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Kino Recht auf Liebe, Recht auf Glück

Die stille Radikalität von Jeff Nichols’ Film „Loving“ braucht kein Pathos – und hat die US-Gegenwart scharf im Blick.

Loving
Sie wollen kein Aufsehen, aber sie bestehen darauf, ihr Leben gemeinsam zu verbringen. Ruth Negga und Joel Edgerton als Mildred und Richard Loving. Foto: Universal Pictures

Selbst wenn auch heute noch ab und an Denkmäler in Stein gehauen werden, ist der Film wohl nicht nur in Hollywood das beliebteste Gedenk-Medium geworden. Kaum eine historische Leistung, die nicht früher oder später das Kino oder Fernsehen würdigt – und dabei oft genug mit dem Anspruch auftritt, das etwas historisch oder menschlich Bedeutendes automatisch auch filmische Bedeutung nach sich zieht.

So entstanden höchst überflüssige Filme über medizinische Erfolge, spektakuläre Republikfluchten oder heroisch bewältigte Flutkatastrophen voller wild ausgesponnener Randgeschichten. Dabei kann es für einen Filmemacher durchaus von Vorteil sein, etwas Bekanntes noch einmal zu erzählen. Und dabei bei den Fakten zu bleiben. Schließlich sind sie erstaunlich genug.

Selbst wenn inzwischen auch am früheren obersten Gerichtsgebäude von Virginia eine Gedenktafel erzählt, was man dort dem Ehepaar Loving angetan hat: Jeff Nichols’ Film, der letztes Jahr in Cannes zu sehen war, meißelt ihre Geschichte auf weit bemerkenswertere Art in Stein. Das Erstaunlichste daran ist, wie wenig Pathos er für seine Heldengeschichte nötig hat.
Mildred und Richard Loving, eine schwarze Frau und ihr weißer Ehemann, wurden 1959 im südlichen Bundesstaat Virginia für ihre Eheschließung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Gemischtrassige Ehen waren dort verboten, so fuhren die Lovings, die ein Kind erwarteten, nach Washington, D.C.. Bald nach ihrer Rückkehr wurden sie verhaftet. Nur ein Schuldbekenntnis und die sofortige Verbannung aus Virginia ersparten ihnen das Gefängnis.

Nichols geht über die Rassismus-Thematik hinaus

1964 schrieb Mildred Loving an den damaligen Justizminister Robert Kennedy, der sie an die Bürgerrechts-Bewegung ACLU vermittelte, wo sie kostenlose Rechtshilfe bekamen. Zwei junge Anwälte brachten die Sache kampfesmutig durch alle Instanzen, bis sie 1967 vor dem Supreme Court Recht bekamen.

So weit der Fall, der in den USA allgemein bekannt ist, weil er Geschichte schrieb – und an den am 12. Juni ein Loving Day erinnert. Was kann man dem hinzufügen? Erfreulich wenig.

Jeff Nichols zeichnet das Bild eines Ehepaars, dem jeder Sinn für Öffentlichkeitswirkung fern ist. Als Mildred (Ruth Negga) über die Jahre den Kampfgeist in sich entdeckt und daraus Selbstbewusstsein schöpft, muss sich ihr stoischer Ehemann erst einmal darauf einstellen: Joel Edgerton spielt den Film mit wenig mehr als dem in ewiger Anstrengung verkniffenen Gesichtsausdruck des Bauarbeiters – und wurde dafür für den Oscar nominiert. Selten hat man eine derart minimalistische Darstellung gesehen, doch welche Bandbreite erkennen wir schließlich in diesen kleinen Augen, bis sie allen Grund haben, feucht zu werden.

Tagein tagaus baut Mr. Loving Häuser für andere, aber auf seinem eigenen Bauland in Virginia kann er keinen Stein auf den anderen setzen. Wut aber bricht nicht aus ihm heraus. Sein Protest besteht darin, seine Liebe zu leben. Also jene Selbstverständlichkeit, die vom Bundesgericht erst festgestellt werden muss.

Es wird nicht darüber gesprochen, wie das Paar zusammen gekommen ist, oder warum es sich so liebt. Die entscheidende Referenz für Nichols’ Inszenierung ist ein ikonisches Foto aus dem „Life“-Magazin, das der Fotograf Grey Villet aufgenommen hat. Auch er ist als Randfigur Teil dieses Denkmals.

Unaufdringlich aber unmissverständlich beschreibt Nichols das historische Umfeld des Rassismus der Fünfziger. Doch der Kampf gegen das Unrecht, die bösen Details der Diskriminierung interessieren ihn weniger als das Beharren auf das Recht auf Glück. Wie der Titel andeutet, ist „Loving“ weniger ein Anti-Rassismus-Film als ein Film über das Recht auf Liebe – und ihre gesellschaftliche Achtung.

Es liegt schon eine Radikalität in Nichols’ Verweigerung gegenüber jeder dramaturgischen Verdichtung oder dramatischen Aufladung. Anstatt sich auf die nahe liegenden Höhepunkte zu konzentrieren, etwa die vielen verlorenen Gerichtsverhandlungen auf dem langen Weg, interessiert ihn das Leben dazwischen. Wenn das Paar schon fast ein Jahrzehnt auf Gerechtigkeit wartet, dann muss man auch ein Gespür für diese Zeit bekommen, in der alle historischen Veränderungen der frühen sechziger Jahre vor dem Haus der Lovings halt zu machen scheinen.

Es wäre leicht, darüber das Besondere von „Loving“ zu übersehen. Nichols’ Blick für die Rituale des Lebens und der Arbeit. das geradezu musikalische Wiederholen der Handbewegungen des Mauerns. Hier erinnert sein Film an die klassische Zeit des amerikanischen Sozialdramas, das Kino des New Deal. Das einzige Pathos, das sich Nichols leistet, ist die Feier des Einfachen. Man muss schon lange in der Filmgeschichte zurückgehen, um die derart würdevolle Darstellung einer jungen Ehe zu sehen – zu King Vidors „The Crowd“ (1928), Frank Borzages „Little Man, What Now“ (1934) oder Fritz Langs „Du und ich“ (1938).

Und hat man einmal verstanden, wie radikal das Plädoyer für das Recht auf Liebe ist, dann liest man diesen Film auch weit über seinen eigentlichen Kontext hinaus, die Abschaffung rassistischer Gesetzgebung. „Loving“ ist ebenso ein unausgesprochenes Plädoyer für die in den USA auch nach ihrer Durchsetzung umstrittene gleichgeschlechtliche Ehe. Hier haben die USA ja gegenüber Deutschland, das sich damit schwer tut, einen Vorteil – doch der steht in der Trump-Ära auf wackligen Füßen. Aber so ist das mit den meisten Denkmälern, die etwas taugen: Wer sie aufstellt, möchte auch der Gegenwart den Spiegel vorhalten.
 
Loving. USA 2016.
Regie: Jeff Nichols. 123 Min.

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