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Kino: "Song From The Forest" Messe für ein fast verlorenes Paradies

Die Geschichte vom jungen Amerikaner, der bei den Pygmäen leben wollte: Welten treffen aufeinander in Michael Oberts schönem Dokumentarfilm „Song From The Forest“.

11.09.2014 17:13
Sabine Vogel
"Song Of The Forest": Amerikaner Louis Sarno in seiner Wahlheimat. Foto: Tondowski Films

Der junge Amerikaner Louis Sarno hörte einst in einem Radioprogramm den Gesang von Pygmäen. Er war so bewegt, dass er beschloss, nach dem Ursprung dieser Musik zu suchen.

Mit 500 Mark und einem Kassettenrekorder im Gepäck bricht er nach Zentralafrika auf, findet die Quelle seiner Verzückung beim Stamm der Bayaka mitten im Dschungel des Kongo-Beckens – und bleibt.

Er lernt ihre Sprache, heiratet eine der ihren und bekommt mit Gomà einen Sohn, den sie nach seinem Geburtstag Samedi Mathurin Bokumbe nennen. Seit 25 Jahren lebt der Amerikaner inzwischen beim Stamm der Jäger und Sammler im Regenwald.

Diese Geschichte ist so erstaunlich, dass man sie eigentlich nur nacherzählen muss. Der Schriftsteller und Reise-Journalist Michael Obert hat das getan. Seine Reportage über Louis Sarno erschien, illustriert mit im wahrsten Sinn bezaubernden Fotografien, als Titelgeschichte in einem „Zeit-Magazin“.

Als das Kind einmal schwer erkrankt, verspricht sein Vater, dass er ihm eines Tages die Welt zeigen wird, aus der er kommt. Als Samedi 13 Jahre alt ist, fahren Vater und Sohn nach New York. Michael Obert trifft die beiden auch dort, er besucht mit ihnen Louis Sarnos Familie, den Freund Jim Jarmusch, das Aquarium, Spielzeugläden.

Poetische Intensität

Diese Reise ist der Ausgangspunkt für Obert, aus der Geschichte Sarnos und Samedis und an den sich überkreuzenden Schauplätzen ihrer Existenz einen Dokumentarfilm zu machen. Mit minimalstem Budget und einem winzigen Team, als wäre nur in der eigenen asketischen Reduktion auf das Wesentliche die Wahrhaftigkeit dieser Erzählung möglich, gelang den Machern ein Film voll poetischer Intensität.

Das Vertrauen auf die Kraft der irren Geschichte selbst und ihrer unglaublich unprätentiösen Akteure erzeugt ein Werk von stiller Musikalität, das fast Andacht einfordert.

Der Autor und Regisseur kommentiert nicht, was es zu sehen und zu berichten gibt. Er betrachtet die zwei Welten, die hier so bildmächtig, unmittelbar und einfach aufeinander treffen, als wäre die Parallelität ihrer Gegensätze das Normalste überhaupt.

Es gibt keinen Aufprall, keinen „Clash of Cultures“, höchstens einmal kleine, wie nebensächliche Irritationen, welche bloß an die gewöhnliche Existenz des Befremdens zu erinnern scheinen. Etwa wenn der Sohn das amerikanische Brot nicht essen mag oder er sich fragt, warum ihm der Vater nur unnützes Plastikspielzeug statt zu Hause benötigter Mitbringsel wie Kleidung oder Rucksäcke kauft.

Oder wenn der scheinbar grenzenlos geduldige Vater ihm sagt, dass er Lesen und Schreiben lernen müsse, um in Amerika Geld verdienen, alles kaufen und überleben zu können.

Warum aber hat er ihm das nicht beigebracht? Warum hat er seinen Sohn nicht einmal Englisch gelehrt? Muss man seine eigene Kultur so weit zurückstellen, um sich der fremden anzuverwandeln? Wo man doch niemals einer der anderen werden kann, ohne sich selbst oder den Verstand zu verlieren.

Louis Sarnos Frau hat sich inzwischen einen anderen zum Mann genommen. Sarno lebt mit dem Sohn in seiner Holzhütte mit gestampftem Lehmboden im Dorf, er schläft unter einem Moskitonetz; er ist an einer komplizierten Hepatitis D erkrankt, an der er sterben wird; er sieht mager aus und zugleich sehnig fit; er wirkt isoliert, er wirkt glücklich.

Das archaische Leben der Bayaka beseelt ihn immer noch, trotz der Plastikschüsseln, des Aluminiumgeschirrs, der Petroleumlampen, der Flipflops, der Medikamente und nicht zuletzt Batterien für seinen Musikrekorder aus der nicht allzu fernen Zivilisationsstation, von der Sarno auch seine E-Mail an Michael Obert geschrieben hat.

Natürlich ist die Welt der Pygmäen schon längst nicht mehr heil und unberührt, ihr Wald wird von Monstermaschinen abgeholzt; die Männer des Dorfs schnorren den demütigen weißen Mann in ihrer Mitte dauernd um Geld an. Natürlich wird er nie einer von ihnen sein, ja und?

Louis Sarno hört Musik, er raucht, er knuddelt Kinder, er sieht dem Regen zu, der in matschige Pfützen trommelt. Doch die Musik ist nicht die der Pygmäen, es sind nicht die hypnotischen Gesänge und Rhythmen, die ihn einst in diese trauerlosen Tropen zog.

Die von dem Amerikaner aufgenommenen, rund tausend Stunden „Lieder des Waldes“ sind längst musealisiert, seit 2003 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt, archiviert und digitalisiert in der Musikbibliothek des Pitts River Museums der Oxford University.

In den Kathedralen des Regenwaldes, in den wie Heiligenscheinstrahlen durch die Baumkronen brechenden Lichtbündeln, in Sarnos spartanischer Hütte erklingt liturgische Renaissancemusik. Die Messe William Byrds aus dem 16. Jahrhundert wird zu Sarnos Soundtrack für den Regenwald, die aussterbenden Gesänge der Bayaka; sie beschwören die Nebelgeister, die im Dschungel von New York einen Zebrastreifen überqueren.

Song From The Forest. Buch & Regie: Michael Obert. D 2013. 97 Minuten.

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