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Kino So etwas wie die Buddenbrooks aus der DDR

Die Filmregisseurin Annekathrin Hendel dokumentiert die Beziehungen in der „Familie Brasch“.

Ein Gemälde erscheint auf der Leinwand. Die Personen darauf sind gut zu erkennen. Durch die Lebendigkeit der Gesichter sieht das Gemälde aus wie von heute, zugleich lassen es gedeckte Farben und goldener Rahmen wie aus vergangener Zeit wirken. Das Wort Bohème passt zu der dargestellten Gesellschaft. Es ist eine gut situierte Familie. Aus diesem Gemälde holt der Film „Familie Brasch“ nach und nach seine Figuren, gibt einen Namen vor, der für ein Kapitel der Betrachtung steht. Horst ist der erste.

Horst Brasch (1922-1989), als jüdisches Kind 1939 nach London gelangt, wird als junger Mann Mitbegründer der FDJ Großbritanniens, geht nach dem Krieg in die Sowjetische Besatzungszone und steigt schnell in der SED auf, bis zum stellvertretenden Kulturminister. Dass er seinen Sohn Thomas an die Behörden verrät, als dieser Flugblätter gegen den Einzug der Panzer des Warschauer Pakts in Prag verteilt, verhindert nicht, dass seine Karriere einen deutlichen Knick bekommt. So war das in der DDR. Von Thomas ist auch in den anderen Abschnitten des Films immer wieder die Rede. Also auch, wenn seine Brüder Klaus (Schauspieler, zum Beispiel in „Solo Sunny“) und Peter (Dramaturg und Schriftsteller) dran sind oder seine Schwester Marion – die einzige Überlebende der Figuren auf dem Gemälde.

Die Radiojournalistin und Schriftstellerin Marion Brasch hatte 2012 das Buch „Ab jetzt ist Ruhe – Roman meiner fabelhaften Familie“ veröffentlicht, aus dessen Hörbuchfassung erklingen hier nun Auszüge unterm Bild. Vor allem dient sie der Filmemacherin Annekathrin Hendel als Zeitzeugin, kennt sie doch die inneren Bande und Abstoßungen zwischen den Brüdern und das Verhältnis zu den Eltern wie niemand sonst. Hendel begleitet Marion Brasch bei einem Aufenthalt in New York, mal sieht man sie als Einzelne in einer Menge von Passanten, mit leuchtendem Volksbühnen-Räuberrad auf dem T-Shirt, meistens sitzt oder steht sie im Interview, die im Berliner Tonfall vorgetragenen Fragen berlinernd beantwortend: sehr offen, Kränkungen nicht aussparend.

Annekathrin Hendel hat bereits mehrere Künstlerporträts gedreht, gebrochene Biografien wie die Rainer Werner Faßbinders oder Sascha Andersons sind ihre Spezialität. Diesmal schaut sie nicht auf eine Person, sondern auf ein Geflecht von Menschen. Auf die Idee, sich die Braschs als Familie anzuschauen, kam die Regisseurin durch Heinrich Breloers Film „Die Manns“ über Thomas Mann und seine Kinder. Deshalb steht unter dem eigentlichen Untertitel „Eine deutsche Geschichte“ noch ein weiterer: „Die Buddenbrooks in DDR-Ausgabe“.

Tatsächlich erzählt der Film von einer einst mächtigen und einflussreichen Familie und deren Zerfall. Der Vater, den man in historischen Aufnahmen mehrfach mit Erich Honecker sieht, wollte seine Kinder zu guten Sozialisten erziehen. Das ist ihm nicht gelungen. Die Mutter, aus Wien gekommen, wurde nicht glücklich in der DDR. Und alle drei Brüder starben früh: Klaus kurz vor seinem 30. Geburtstag, Peter mit 46, Thomas mit 56. Alle litten sie an sich und der Gesellschaft im Kleinen wie im Großen.

Doch der Vergleich mit den Buddenbrooks hinkt. Nicht der politisch einflussreiche Vater, sondern Thomas Brasch wirkt wie der Mittelpunkt der Familie. Er, der als Jugendlicher schon ein großer Schriftsteller werden wollte (wie sein damals enger Freund Christoph Hein erzählt), der seine Freundin sofort für die junge Liedermacherin Bettina Wegner verlässt (was die kichernd berichtet), der sie schnell wieder für die junge Schauspielerin Katharina Thalbach sitzen lässt (mit dem gemeinsamen Baby), der nach seiner Unterschrift gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns in den Westen geht (schneller, als ihm lieb ist). Im Zentrum steht er nicht, weil er so sozial gewesen wäre und sich um den Zusammenhalt bemüht hätte, sein einnehmendes Wesen und seine künstlerische Kraft faszinierten alle. Sein erstes Buch „Vor den Vätern sterben die Söhne“ erhält viel Aufmerksamkeit, sein erster Film „Engel aus Eisen“ läuft 1981 im Wettbewerb von Cannes. Doch als er sich bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises in München für seine Ausbildung in der DDR bedankt, zeigt er an, dass er sich vom Westen so wenig vereinnahmen lassen will wie vom Osten.

Annekatrin Hendel hat Menschen in einen Rahmen gepackt, die gern die Normen sprengten. Marion Brasch ist auf dem Begleit-Bild ein kleines Mädchen im Kleidchen. Sie sei immer brav gewesen, sagt sie und grinst. Der Film zeigt auch, wie sie nun mit der eigenen Tochter, die Regieassistentin am Deutschen Theater ist, die Erinnerung an die Brüder wachhält. Hendel aber schaut von außen, schafft bei aller Sympathie auch Distanz und legt mit ihrem Familienporträt zugleich ein Zeitgemälde vor. Und es bleibt der Gedanke, dass die Geschichte der Braschs ohne die deutsche Teilung weniger aufregend gewesen wäre.

Familie Brasch. Eine deutsche Geschichte. Deutschland 2018. Buch und Regie: Annekatrin Hendel. 103 Minuten.

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