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Jerry Lewis Komiker-Legende Jerry Lewis ist tot

Er war der letzte der großen Slapstick-Komiker – und ein Pionier der Jugendkultur: Mit 91 Jahren starb Filmlegende Jerry Lewis.

Jerry Lewis gestorben
In „Immer auf die Kleinen“ mimt Jerry Lewis einen Bankräuber im Zweireiher. Foto: dpa

Wenn es einmal ein Kino-Museum geben sollte, das den Namen wirklich verdient, wäre darin ein Raum für Jerry Lewis reserviert. Man sähe ihn dort synchron auf 50 Monitoren Luft-Schreibmaschine schreiben in immer anderen Auftritten aus sechs Jahrzehnten. Man wäre verblüfft, denn immer spielte er diesen berühmten Sketch ein klein wenig anders.

Das war Jerry Lewis: Nie blieb er stehen, wo er war, immer wollte er sich übertreffen, nie war er sich gut genug. Und dennoch blieb er irgendwie auch auf der Stelle, denn er wollte ja auch nie jemand ganz anderes sein als diese Ikone aus ewiger Jugendlichkeit gepaart mit amerikanischem Unternehmergeist, die in der Kultur seines Landes nur einen wirklichen Rivalen hatte, die zwei Jahre jüngere Micky Maus.

Wer ihn einmal erlebt hat, merkte sofort, dass die Beziehung, die er mit seinem Publikum einging, von besonderer Art war. Hier war ein Mann, dem das Lachen und der Applaus Luft und Wasser waren. Der dieses gewaltige Ungeheuer mit immer neuen Überraschungen füttern musste, und damit zu kontrollieren suchte, was ihn selbst kontrollierte. Seine Tragik war die des ewigen Clowns, nur dass er eben keine abstrakte Maske aus weißer Schminke trug, sondern tausend Gesichter, die er selber schuf. Und die auf ein Dahinter blicken ließ, das für sich Dinge einforderte, die in der grauen Vorzeit aller Popkultur, seinen Anfängen in den Vierzigern, noch unvereinbar waren: Die Freiheit des Kindes, die Potenz der Jugend und der Respekt für den Erwachsenen.

Ein Jahrzehnt lang, von 1946 bis 1956, bildete er mit Dean Martin das erfolgreichste Komiker-Duo seit Laurel und Hardy. Binnen kurzem waren sie ein Massenphänomen, vergleichbar mit der späteren Beatlemania. Vor den Hallen brach nicht selten der Verkehr zusammen. Sie gaben acht Shows am Tag und verdienten sich goldene Nasen. Anders als später etwa Elvis Presley ließen sie sich nicht vom Management ausbeuten. Ihre Auftritte waren improvisiert und versetzten das Publikum in eine bei Comedy-Shows ungekannte Ekstase. 16 Spielfilme drehten sie gemeinsam, die schönsten inszenierte Ex-Trickfilmanimator Frank Tashlin: „Models und Mädchen“ und „Alles um Anita“.

Bei letzterem sprachen die beiden Stars nur noch in ihren Rollen miteinander. Martin fürchtete als bloßer Stichwortgeber um seine Autonomie. In der Tat war Lewis, den Tashlin wie eine Cartoonfigur inszenierte, der zu jeder Verwandlung fähig war, der eigentliche Star der späten gemeinsamen Filme. Tashlins beinahe surreale Märchenparodie „Cinderfella“ war die Blaupause der späteren Lewis-Filme. Kein geringerer als Billy Wilder ermunterte Lewis, sich selbst zu inszenieren. In weniger als zwei Wochen schrieb er sein erstes Meisterwerk „The Bellboy“ („Hallo Page“), binnen vier Monaten war es im Kasten.

Mit seinem Vater auf den Vaudeville-Bühnen

Es entstand eine Serie von Meisterwerken der anarchischen Komödie, die heute vielfach mit den Werken des Stummfilm-Genies Buster Keaton verglichen werden.

Man muss kein Psychologe sein, um das konstituierende Dilemma, das Faszination und Tragik des Jerry Lewis ausmachte, in seinen frühen Erfolgen wiederzuerkennen. Bereits als Kleinkind hatte er gemeinsam mit seinem Vater, einem Komiker und Schmalz-Bariton, auf den Vaudeville-Bühnen gestanden. Mit Martin wiederholte er die Rollenverteilung als nun erwachsenes Kind an der Seite eines attraktiven Frauenschwarms.

Doch auch Lewis war ein höchst attraktiver Mann – besonders in Frauenkleidern. Obwohl beide in ihrem Leben heterosexuelle Beziehungen führten, entstand daraus eine latent erotische Spannung, die sich in ein Gewand unschuldiger Familienunterhaltung hüllte. Wer erwartet hätte, dass das anarchische „Kind“ Jerry einmal gegen seinen vernünftigen „Vater“ Dean aufbegehren würde, erlebte es andersherum. Martin, den Lewis meist nur „Mein Partner“ nannte, wurde von diesem ein Leben lang vermisst.

In Meisterwerken wie „Der verrückte Professor“ wusste man nicht, was greller von der Leinwand strahlte: Sein Humor oder die Farben von Technicolor.

Und doch schien sich Lewis mehr als jeder andere bewunderte Weltstar davor zu fürchten, dass man ihn plötzlich nicht mehr wiedererkennen könnte, in dem was er tat. Als er zur Abwechslung einmal in seinem Leben eine ernste Rolle spielte, den von einem fanatischen Anhänger entführten Komiker in Scorseses „King of Comedy“, und dafür einhelliges Lob kassierte wie nie zuvor, reagierte er pikiert: „Man lobt mich dafür, dass ich einfach nur meinen Text aufgesagt habe wie ich auch sonst spreche. Dabei war ich doch nur ich selbst.“ Tatsächlich hatte er die Clownsmaske ein Stück gelüftet und seinem Publikum etwas gezeigt, das es sonst nicht zu sehen bekam.

„Total Film Maker“ nannte er seine Filmtheorie in einem Buch, das aus Uni-Seminaren entstand, bei denen er unter anderem Steven Spielberg unterrichtete. Und das sein Bewunderer Martin Scorsese lange wie einen Talisman auf jedem Filmset mitführte. Nichts überließ Jerry Lewis bei Dreharbeiten dem Zufall. Kameraleute bewundern ihn als Erfinder der Video-Kontrolle, die es ihm schon in den Fünfzigern erlaubte, das Gefilmte anzusehen, bevor die entwickelten Streifen aus dem Labor kamen. Doch mehr noch als er Bild und Ton seiner Filme kontrollierte, überwachte er sein Image, des immer liebenswerten, wenn auch vom Scheitern begleiteten ewigen Kindes. Und es ist ihm gelungen: Immer neue Generationen begeisterten sich für seine Filme, insbesondere den „Nutty Professor“: Als Produzent steckte er hinter dem erfolgreichen Remake mit Eddie Murphy, 2012 inszenierte er selbst eine Musicalversion in Nashville, die jedoch den Broadway nicht erreichte.

Am Ende seines Lebens konnte er auf eine längere Karriere zurückblicken als jeder andere Entertainer. Die spontane Zwiesprache mit seinem Publikum brachte dabei Vergangenheit und Gegenwart zusammen, nur ein Tabu schien es dabei zu geben: Den 1971 in Schweden gedrehten Holocaust-Film „The Day the Clown Cried“. In eigener Regie spielte er da einen deutschen Komödianten, der dazu gezwungen wird, jüdische Kinder lachend in die Gaskammer zu führen. Nachdem Lewis ein Jahrzehnt lang versucht hatte, den Film trotz rechtlicher Differenzen mit den Drehbuchautoren fertigzustellen, wurden später alle diesbezüglichen Fragen abgeblockt.

„Der Film liegt im Tresor und wird da für immer bleiben“, sagte er 2013 in Cannes „Warum? Weil er nicht gut ist. Ich bin nicht gut, und da ich die Rechte besitze, kann man mir das Recht nicht verwehren, diese schlechte Arbeit niemandem zu zeigen. Die Magie hat sich einfach nicht eingestellt, mir ist es heute peinlich.“ Dennoch gewährte er 2015 überraschend dem NDR-Redakteur Eric Friedler ein Interview für den Dokumentarfilm „Der Clown“, der erstmals umfassendes Filmmaterial aus diesem Film-Mysterium präsentierte. Unbestritten seiner Zeit voraus, ist es wohl nicht das „unbekannte Meisterwerk“ – und doch will man es endlich sehen, mit allen Widersprüchen.

Die gehörten bei aller Konsensfähigkeit nun einmal zu Jerry Lewis. In Frankreich als bedeutender Filmemacher gerühmt, galt er in den USA oft nur als Entertainer. Seinen einzigen Oscar erhielt er 2009 für seine humanitäre Arbeit; mehr als eine Milliarde sammelte er bei Fernsehshows für den Muskeldystrophie-Verein. Trotzig – und doch sehnsüchtig nach Anerkennung – trug er diesen Oscar stets auf Reisen mit sich.

Wenn er Journalisten Antworten gab, wie zuletzt in Cannes, war er wie bei seinem Schreibmaschinen-Sketch immer auf der Suche nach der Überraschung im Bekannten. Als eine der ersten Fragen einmal mehr Dean Martin galt, blaffte er nur: „Er ist gestorben, wussten Sie das nicht?“ Nach kurzer Stille im Saal bekam der anwesende Komponist Michel Legrand einen fast beängstigenden Lachkrampf, der so lange dauerte, dass Lewis nachlegen musste. „Als ich hier ankam und er nicht da war, merkte ich gleich, da stimmt was nicht.“ Am 20. August starb Jerry Lewis im Alter von 91 Jahren in Las Vegas im Kreise seiner Familie.

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