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Kino Mal Seh’n Schwarze Romantik trifft auf Dokumentarfilm

Das Regieduo Gossing/Sieckmann zeigt in Frankfurt ihre Experimente mit der Form des dokumentarischen Films.

Wir sehen ein friedliches Einfamilienhaus, der Rasen ist gemäht, die Bäume rascheln sanft im Wind. Doch wenn eine Idylle im Film gezeigt wird, dann muss sie auch gebrochen werden. Unverhofft läuft ein Schatten über die gesamte Szenerie. Ehe man seine Anwesenheit verarbeitet hat, hat er das Bild schon wieder verlassen. Doch er kommt wieder. Und wieder. In die Küche des Hauses dringt er ein, in das Schlafzimmer. Dieser wandernde Schatten ist ein zentrales Element des Kurzfilms „Ocean Hill Drive“ des Regieduos Miriam Gossing und Lina Sieckmann. Einer von drei Filmen der Regisseurinnen Jahrgang 1988, der an diesem Abend im Frankfurter Kino Mal Seh’n in Kooperation mit der Kinothek Asta Nielsen gezeigt wird.

Das mysteriöse Schimmern und Flattern des Schattens ist jedoch nicht der Imagination der Regisseurinnen entsprungen, sondern ein reales Phänomen, das sie in einer US-amerikanischen Kleinstadt aufgezeichnet haben. Dazu arrangieren sie Aussagen der Anwohnerschaft, die collagiert und von einer Schauspielerin erneut eingesprochen wurden. Die unbewegten Einstellungen von Kameramann Christian Kochmann zeigen zumeist menschenleere Orte. Selbst wenn ein Junge sich im Bett wälzt oder der Rasen gemäht wird, Protagonist bleibt der Ort und sein Schatten. Raum und Ort, das scheinen zentrale Anknüpfungspunkte, besonders deutlich in „Desert Miracles“, der mit einer Typologie von 22 Hochzeitskapellen in Nevada aufwartet.

In langsamer Abfolge werden die achsensymmetrischen Tableaus präsentiert, die von einem zweifelnden Monolog zur Liebe begleitet werden, der wiederum aus Internet-Hochzeitsforen destilliert wurde. Mit jedem neuen Tableau erweitert sich der Katalog des Hochzeitkitsches: Stoffrosen, falsche Marmorsäulen, rote Teppiche, Holzvertäfelung, Dekorpflanzen. Und selbst hier, in einem Film, der das Unheimliche nicht explizit zum Thema macht, und nochmals unterstützt durch die Optik des digitalisierten 16mm-Films, wird eine Brücke geschlagen zu David Lynch, dem schwarzen Romantiker der Filmkunst.

Die Anleihen bei ihm hinsichtlich Machart und Sujet sind vor allem interessant, weil Gossing/Sieckmann immer wieder das Dokumentarische ihrer Filme stark machen. Anstatt jedoch einfach die nicht medialisierte Realität abzufilmen, versuchen sie Gefühle oder Stimmungen filmisch zu rekreieren. Dabei wandeln sie auf einem schmalen Grat zwischen Stilisierung und Realitätsanspruch. Dass nämlich die Schatten aus „Ocean Hill Drive“ von einer Windturbine stammen, die audiovisuell jedoch ausgespart wird, ist eine mutige Setzung. Wie sich aus einer Windturbine eine Kleinstadt-Psychose entwickelt, wird erst im Nachgespräch mit den Regisseurinnen deutlich.

Deutlich wird auch der Einfluss ihres Lehrers Matthias Müller, dessen Foundfootage-Werk „Home Stories“ ebenfalls gezeigt wird. Der letzte Film des Abends, „One Hour Real“ von 2017, behält die Ästhetik des Duos bei, arbeitet aber selbstbewusster mit Bild und Ton. Im Nachgespräch drängt dieser Film besonders die Frage auf: Kann man von einem dokumentarischen Film, egal ob Geschichtsdarstellung oder Rapport des Alltags, erwarten, dass sich sein Inhalt selbst vermittelt, ganz ohne Begleittext oder Gespräch?

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