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Kornél Mundruczó „Underdog“ Dunkler Disney

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó hat eine zeitlose Parabel über das Hundeleben gedreht: „Underdog“. Man mag die Symbolik ein wenig deutlich finden, die aus dem Milieu der Protagonisten spricht: Eine Kultur, die gleichgesetzt ist mit Orchesterdisziplin.

Das Mädchen (auf dem Rad) und die Meute. Foto: Delphi Filmverleih

Wenn man darüber nachdenkt, sind doch die meisten Lieblingsfilme jene, in denen Kunst und Unterhaltung eins ist. Sie sind keineswegs ausgestorben – auch der kommende Pixar-Film „Inside Out“ ist ein gutes Beispiel. Aber sie sind doch seltener geworden als etwa in den sechziger Jahren, als es jedes Jahr etwas Neues von Truffaut, Antonioni, Wilder, Hitchcock, Kurosawa oder Pasolini in den Kinos gab.

Auch der Amerikaner Samuel Fuller, an den dieser erstaunliche Genrefilm aus Ungarn schon in seinem Titel erinnert, gehört in diese Liga: „White God“, so heißt „Underdog“ im Original, ist eine Anspielung auf „White Dog“, einen bis heute ebenso umstrittenen wie unvergesslichen Thriller um einen weiblichen Teenager und seinen geliebten Hund, der nichts für seine schlechte Erziehung konnte: Rassisten hatten ihn dazu abgerichtet, Schwarze anzugreifen.

Die beiden vertauschten Buchstaben im Titel erklärt Filmemacher Kornél Mundruczó diskret mit seiner Bewunderung für J. M. Coetzees Roman „Schande“, in dem es einmal über die gequälten Vierbeiner heißt, wir Menschen behandelten sie wie Sachen, während sie uns ihrerseits für Götter hielten.

Doch dies ist kein Remake und auch keine Neuerfindung. Es ist einfach die Sorte Film, die dabei herauskommt, wenn sich Filmemacher fragen: Welche Geschichte ließe sich erzählen, die man nur im Kino so erzählen kann?

Zu Beginn radelt ein Mädchen durch ein menschenleeres Budapest, verfolgt von einer immensen Hundemeute. Todesangst scheint das Kind deshalb nicht zu haben, und tatsächlich – auch als sie stürzt und die wilde Meute über sie hinwegfegt, bleibt sie verschont. Was verbindet diese 13-Jährige mit den offensichtlich entfesselten Vierbeinern?

Nun setzt eine Rückblende ein, die bald mit der eigentlichen Hauptfigur bekannt macht – einer liebenswerten Labrador-Mischung, der man noch übel mitspielen wird.

Vom Vater des Mädchens ausgesetzt, weil dieser eine Hundesteuer, die speziell für Mischlinge erhoben wird, nicht zahlen will, ist das Tier auf sich allein gestellt. In parallelen Episoden erzählt der Film nun, wie es mit Hund und Mädchen weitergeht. Dem Tier, das einmal auf den Namen Hagen hörte, steht eine Jack-London-hafte Odyssee bevor, er wird verkauft, gequält, zu einem Kampfhund abgerichtet. In einem Versuchslabor schließlich findet der Hund genug Leidensgefährten, um einen Rachefeldzug gegen die Menschen zu starten.

Dem Mädchen indes, das allein bei seinem ungeliebten Vater lebt, fehlt ohne den Hund jeder emotionale Bezugspunkt. Ihre emotionale Verweigerung beantwortet ihr Erzieher trotzig mit einer selbstherrlichen Autorität, in der sich wohl auch ein Stück weit die gegenwärtige politische Lage Ungarns spiegeln soll. Auch der Chef ihres Jugendorchesters ist ein Mann von diesem Schlag, für ein paar bessere Gedanken sorgt immerhin ein Mitspieler, in den sich das Mädchen verliebt.

Man mag die Symbolik ein wenig deutlich finden, die aus dem Milieu der Protagonisten spricht: Eine Kultur, die gleichgesetzt ist mit Orchesterdisziplin. Und ein Schlachthaus als Arbeitsplatz des Vaters. Tatsächlich überhöhen diese Spielräume aber auch subtil die Inszenierung, indem sie etwas Opernhaftes mit ins Spiel bringen. Und etwa eine Gelegenheit bieten, Franz Liszts filmmusikalisch schon etwas überstrapazierte Zweite Ungarische Rhapsodie zum Leitmotiv zu machen.

Selbst die Hunde kommen einmal in den Genuss des klassischen Ohrwurms, wenn im Fernsehen Kater Tom zu diesen Klängen Maus Jerry durchs Klavier jagt. Die Szene selbst wiederum verdankt ihre Inspiration einem Moment aus Disneys „101 Dalmatinern“, wo sich eine immense Hundeschar vor einem Fernseher sammelt. Doch dies ist nicht der Film, in dem Vierbeiner ihre animierten Schnauzen zu trotzigen Reflexionen über das Hundeleben öffnen.

Bei allem Bezug zu Hollywoods Tiergeschichten: „Underdog“ ist mehr als nur „dark Disney“. In seiner glasklaren Fotografie und seinem poetischen Realismus hat dieser Film nichts im Sinn mit computergenerierten Tricks.

Alle dreihundert der vierbeinigen Nebendarsteller sind echt – und hatten, wenn man dem Filmemacher glauben darf, während der Dreharbeiten auch nicht zu leiden. Was dieser Film dem Kino zurückbringt, ist eine herrliche osteuropäische Tradition realistischer Phantastik, ein Hauch von Stanislav Lem, von Juraj Herz oder von Jan Svankmajr. Und die Gegenwart einer Märchenhaftigkeit, die bei einem Titel wie „Die Schöne und das Biest“ sich eher an Jean Cocteau erinnert als an Disney.

Nur das verkürzte Rilke-Zitat im Vorspann, „Alles Schreckliche braucht unsere Liebe“, hätte man vielleicht doch über die gesamte Leinwandbreite laufen lassen sollen. Dann ist es nämlich noch schöner: „Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“

Underdog. Ungarn 2014. Regie: Kornél Mundruczó. 119 Min.

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