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"Knowing" Was geschrieben steht

Die ersten Bilder von Alex Proyas großartigem Science-Fiction-Film "Knowing", entstammten einem Teaser. Einem Programmhinweis, der nicht mehr als unbedingt nötig verrät. Ein wirksamer Lockstoff. Von Michael Kohler mit Video

Der Junge Caleb (Chandler Canterbury) im Film "Knowing" sieht Unheimliches. Foto: Concorde

Die ersten Bilder, die von diesem bestürzenden, großartigen und am Ende höchst zwiespältigen Science-Fiction-Film zu sehen waren, entstammten einem Teaser. So heißt im Branchenjargon ein Programmhinweis, der im Gegensatz zum Trailer nicht mehr als unbedingt nötig verrät und im besten Fall ein ungemein wirksamer Lockstoff ist.

Im "Knowing"-Teaser sieht man Nicolas Cage mit einem vor einem Autounfall postierten Streifenpolizisten reden. Man ahnt, dass der Polizist schon viel gesehen hat und wenig ihn aus der Fassung bringen kann. Dann heftet sich sein Blick auf einen in Cages Rücken gelegenen Punkt, einen Moment lang schaut er ungläubig ins Leere und wendet sich, während die Musik zum bedrohlichen Orkan anschwillt, panisch zur Flucht.

Im Grunde ist diese Szene nichts Besonderes. Wahrscheinlich hat sich jeder zweite Drehbuchautor schon einmal an diesem Standardmoment versucht: Das Unheil schleicht im Rücken des Helden heran und spiegelt sich in den schreckstarren Augen der Statisterie. Auf dieses Klischee sollte man also nur zurückgreifen, wenn man das heran rasende Verhängnis auch entsprechend orchestrieren kann. Alex Proyas kann es, und er etabliert mit dieser Szene das ästhetische Prinzip seines gesamten Films: Wir sind blind für das, was kommt, selbst wenn wir wissen, was geschrieben steht.

"Knowing", TrailerUSA 2009

Die Handlung von "Knowing" beginnt vor fünfzig Jahren in einer Grundschule. Ein kleines Mädchen schaut gebannt zum Himmel, während ihre Lehrerin zum Unterricht ruft. Alle Schüler dürfen etwas malen, was dann in einer luftdichten Kapsel im Boden versenkt und fünfzig Jahre später feierlich wieder gehoben werden soll. Als die Lehrerin das Blatt des wie in Trance wirkenden Mädchens einsammelt, hat diese nur eine schier endlose Zahlenkolonne aufs Papier gekritzelt.

Ein halbes Jahrhundert später bekommt der Sohn eines verwitweten Astrophysikers die Hinterlassenschaft des kleinen Mädchens überreicht. Er ist einigermaßen enttäuscht, doch sein trauernder Vater entdeckt mehr oder weniger zufällig, dass eine kosmische Ordnung in den Zahlenreihen steckt. Sie geben die Daten historischer Unglücke aus den letzten fünfzig Jahren an, die exakte Anzahl der Opfer und die örtlichen Koordinaten des Geschehens.

Offensichtlich hält also der von Nicolas Cage gespielte Wissenschaftler eine durch Tausende Tote beglaubigte Prophezeiung in Händen. Und natürlich tut er nun genau das, was man von einer Hollywood-Figur erwartet. Er riskiert Leib und Leben, um das nächste Unglück eigenhändig zu verhindern, als könnte ein Einzelner das Schicksal aller allein durch seinen Willen abwenden.

Im Moment werden Sie sich wahrscheinllich fragen, was das mit Science Fiction zu tun haben soll. Alles, wenn man bedenkt, dass dieses Genre die letzten Fragen der Menschheit in den unendlichen Himmel projiziert. Im schwarzen Weltall breitet sich die Religion in populärer Verkleidung aus und nährt die Hoffnung, dass wir im Universum nicht allein sind. Für die Prophezeiungen kommen jedenfalls traditionell nur zwei Absender in Frage: Gott oder eine außerirdische Lebensform.

Dass in "Knowing" eine höhere Macht im Spiel ist, sieht man zudem einigen geheimnisvollen Boten an, die wir mit gleichem Recht als Außerirdische oder Engel deuten können. Alex Proyas gibt sich alle Mühe, sowohl säkulare wie auch religiöse Auslegungen zuzulassen. Seine ganze Wucht entfaltet "Knowing" jedoch nur, wenn man seinen biblischen Unterton beim Wort nimmt. Neben den Unheilsverkündigungen Ezechiels greift Proyas Motive der Apokalypse und der Sintflut auf, passend zu Ostern gibt es eine Himmelfahrt, der Garten Eden ist zum Greifen nah, und der uralte Streit zwischen Willensfreiheit und göttlicher Bestimmung wird, sofern man die Möglichkeit intergalaktischer Zeitreisen verneint, abschließend geklärt.

Gleichzeitig verblüfft die atemberaubende Inszenierung (maßgeblich unterstützt von Marco Beltramis fantastischer Musik) selbst dann, wenn sie ausgetretenen Genrepfaden folgt. Im Grunde weiß man, was kommt, man sieht es aber trotzdem nicht voraus. Dass dabei selbst der mögliche Weltuntergang im milden Licht der Heilsgewissheit erscheint, wurde von den meisten amerikanischen Kritikern wahlweise als fahrlässig oder als pseudoreligiöser Kitsch gebrandmarkt. Doch muss ein Film, der illustriert, was zu Tod und Erlösung geschrieben steht, nicht zwangsläufig zwiespältige Gefühle hinterlassen?

Knowing, Regie: Alex Proyas, USA/Australien 2008, 122 Minuten.

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