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Kino Szenen einer Ehe

„Have a Nice Day“, eine animierte Gangstergeschichte aus China und Calin Peter Netzers furioses Beziehungsdrama „Ana, mon amour“.

Diana Cavallioti in „Ana, mon amour“. Foto: Berlinale

Wenn in einem chinesischen Animationsfilm ein Killer auf dem Weg zu seiner schmutzigen Arbeit ausgerechnet Donald Trumps Siegesrede im Radio hört, haben sich Kino und Politik am Ende dieser Berlinale doch noch getroffen.

Kein Wunder, dass das Festival Liu Jians Film „Have a Nice Day“ noch zu allerletzt einen Platz im Wettbewerb einräumte. Mehr als ein verächtliches Lachen hat der gnadenlose Erfüllungsgehilfe einer nicht allzu effizient organisierten Kriminalität nicht übrig für den Amerikaner. Wen interessiert schon die Ausgrenzungsdoktrin eines amerikanischen Präsidenten in einer hässlichen Industriestadt irgendwo in der chinesischen Provinz. Die Kunden des Cartoon-Killers mit dem grauen Kopf berauben sich gegenseitig, um eine schillernde Konsumwut zu befriedigen, unselige Startups zu gründen oder aber missglückte Schönheits-Operationen auszubügeln.

Wenn Bitterkeit allein schon eine Qualität wäre, dann könnte sich „Have a Nice Day“ vielleicht im Wettbewerb behaupten. Doch die primitive Animation lässt kaum filmischen Reiz aufkommen. Während diese Filmform weltweit blüht, während man nicht weiß, ob bei den Oscars nun das japanische Meisterwerk „Die rote Schildkröte“, der Puppenfilm „Kubo“, das Schweizer Sozialstück „Mein Leben als Zucchini“ oder doch Disneys „Zoomania“-Fabel gewinnt, zeigt Berlin etwas ganz anderes: Ein nur marginal animiertes Storyboard, bei dem nur die Filmmusik ein wenig Emotion aufkommen lässt.

Im Vorwort zum Festivalprogramm hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick noch versprochen: „Selten hat ein Berlinale-Programm die aktuelle politische Situation so eindringlich in Bilder gefasst wie in diesem Jahr“. Zumindest im Wettbewerb war davon – abgesehen von Aki Kaurismäkis Tragikomödie um einen syrischen Flüchtling, „The Other Side of Hope“ – nichts zu spüren.

Wie auch sonst keine thematische oder ästhetische Akzentuierung spürbar war. Die muss es auch nicht geben, wenn denn wenigstens die Qualität das disparate Programm zusammengehalten hätte. Aber selten war ein Wettbewerb so arm an Meisterwerken, und auch in den übrigen Sektionen gab es – anders als in den Vorjahren – nichts, das über das engere Umfeld hinaus ausstrahlte.

Wenigstens der letzte Beitrag aus Rumänien hielt, was dieses seit einem Jahrzehnt schon so herausragende Filmland versprach. Calin Peter Netzer, der Gewinner des Goldenen Bären von 2013 mit „Mutter und Sohn“, zeigte am letzten Festivaltag, dass er diesen Erfolg auch wiederholen könnte.

Das Psycho- und Ehedrama „Ana, mon amour“ steht in der Tradition des Ingmar-Bergman-Klassikers „Szenen einer Ehe“. Gut zwei Stunden lang verwebt der Filmemacher Momentaufnahmen einer Beziehung miteinander, die sich in der Rückschau durch ihre Krisen definiert.

Gegen den Willen ihrer Eltern findet ein Studentenpaar aus unterschiedlichen Schichten zueinander, die aus einem Arbeiterhaushalt stammende Ana (Diana Cavallioti) und der bildungsbürgerlich geprägte Toma (Mircea Postelnicu). Die seit ihrer Kindheit depressive Frau findet bei dem fürsorglichen Toma eine bedingungslose Unterstützung, die aber in ein Abhängigkeitsverhältnis mündet. Als es der jungen Mutter durch eine effiziente Therapie allmählich besser geht, verkehrt sich das Abhängigkeitsverhältnis. Der junge Mann entwickelt einen Kontrollwahn und manipulative Züge – und begibt sich, mit geringerem Erfolg, selbst in Psychotherapie.

Dieser Rohstoff einer klassischen psychologischen Fallstudie gestaltet sich in Netzers non-linearer Erzählung zu einem faszinierenden Prisma von immensem Reichtum. Während der Film wie in einem traurigen Familienalbum vor- und rückwärts blättert, werden tiefenpsychologische Erklärungswege beschritten und verworfen, Träume erweisen sich als wenig mitteilsam. In einer großartigen Beichtszene scheint sich ein Priester als Hobby-Therapeut zu profilieren, doch dieser Film ist realistisch genug, die verschiedenen Hilfsangebote als Strohhalme unter Strohhalmen zu präsentieren.

Selten hat man einen so vielschichten Film über die Auswirkungen einer Depression auf eine Partnerschaft gesehen, doch Netzer hat noch mehr im Blick: Auch die überkommenen Ideale einer paternalistisch geprägten Gesellschaft wollen nicht verschwinden. Sie verlangen, wie auch andernots, ein Wörtchen mitzureden in der Frage, was als psychisch krank oder gesund zu gelten hat. Ein furioses Ende für einen Wettbewerb, der eigentlich nur zwei richtig gute Tage hatte – den ersten und den letzten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Berlinale

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