlässt das Zimmer, während die Kamera sie von draußen durch eine Fensterfront beobachtet. Eine Weile bleibt alles ruhig, dann erschüttert ein Knall die stille Nacht. Der Boiler könnte explodiert sein. Aber wir ahnen, dass sich hinter der bürgerlichen Fassade etwas weit weniger Harmloses ereignet hat.

Mit den ersten Bildern ihres Melodrams "Die Affäre" nimmt Catherine Corsini bereits das Ende vorweg und macht die düstere Vorahnung zu einer (un)heimlichen Hauptfigur. Sie sitzt mit am Tisch, wenn sich die Arztfamilie zum Abendessen trifft, und lenkt unsere Blicke auf die feinen Risse im scheinbaren Glück.

Nach fünfzehn Ehejahren nagt die Unzufriedenheit an der von Kristin Scott Thomas gespielten Suzanne: Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus und nehmen sie, genau wie ihr Mann, als selbstverständlich hin. Im Grunde fühlt sich Suzanne missachtet und allein gelassen, sie weiß es nur noch nicht. Stattdessen möchte sie wieder in ihren alten Beruf einsteigen und richtet sich im Schuppen hinter ihrem Haus eine krankengymnastische Praxis ein.

Beim Ausmisten des Schuppens hilft ihr ein Schwarzarbeiter. Die beiden verstehen sich gut, aber nicht so gut, dass sich Suzannes Ehemann (Yvan Attal) deswegen Sorgen machen müsste. Dann unterläuft ihr ein Malheur: Sie vergisst die Handbremse anzuziehen, und Ivan (Sergi Lopez) kann ihren auf abschüssiger Straße Fahrt aufnehmenden Wagen gerade noch anhalten. Dabei verletzt er sich den Fuß, darf fürs Erste nicht mehr arbeiten und läuft Gefahr, was für ihn schlimmer ist, den Besuchstermin bei seiner kleinen Tochter zu versäumen.

Natürlich besteht Suzanne darauf, den geschiedenen Vater ins nahe gelegene Spanien zu fahren, damit er rechtzeitig dort sein kann. Hier kommen sich die beiden zum ersten Mal ein wenig näher, später, nach ihrer Heimkehr, werden sie beinahe aus heiterem Himmel ein Liebespaar.

Es ist absolut sehenswert, wie Catherine Corsini diese Affäre ganz allmählich anbahnt, eine im Grunde unvermeidliche Liaison, die dann trotzdem wie eine plötzliche Erschütterung über die Figuren kommt. Ohne ihre Hauptdarstellerin wäre Corsinis subtile Inszenierung aber möglicherweise nur die Hälfte wert: Viele Jahre war Kristin Scott Thomas vor allem der Inbegriff britischer Eleganz und Steifheit, eine unterkühlte Schönheit, die in romantischen Komödien garantiert gegen freizügigere Rivalinnen den Kürzeren zieht.

Seit Scott Thomas die Geliebte des Englischen Patienten spielte, strahlt ihre Schauspielkunst unter dem Unglücksstern am hellsten. Man glaubt nun stets eine ahnungsvolle Schwermut in Scott Thomas´ Augen zu sehen, eine grundlegende Skepsis gegenüber der Möglichkeit des Glücks. Selbst wenn sie aus der Enge einer unerfüllten Ehe ausbricht, hält sie stets etwas vor dem entscheidenden Schritt zurück.

In vielem ist Suzanne eine typische Scott-Thomas-Figur: der tiefe Ernst, die vornehme Zurückhaltung, das stille Leid. Doch dieses Mal ist eines gänzlich neu: Suzanne schiebt das große Wagnis nicht mehr auf, sondern stürzt sich mit Haut und Haar hinein. Sie verlässt ihre Familie, gibt alle Sicherheiten auf und verlangt die Scheidung. Womit sie nicht gerechnet hat, ist die kalte Entschlossenheit ihres in seinem Stolz verletzten Ehemanns. Um seine Frau nicht zu verlieren, ist ihm kein Winkelzug zu schäbig, und kein Preis zu hoch, um ihr Glück zu zerstören. Aus seiner Sicht ist Suzanne vorübergehend nicht mehr sie selbst - und er bringt sie lediglich wieder zur Besinnung.

Halt, Du stürzt Dich ins Unglück

Es ist beinahe perfide, dass wir Zuschauer seine Haltung in gewisser Weise teilen können: Ist diese Kristin Scott Thomas wirklich noch die Schauspielerin, die wir so gut zu kennen glaubten? So nahbar und ungeschützt haben wir sie vielleicht noch nie gesehen und gleichzeitig so wenig überlegt. Ein ums andere Mal möchten wir ihr zurufen: "Halt, Du stürzt dich ins Unglück!" - und stellen erstaunt fest, dass ihre Suzanne längst über den Punkt hinaus ist, an dem die Vernunft noch mit der Liebe handeln kann.

Der Preis, den Suzanne für ihren Wagemut bezahlt, ist erschreckend hoch. Den Gewinn streichen Catherine Corsini und damit wir alle ein.

Die Affäre Trailer, Frankreich 2009

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