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Kino: „Fassbinder“ Die Weggefährten Fassbinders

Neu im Kino: Annekatrin Hendels Dokumentarfilm „Fassbinder“ lässt Weggefährten des Regisseurs Fassbinder zu Wort kommen. Der hätte sich wohl nie mit einem Porträtfilm zufrieden gegeben.

Rainer Werner Fassbinder, ewig jung. Foto: Rainer Werner Fassbinder Foundation/Real Fiction Filmverleih

So hatte noch nie jemand mit mir gesprochen“, sagt Irm Hermann. „Ich war ihm vollkommen verfallen.“ Faszination wäre eine Untertreibung, Ergriffenheit trifft es schon eher: Wie Blitzlichterinnerungen können Rainer Werner Fassbinders einstige Weggefährten noch heute ihre ersten Begegnungen mit dem erblühenden Genie abrufen. “ Man war ihm hörig“, wird es Hanna Schygulla später im Film abgeklärter formulieren. „Da ist mir dieser Junge aufgefallen“, erinnert sie sich über eine erste Begegnung im Schauspielkurs in einer Privatschule, „der hatte gleichzeitig etwas Rührendes und was Beängstigendes, etwas Verletzliches und etwas Raubtierhaft-Kralliges.“

„Fassbinder“ hat die Filmemacherin Annekatrin Hendel ihren Dokumentarfilm genannt, doch er hätte auch „Die Überlebenden“ heißen können, wenn es diesen Filmtitel nicht schon bei Andres Veiel gäbe. Der hatte seinerzeit das Porträt eines früh verstorbenen Mitschülers aus Erinnerungen gezeichnet, doch vor allem den Tod sichtbar gemacht – durch die Spuren der Zeit, eingeschrieben in den Gesichtern der nun gealterten Freunde.

Das ist nun einmal, wie es Jean Cocteau früh formuliert hat, das Gespenstische am Kino, „dem Tod bei der Arbeit zuzuschauen“. Auch wenn man die Protagonisten dieses Films seit Fassbinders Tod 1982 nie wirklich aus den Augen verloren hat, kann man nicht anders, als ihr Altern im Kontrast zu Fassbinders ewiger Jugend zu sehen. Nun blicken sie in etwa auf das doppelte Lebensalter zurück, das dem bedeutendsten Regisseur des Jungen Deutschen Films vergönnt war – am 31. Mai wäre er siebzig geworden.

Neben seinen meistbeschäftigten Hauptdarstellerinnen Schygulla und Hermann sind es die Kollegin Margit Carstensen, der Schauspieler und Produzent Harry Baer, der Filmemacher und Gelegenheitsdarsteller Hark Bohm, Ex-WDR-Redakteur Günter Rohrbach, Produzent Thomas Schühly sowie Regisseur Volker Schlöndorff, dem wir Fassbinders bedeutendste Darstellerleistung auf der Leinwand verdanken, die Hauptrolle in „Baal“.

Nur am Rande tritt die Initiatorin dieses Filmprojekts vor die Kamera, Fassbinders letzte Ehefrau und Erbin, die Cutterin Juliane Lorenz. In einer frühen Drehbuchidee zu diesem Filmprojekt hatte sie buchstäblich eine letzte Tür zu Fassbinder öffnen wollen, indem sie erstmals seit seinem Tode wieder die gemeinsame Wohnung betreten hätte.

An solch sinnstiftenden Schauplätzen mangelt es nun dem fertigen Film. Geradezu museal wirkt die nachgestellte Studioatmosphäre. Volker Schlöndorff, dem einstigen Hausherr im abgewickelten Defa-Domizil, scheint das auch ein wenig absurd vorzukommen, wenn er noch vorm eigentlichen Interview bemerkt: „Einer, der das nie machen würde, was wir hier machen, ist der Rainer. Er hätte gesagt: ‚Ich mach’ doch kein Interview über einen anderen Regisseur. Um mich kümmert sich ja auch keiner!‘ Dabei haben sich ja alle um ihn gekümmert.“

So ist es bis heute geblieben. Auch wenn Fassbinder die Mitglieder seiner Filmfamilie oft gegeneinander ausspielte oder vor allen bloßstellte, hadert niemand der Interviewten mit der Vergangenheit. „Er würde mich jetzt auslachen, wenn er mich so sieht“, lacht Hanna Schygulla, die das Filmteam in ihrer Wohnung empfängt, wo es viel lebendiger zugeht als am Hauptspielort, dem mit Monitoren dekorierten Atelier. Während sie erzählt, hantiert sie mit ihrer Videokamera, die über einen kleinen eingebauten Projektor verfügt. Aus einer Buchseite wirft sie ein schwarzweißes Fassbinder-Porträt auf ihren Zeichenblock und malt es bunt. Ein wenig gilt das auch für diesen Film: Er wirft das Bild des Künstlers an die Wand, wie wir es kennen, und malt es etwas bunt. Neue Facetten gewinnt es nicht. Doch wäre das wirklich zu erwarten gewesen von einer Produktion der Nachlassverwalterin?

Schon die von Lorenz produzierte, hoch subventionierte Restaurierung von „Berlin Alexanderplatz“ schien vor allem kommerziell motiviert. Ein Vergleich mit einer historischen 16mm-Kopie während der Berliner Filmfestspiele löste heftige Debatten aus: Die weichen, zartfarbenen Bilder waren körniger, digitaler Buntheit gewichen. Nun sehen wir Fassbinders Leben in einer dramaturgisch gut gebauten und durchweg unterhaltsamen Interview-Collage Revue passieren, versetzt mit Archivaufnahmen des Filmemachers und manchmal nur sekundenlangen Clips aus seinem Werk.

Doch wirklich näher kommen wir zumindest seinem Schaffen dabei nicht. Und das liegt nicht nur daran, dass wichtige Überlebende fehlen (Ingrid Caven, Ulli Lommel oder Peter Berling, der Aufnahmeleiter, den Fassbinder „die Mutti“ nannte). Kaum jemand versucht auch nur zu benennen, worin denn die künstlerische Eigenständigkeit seines Kinos liegt. Und da sieht man auch gleich, worin sich diese vermeintlich nach aktuellem Industriestandard produzierte Dokumentation von vergleichbaren US- oder britischen Künstlerdokumentation unterscheidet: Es fehlen die Interpreten, insbesondere die Filmkritiker und Publizisten, die Fassbinders Werk zu Lebzeiten begleitet haben: Wolfram Schütte, Hans Günther Pflaum oder Joachim von Mengershausen, aus dessen frühem Fassbinder-Dokumentarfilm „Ende einer Kommune“ – ohne credit – einige Bilder entnommen wurden.

Aber so ist nun einmal das Selbstverständnis der deutschen Filmindustrie, die in der schreibenden Zunft ihren Erzfeind sieht und in der Interpretation ihrer Werke nur einen unnötigen Stolperstein. So zementiert sich einmal mehr der falsche Eindruck, Fassbinders Werk sei nur im Ausland anerkannt gewesen.

Schlöndorff hat wohl Recht: Niemals hätte sich Fassbinder mit einem solchen Porträtfilm abgegeben. Bei aller Egozentrik hätte er doch seine Person nie über sein Werk gestellt. Fassbinder lebte, wie er lebte, ja er starb wie er gestorben ist, für die Filme die er machte. Sie kamen aus einer Liebe zum Kino und dem Wunsch, dessen Genrevielfalt durch eine persönliche Aneignung zu bereichern. Sie waren nicht das Nebenprodukt eines exzentrischen Lebens, und sie werden nicht interessanter, wenn man sie allein durch seine Biographie vermittelt. Aber genau das steht uns bevor: Diese Dokumentation ist nur eine Vorbotin aufwändiger Biopics mit Starbesetzung.

Fassbinder. Regie: Annekatrin Hendel. D 2015. 95 Min.

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