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John Maloof „Finding Vivian Maier“ Der verschwindende Augenblick

Der Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“ erzählt von der Kinderfrau mit der Kamera – Regisseur John Maloof ist als Nachlassverwerter aber zugleich in eigener Sache unterwegs.

Sich selbst im Sucher: Vivian Maier. Foto: Estate Vivian Maier/ Courtesy Schirmer/Mosel

Hätte es die fotografierende Kinderfrau Vivian Maier nicht tatsächlich gegeben, Hollywood hätte sie erfinden müssen: „Mary Poppins mit der Kamera“ hieß es häufig, wenn in den letzten Jahren über Wanderausstellungen der Fotokünstlerin berichtet wurde, die zeitlebens nie ein Bild ausstellte.

Vivian Maier arbeitete als Nanny, während sie in den 50er bis 80er Jahren jene Hunderttausende von Straßenfotografien schoss, die zum Teil an die Größten dieses Fachs erinnern: An Elliot Erwitt, Lee Friedlander oder Robert Frank – und, in den Porträts namenloser Passanten aus der Unterschicht, immer wieder an Diane Arbus. Zeigen aber wollte Maier ihre Aufnahmen keinem – abgesehen von ein paar Helfern hinter den Theken von Fotoläden und Supermärkten.

Als sie schließlich 2007 die Miete für ihren Lagerraum schuldig blieb, wurde ihr Lebenswerk versteigert. So begann, dank des Eifers einiger Schatzjäger, noch zu ihren Lebzeiten ihr Ruhm, ohne dass sie es bemerkte. 2009 verstarb die gebürtige New Yorkerin, die einen französischen Akzent kultivierte, 83-jährig in Chicago. Da müssen ihre Bilder im Internet bereits die ersten „likes“ bekommen haben.

Einer, der für wenige hundert Dollar zuschlug, als ihr Werk an die Schnäppchenjäger ging, war der damals 26-jährige Immobilienmakler John Maloof. Heute ist er hauptberuflicher Verwerter der hoch gehandelten Maier-Fotos. Im Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“, der nach seiner Berlinale-Premiere nun in die Kinos kommt, firmiert er gar als Regisseur, gemeinsam mit dem ehemaligen Michael-Moore-Mitarbeiter Charlie Siskel. Begleitet wird der Kinostart von einer für einen Dokumentarfilm ungewöhnlich aufwändigen PR-Kampagne.

Vor der Kamera inszeniert sich Maloof als Maiers Entdecker und seriöser Bewahrer ihres Nachlasses. Man bekommt den Eindruck, nahezu alles, was Maier fotografierte, sei bei ihm gelandet. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Bereits 2013 sendete die BBC Jill Nicholls’ preisgekrönten Dokumentarfilm „Vivian Maier: Who took Nanny’s Pictures?“ Fast hat man den Eindruck, den gleichen Film noch einmal zu sehen, doch genau besehen ist alles anders. In beiden Dokumentationen erinnern sich ehemalige Schützlinge an ihre stets schrullige, meist harmlose, manchmal aber auch erschreckend unberechenbare Nanny. Eine Kinderfrau, die die Kleinen auf der Fotojagd schon mal im Park zurückließ. Offensichtlich hatte sie mit vielen Familien zu tun – denn diesmal sind es andere Gesichter. In beiden Filmen werden Maier-Fotos in großer Fülle ausgebreitet – nur sind es diesmal andere Bilder.

Der Grund ist einfach: Maloof verschweigt nicht nur, dass er hier lediglich ein Remake drehte. Er verwischt auch alle Spuren der beiden anderen Maier-Sammler, die bei Nicholls ausführlich zu Wort kommen: Ron Slattery, der bei der Auktion ebenfalls zuschlug und 2008 als erster Maier-Fotos im Internet publizierte. Und vor allem Jeffrey Goldstein, der immerhin 17 500 Negative, 2000 Abzüge, 30 Schmalfilme und etliche Dias der Fotografin besitzt.

In beiden Filmen outet sich der große amerikanische Fotograf Joel Meyerowitz als Fan seiner lange unbekannt gebliebenen Kollegin. Allerdings gibt er lediglich im ersten Film warnend zu bedenken: „Ich bin besorgt, weil wir nur das zu sehen bekommen, was die Leute herausgeben, die ihre Koffer gekauft haben. Und was für Herausgeber sind das? Was hätte sie selbst weggelassen und was hätte sie abgezogen? Wie kann irgendjemand von uns wissen, wer die echte Vivian Maier ist?“

Das ist der springende Punkt, und Maloof würde in diesem Werbefilm in eigener Sache den Teufel tun, mit dem Finger darauf zu zeigen. Sein Kapital ist die traurige Lebensgeschichte, die den Van-Gogh-Mythos vom lebenslang verkannten Künstler wiederaufleben lässt. Einen Mythos, dem der heutige Kunstbetrieb, in dem es nur früh geförderte Akademie-Absolventen zu geben scheint, nicht mehr bedient. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Vivian Maier in einer von ehemaligen Zöglingen finanzierten Wohnung, ihre Tage auf Parkbänken und ernährte sich von Konserven mit abgelaufenem Datum.

Stilkritische Überlegungen fehlen indes in „Finding Vivian Maier“ völlig, man erfährt auch nicht, worin Maiers Personalstil liegen sollte. Nicht alles ist Gold, was in der Auswahl des Hobby-Kurators glänzt. Man könnte leicht bessere Kinderbilder im Werk von Helen Levitt oder Arthur Leipzig finden, markantere Fotos von Polizeieinsätzen bei Weegee, spektakulärere Bildnisse markanter Alltagsgesichter bei Diane Arbus, kunstvollere Schaufenster-Stillleben bei Lee Friedlander. Dass Maier gleichzeitig in all diesen Ligen spielte, ist natürlich beeindruckend.

Doch was wären ihre eigenen Vorlieben gewesen? Man weiß, dass sie ihre Papierbilder gern beschnitt. Maloof, der kein Fotohistoriker, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, lässt sie quadratisch bis zum Rand abziehen. Und scheint sich vor allem dafür zu interessieren, Maiers Werk nach Ähnlichkeiten zu bedeutenden Fotografen abzusuchen, insbesondere dem der heute schier unbezahlbaren Diane Arbus. Ironischerweise offenbart aber gerade dieser Vergleich den Vorzug von Maiers’ vermeintlicher Unscheinbarkeit: Sie suchte nicht nach Groteskem, fotografierte ihre oft nicht im konventionellen Sinne schönen Zeitgenossen auf Augenhöhe. Und erspart ihnen jede entstellende Übertreibung.

Einen Mangel an Anteilnahme, wie ihn Susan Sontag in ihrem berühmten Essayband „Über Fotografie“ bei Arbus diagnostiziert, kann man Maier nicht vorwerfen. Sontag wendete Arbus’ Bekenntnis, erst durch das Stadium der Langeweile zur fotografischen Faszination gefunden haben, dabei gegen sie: „Langeweile ist nur die Rückseite der Faszination, beides ist davon abhängig, etwas von außen und nicht von innen zu betrachten“, erklärte Sontag. Anders als typische Hobbyfotografen aber entdeckte Vivian Maier das Medium nicht auf der Flucht vor der Langeweile. Was sie abbildete, war auch ihr eigenes Leben. Es war das öffentliche Leben, das sie auf ihren endlosen Stadterkundungen mit den Kindern teilte, die sie betreute. Und die Menschen, die sie dort fotografierte, empfand sie folglich als ihresgleichen. Hierin liegt wohl tatsächlich der Schlüssel zum Besonderen dieser Entdeckung.

Doch betrachtet man ihre Bilder einmal chronologisch, bemerkt man, wie sich ihre Sicht der Welt verdunkelt: Von Schönheiten am Straßenrand wandert ihr Blick immer mehr ab zum Unrat in der Gosse. Tausendfach fotografiert sie, was sie auch in ihrem beengten Wohnraum hortet: alte Zeitungen mit schlechten Nachrichten. Ist es ein solches Mysterium, dass Vivian Maier die belichteten Filmrollen schließlich nicht mehr entwickeln ließ?

Kollege Joel Meyerowitz ist der einzige unter den Interviewten, der sich einfühlen kann in diese so obsessive wie privatistische Künstlerseele. „Es geht immer um den verschwindenden Augenblick. Der Aufbewahrungsort ist man selbst – als Fotograf. Schön, wenn man das mit Leuten teilen kann. Aber irgendwann muss man das auch gar nicht mehr. Es existiert nur für einen selbst.“ Ein wichtiges Statement – zu hören leider nicht in Maloofs Promotionfilm „Finding Vivian Maier“, sondern in der erhellenden BBC-Produktion. Man sollte sie ins Kino bringen.

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