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Kino „Timm Thaler“ Solche Typen kennt man doch

Andreas Dresens tolle Verfilmung des Kinderbuch-Klassikers „Timm Thaler“ von James Krüss legt den magischen Kern der Geschichte frei.

Dresen gibt Timm eine Freundin in seinem Alter. Foto: Constantin Film Verleih GmbH

Über einen Menschen, dem das Schicksal übel mitspielt, heißt es, er habe nicht viel zu lachen. Über den Jungen, der im Mittelpunkt dieses Films steht, könnte man das anfangs auch sagen, weil er in sehr einfachen Verhältnissen aufwächst, seine Stiefmutter ihn herumstößt. Doch Timm Thaler gehört zu den Menschen, die im Schlechten noch das Gute finden. Er lacht oft und gern. Sein Vater, der sonntags mit ihm zur Pferderennbahn geht, darf seinen kleinen Gewinn seiner armseligen Kluft wegen nicht im feinen Hotel umsetzen. Der Junge erlebt die Demütigung mit. Sie schaffen es trotzdem, einen lustigen Tag zu haben. Dann aber stirbt der Vater.

Die Geschichte von Timm Thaler ist bekannt, denn die Vorlage, das 1962 erschienene Kinderbuch von James Krüss, wird immer noch gelesen, sogar in Schulen, und die Fernsehserie nach dem Stoff war Ende der siebziger Jahre ein Straßenfeger. Der Regisseur Andreas Dresen hat sie nun in einen Kinofilm verwandelt, mit einem sympathischen jungen Helden, der von Arved Friese gespielt wird, mit Bjarne Mädel als Vateridol und Steffi Kühnert als Stiefmutter. Mit teuflischem Charme spielt Justus von Dohnányi den Baron Lefuet, den Mann also, der Timm Thaler einen verführerischen Handel aufdrängt: Wenn der Junge dem Baron mit dem rückwärts zu lesenden Wesen sein Lachen gibt, gewönne er jede, absolut jede Wette.

Die Rezensentin muss hier anmerken, mit Sorgen ins Kino gegangen zu sein. „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ gehörte für mich in der Kindheit zu jenen wundersamen Überlebensbüchern, deren alleinige Anwesenheit schon Glück brachte. James Krüss transportiert mit seiner weisen Draufsicht auf die Zwänge, in denen man als Kind stecken kann, mit den passenden Worten für die Neugier und die Vertrauenssucht, mit seinen starken Gestalten und deren Schwächen ein Lebensgefühl. Kann man so etwas auch in einem Film unterbringen, mit lebendigen Bildern, die sich der Leser sonst selber baut?

Die Sorgen verfliegen schnell. Andreas Dresen legt den magischen Kern der Geschichte frei, konzentriert sich darauf und lässt die verhängnisvolle Beziehung zwischen dem Jungen und dem Besitzer seines Lachens wirken. Das spielt in einer zeitlosen Kulisse der Illusion. Timms enges Stadtviertel wirkt glaubhaft, die Pferderennbahn hat etwas Nostalgisches, das feine Hotel strahlt mit Glanz und Geschäftigkeit. Dort findet Timm einen großherzigen, erwachsenen Freund, Kreschimir, mit bester Kumpel-Ausstrahlung von Charly Hübner gespielt. Der Drehbuchautor Alexander Adolph gab dem noch die Eigenschaften anderer Buch-Figuren dazu, und er schenkte Timm eine gleichaltrige Freundin, die Jule Hermann mit einem Ernst darstellt, wie er Kindern zu eigen ist, die mehr erlebt haben, als man ihnen wünschen wollte.

„Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ ist eine fantastische Geschichte oder – wenn man so will – ein Märchen, weil hier Dinge getauscht werden, die nicht veräußerbar sind. Doch verkörpert Lefuet einen (fast) allmächtigen Herrscher, der zu seinem unermesslichen Reichtum nicht nur den Neid, sondern auch noch die Liebe der schlechter Gestellten möchte. Solche Typen kennt man aus der Realität. Lefuet verspricht sich viel davon, seine Geschäfte mit einem Lächeln zu machen.

Der Junge, der per Wette seinem Vater einen Grabstein besorgt, der auf der Rennbahn den letzten Klepper als erstes durch Ziel jagt, kann nun ebenfalls stinkreich sein. Er erlebt auch die Verführung durch Luxus. Da steckt sogar etwas von Dresens Vorgängerfilm „Als wir träumten“ mit drin: Wie verteidigt man im Heranwachsen die eigenen Werte, die Menschen und Dinge gegen alle Korruption?

Andreas Dresens neuer Film versteht zu unterhalten, mit lustigen Verwandlungsszenen, einer krimihaften Spannung, grandiosen Darstellern und großen Bildern. Und wie das Buch den Leser, berührt der Film den Zuschauer an einem Seelenpunkt: Bei der Frage, was das Wichtigste im Leben ist.

Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen. Deutschland 2017. Regie: Andreas Dresen. 102 Min.

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