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Jean-Marie Straub und Heinrich Böll Zum Teufel mit Papas Kino

Wie Jean-Marie Straub in Köln einen Roman von Heinrich Böll verfilmte und damit Geschichte schrieb.

Szene aus „Nicht versöhnt“ mit Danièle Straub und Ulrich Hopmann. Foto: imago/United Archives

Ein altes Ehepaar steht auf einem Hotelbalkon, vor ihm die Fassade des Kölner Doms. „Was willst du eigentlich mit dem Ding?“, fragt er. Sie antwortet: „Ich will den Dicken da unten auf dem Schimmel erschießen. Erkennst du ihn?“ Auch der Mann hat ihn nicht vergessen – „Wie könnte ich?“ – und empfiehlt seiner Frau, doch lieber „unseren alten Freund Nettlinger“ ins Visier ihrer Pistole zu nehmen. Aber das solle sie sich, bitte schön, gut überlegen, schließlich stehe der Mörder ihres Enkels auf dem Balkon gleich nebenan. „Ich verlass mich auf den Paragrafen 51, Liebster“, sagt sie, legt in aller Seelenruhe an – und schießt.

Auf den Paragrafen 51, der einem bei geistiger Unzurechnungsfähigkeit mildernde Umstände zubilligte, tippte wohl auch mancher Besucher der Welturaufführung von Jean-Marie Straubs „Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“. Ein französischer Kritiker hatte die in Köln entstandene Verfilmung von Heinrich Bölls Roman „Billard um halb zehn“ als Sternstunde des europäischen Kinos angekündigt, aber was das Publikum anschließend zu sehen bekam, lief beinahe allem zuwider, was es im Jahr 1965 vom deutschen Film gewohnt war. Hoch erfreut über den Skandal berichtete der „Spiegel“ von Hohngelächter im Vorführsaal.

Was die Leute richtig kirre machte

Heute gilt Straubs erste längere Regiearbeit als Klassiker des deutschen Autorenfilms und als eines der ersten Werke, die „Papas Kino“, wie im Oberhausener Manifest gefordert, zum Teufel schickten. Gerade wandert „Nicht versöhnt“ als Teil eines vom New Yorker Museum of Modern Art kuratierten Filmprogramms durch die USA, und im September stellt die Temporary Gallery in Köln den künstlerischen Aufbruch in der Bundesrepublik der 1960er Jahre vor allem an seinem Beispiel vor. Trotzdem kann man immer noch verstehen, was die Besucher der Uraufführung irritierte: Straub scherte sich (wie Böll) nicht um eine zusammenhängende Erzählung, sondern setzte die bitterböse Abrechnung mit dem auf Verdrängung erbauten Wirtschaftswunder aus lauter Erzählfragmenten zusammen. Aber das war eher ein kleineres Problem. Was die Leute richtig kirre machte, war die Besetzung: Straub ließ durchweg schauspielerische Laien auftreten (darunter den Kölner Fotografen Chargesheimer und dessen Vater) und diese ihre Dialoge tonlos wie beim Diktat vortragen – als wären sie an ihrem Schicksal seltsam unbeteiligt, als würde sie ihr Leben nicht mehr interessieren.

Dieser Bertolt Brecht’sche Verfremdungseffekt wurde später zum Markenzeichen Jean-Marie Straubs (der mit Danièle Huillet bald ein Regieduo bilden sollte), aber es passt besonders gut zu dieser Geschichte um einige Opfer des Nationalsozialismus, die sich in der Bonner Republik unter ihren demokratisch gewendeten Peinigern fremder fühlen als in den Zeiten des NS-Regimes. „Eure Wohltaten sind fast schrecklicher als eure Missetaten“ sagt ein junger Mann zu einem ehemaligen Mitschüler, doch der isst einfach weiter, als habe er gar nicht hingehört. Besser als durch dieses ausdruckslose Aneinander-vorbei-Sprechen lässt sich kaum zeigen, dass es für das, was diese Menschen erlebt haben, keine Sprache gibt – oder zumindest keine gemeinsame.

„Nicht versöhnt“ hat ein Thema, das in den 1960er Jahren auch in Hamburg, Berlin oder München Gültigkeit besaß, aber in Köln, der heimlichen Hauptstadt des rheinischen Kapitalismus, scheint die Handlung gleichsam zu Haus zu sein. Straub drehte unter anderem im Domhotel, im Klingelpütz und auf den Ringen, an Orten also, an denen die beißende Kritik der Verhältnisse gut haften bleibt. Dabei stand Böll dem Film deutlich reserviert gegenüber, und sein Verleger Joseph Caspar Witsch ließ nichts unversucht, um dessen Entstehen zu verhindern.

Aus Sicht des Verlegers war das sogar zu verstehen. Jean-Marie Straub hatte 1963 „Machorka Muff“ gedreht, eine auf Bölls Erzählung „Hauptstädtisches Journal“ basierende Abrechnung mit der deutschen Wiederbewaffnung, und dabei nachgewiesen, dass ihm jedes Talent für populäre Filme fehlt. Witsch wollte vermeiden, dass auch Bölls Bestseller „Billard um halb zehn“ als Filmstoff verbrannt wurde und redete immer wieder auf seinen Autor ein. Gleiches tat auch der in seiner französischen Heimat als Wehrdienstverweigerer gesuchte und weitgehend mittellose Straub – laut Witsch soll der Filmemacher so lange mit Selbstmord gedroht haben, bis Böll schließlich mürbe war.

Als Heinrich Böll die ersten Aufnahmen von „Nicht versöhnt“ gesehen hatte, ließ er seinen Verleger allerdings einen Vertrag aufsetzen, in dem Straub zusicherte, den fertigen Film nur nach vorheriger Freigabe durch den Verlag ins Kino zu bringen. Witsch schrieb dort sogar hinein, dass es Straubs „Freunden und Anbetern“ verboten sei, über den Film oder die Dreharbeiten zu berichten.

Straub setzte sich darüber hinweg, zeigte „Nicht versöhnt“ auf der Berlinale und handelte sich endgültig den Zorn des Kölner Verlegers ein. Er solle die Filmkopie aus dem Verkehr ziehen und am besten vernichten, schrieb er Straub – dieser floh mit seinen Filmrollen in die Schweiz.

„Straub/Huillet/Weiss. Fremdheit gegenüber unserer engen, vertrauten Welt“ soll ab 10. September in der Kölner Temporary Gallery zu sehen sein. Dazu suchen die Kuratoren für eine Filmdokumentation Zeitzeugen, die 1970 an der Aufführung des Theaterstücks „Trotzki im Exil“ von Peter Weiss im Schauspielhaus Düsseldorf beteiligt waren.

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