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Jim Knopf im Kino Biedermeier-Glanz im Tal der Dämmerung

Ohne einen eigenen Einfall arbeitet sich Dennis Gansel durch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“: Alles ist da, doch nichts wird lebendig.

Jim Knopf
Lokomotive Emma hat hier Platz, aber keinen Charme. Foto: Warner Bros

Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, war nur sehr klein“, schrieb der einsame Autor auf das leere Blatt. Und wie Michael Ende später gerne erzählte, war dieser erste Satz auch schon alles, was er über seine Geschichte wusste. Schon bald war er nicht mehr allein: König Alfons der Viertelvorzwölfte, Frau Waas und Herr Ärmel kamen dazu – per Postboot – auch ein Paket mit einem Baby, womit die Geschichte zu einem Helden kam: Jim Knopf.

Jetzt, in der ersten Kinoverfilmung, ist Lummerland nicht mehr ganz so klein. Die digital generierte Kulisse hat zwischen den beiden Bergen Platz gefunden für jede Menge Zuckerwatte. Ein nostalgischer Glanz hat sich über die Insel gelegt, deren Biedermeier aussieht wie die Puppenstuben reicher Kinder.

Die erste Realverfilmung von „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ ist noch keine fünf Minuten alt, da wünscht man sich schon die elektrische Eisenbahnkulisse der Augsburger Puppenkiste zurück, ihre Anmut und Bescheidenheit, umschlungen vom zellophanenen Ozean. Jetzt glänzt es stattdessen goldig wie in einem ZDF-Vorweihnachtsmärchen, im Schloss des Königs und im Laden von Frau Waas.

Vielleicht stimmt die Interpretation, dass Michael Ende, dieser in seinem politischen Sendungsbewusstsein so sträflich unterschätzte Autor, in Lummerland den heimeligen Idealen der Adenauer-Republik einen Spiegel vorhalten wollte. Aber Kitsch hätte er deshalb noch lange nicht geschaffen, der war ihm zuwider.

Das ist nicht einmal ein Scheinriese von einem Film

Als Michael Ende seinerzeit Wolfgang Petersens Verfilmung seiner „Unendlichen Geschichte“ zu sehen bekam, klagte er über das „gigantische Melodram aus Kitsch, Kommerz, Plüsch und Plastik.“ Das musste man respektieren und konnte gleichwohl diesen unechten Hollywoodfilm aus Geiselgasteig genießen. Diesem Jim Knopf fehlt dagegen auch nur ein Funken von Wolfgang Petersens Verwegenheit. Es ist nicht einmal ein Scheinriese von einem Film.

Wer es gut meint mit Dennis Gansels Film, der wird feststellen, dass die Säulen des Inhalts nicht verändert wurden. Kaum eine Nebenfigur wurde vergessen. Aber es ist eine gänzlich phantasielose Illustration, die sich an einem der schönsten Kinderbücher der Weltliteratur ohne eigene Vision abarbeitet.

Wie die Lokomotive Emma klappert Gansel die Höhepunkte ab, pflichtbewusst und ohne Durchfahrt – als seien es Haltepunkte auf Lummerland. Doch es gibt kein Gespür für das Dazwischen: das Meer, in dem man Seegurken angelt, die Todesangst der Wüste, die Geheimnisse des Unterwegsseins. Von der ursprünglichen Reiseerzählung ist in diesem Potpourri der Höhepunkte nichts mehr übrig. Erstaunlich bei einer Laufzeit von immerhin zweieinhalb Stunden.

Ende arbeitete mit Licht und Schatten wie ein Maler. Gansel dagegen bewies schon mit seinem Vampirfilm-Flop „Wir sind die Nacht“ wenig Gespür für den stimmungsvollen Umgang mit Phantastik. In der Zwischenzeit drehte er noch etliche Genrefilme, doch geholfen hat es wenig.

Kein Verständnis für die Wirkungskraft des Mediums

Wer auf einer großen Kinoleinwand nichts anfangen kann mit Endes „Tal der Dämmerung“, wer in der Drachenstadt ohne jeden Schauer schon gleich hinter ein paar Ecken die Horrorschule von Frau Mahlzahn auftauchen lässt, versteht nichts von der Wirkungsmacht des Mediums. Bei der Kölner Pressevorführung spielten die Kinder lieber im Kino Verstecken. Der animierte Halbdrache Nepomuk, eine 3D-Animation, kann sich nicht entscheiden, ob er Urmel oder Tabaluga sein möchte.

Um wie viel lebendiger wirkten die Augsburger Puppen im Vergleich zu den Darstellern. Henning Baum fehlen für Lukas den Lokomotivführer die nötige Hemdsärmeligkeit und Bodenständigkeit. Oder ist es einfach nur die Regie, die diesen Figuren einfach keinen Spielraum gibt? Nachwuchsdarsteller Solomon Gordon sieht fraglos aus wie Jim Knopf, aber seine Figur wird nicht lebendig. Und wie sollte er auch zum Beispiel eine Beziehung zu Prinzessin Li Si entwickeln, wenn für sie nur ein paar Dialogsätze vorgesehen sind?

Der Schriftsteller Michael Ende war ein Meister der Sprache, aber er war auch ein bildender Künstler wie schon sein Maler-Vater Edgar Ende, einer der wenigen deutschen Surrealisten. Schlecht, wenn ein Film weder mit dem Text noch mit den Visionen etwas anzufangen weiß. Die Augsburger Puppenkiste in ihrer unprätentiösen Volkstümlichkeit hatte es da einfacher. Nun ist ihr Lummerland-Lied in einen bombastischen Soundtrack eingewoben. Dabei sind die direkten Bahngleise nach Lummerland eigentlich gar nicht schwer zu finden.

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