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Kino Der richtige Riecher

Die Cyrano-de-Bergerac-Adaption „Das schönste Mädchen der Welt“ ist die erste Überraschung des Kinoherbstes.

Kinostart - "Das schönste Mädchen der Welt"
Ist sie womöglich wirklich das schönste Mädchen der Welt? Luna Wedler als Roxy. Foto: dpa

Nichts gegen den deutschen Teenagerfilm. Seit den Tagen der „Lümmel aus der letzten Bank“ war er nie so präsent im Kino wie heute. Sogar den Namen Goethe hat er, wenn auch nur in Verbindung mit einem Schimpfwort, wieder in aller Munde gebracht. Aber was erwarten wir in diesem Genre weniger als eine überraschend werktreue Klassikerverfilmung?

1897 schrieb Edmond Rostand sein romantisch-komödiantisches Versdrama „Cyrano de Bergerac“. Und auch wenn es, verlegt in das Umfeld einer neunten Schulklasse auf Berlinfahrt, weitgehend in Prosa übertragen wurde, ist es doch immer noch beides: romantisch und komödiantisch. Und zwar auf eine so leichte und unbeschwerte Art, dass man es beinahe für sich behalten möchte. Sonst wird sich schon morgen die Kultusministerkonferenz darauf stürzen und „Das schönste Mädchen der Welt“ zur schulischen Klassikervermittlung empfehlen.

Der Bus zur Mittelstufen-Abschlussfahrt hat den Motor schon angelassen, da zwängt ein Vater seine 17-jährige Tochter, der man ihre Schwererziehbarkeit bereits an diesem coolen Auftritt ansieht, noch rabiat zur Türe rein. „Das also ist die Neue“, lautet üblicherweise im Teenie-Genre die lapidare Vorstellung. Roxie geht der Ruf voraus, von einem englischen Internat geflogen zu sein. Das verschafft ihr bei ihren neuen Mitschülern schon mal hohes Ansehen. Der einzige freie Platz im Bus aber ist neben Cyril, einem klugen und sogar recht schlagfertigen Jungen, den man aber wegen seiner großen Nase wie einen Aussätzigen behandelt. Selten wurden die Weichen in einer Außenseiter-Romanze früher gestellt, aber dies ist ja auch kein gewöhnlicher Teenagerfilm, sondern eine Neuverfilmung des Cyrano de Bergerac.

Cyril versteckt sein heimliches Talent, die Dichtkunst, üblicherweise hinter einer goldglänzenden Maske: Derart kostümiert hat er es bei Battle-Rap-Veranstaltungen schon zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. 

Auch Roxy zeigt sich bei nächster Gelegenheit ziemlich „geflasht“, hält jedoch Cyrils nicht allzu hellen Zimmergenossen Rick für den Urheber der coolen Verse, als sie bei ihm die Maske sieht. Nun nimmt die bekanntermaßen herzzerreißende Komödie ihren klassischen Verlauf: Cyril legt dem hübschen, dabei herrlich-dämlichen Rick die charmantesten Dinge in den Mund – bis ihn die gefährliche Intrige eines Nebenbuhlers zwingt, selbst aktiv zu werden.

Vor fünf Jahren gab uns Filmemacher Aaron Lehmann ein Interview zu seinem Hochschul-Abschlussfilm „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“. Gegen alle Widerstände seiner Professoren hatte er da einen klassischen Stoff gegen den Strich gebürstet und in die Gegenwart eines mittellosen, aber ehrgeizigen Filmemachers verlegt. „Es ist ein Film, der aus der Not geboren wurde“, bekannte er damals. „Aber bloß, weil ich kein Geld hatte, wollte ich kein Küchentischdrama machen. Ich fragte mich: Was würde passieren, wenn man ‚Braveheart‘ als Dogmafilm machen würde? Also einfach alles wegnehmen?“ 

Jetzt, nicht weniger als vier Komödien später, befindet sich der ungemein produktive Nachwuchsfilmemacher in der umgekehrten Situation. „Das schönste Mädchen der Welt“ ist großzügig produziert, bestens ausgestattet. Inzwischen würde Lehmann wohl niemand daran hindern, einen „Cyrano“ als Kostümfilm zu drehen. Doch das vorzügliche Drehbuch, das er mit Lars Kraume und Judy Horney verfasste, erlaubt ihm etwas Besseres: Selten hat Jugendsprache so echt geklungen, und die Hip-Hop-Ausflüge wurden von Robyn Haefs alias Mad Maks mitreißend getextet. 

Zum Strahlen aber bringen diesen Film die jugendlichen Hauptdarsteller. Der mittlerweile 19-jährige Aaron Hilmer könnte im deutschen Film die Leerstelle eines nachdenklich-rebellischen Helden besetzen. Und die gleichaltrige Luna Wedler, deren indirekte Strahlkraft den Filmtitel nicht einmal abwegig klingen lässt, würde uns leicht sagen lassen: „A star is born“ – wäre sie das in ihrer Schweizer Heimat nicht schon längst.

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