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„Jasenovac - die Wahrheit“ Kroatische Geschichtsfälschung auf der Leinwand

In Kroatien wird ein Film des Regisseurs Jakov Sedlar über das ehemalige Vernichtungslager Jasenovac ausgezeichnet und propagiert. Dabei schreibt Sedlar die Geschichte des KZs um.

Jasenovac
26. April 2015: In Jasenovac wurde an den 70. Jahrestag des Ausbruchsversuchs von Häftlingen aus dem ehemaligen KZ erinnert. Foto: afp

Es gibt sicherlich bedeutendere Auszeichnungen als den Preis der Stadt Zagreb. Obwohl die Anforderungen an die Preisträger alles andere als bescheiden formuliert sind. Ausgezeichnet werden ausweislich der Statuten nur „höchste Verdienste“ auf so unterschiedlichen Feldern wie Kunst, Gesundheitswesen oder Sport. Aus Sicht der Stadtverordneten der kroatischen Hauptstadt scheint auch die Arbeit des Regisseurs Jakov Sedlar diese Kriterien zu erfüllen. Am 19. April votierten sie mehrheitlich dafür, ihn auszuzeichnen – und lösten damit einen handfesten Skandal aus.

Als vier Tage später die kroatische Staatsspitze in der Gedenkstätte Jasenovac zusammenkam, um am ehemaligen Standort des größten Vernichtungslagers des Balkans der Opfer des mit Nazi-Deutschland verbündeten Ustascha-Regimes zu gedenken, fehlten nicht nur die Vertreter des Bundes der Antifaschisten Kroatiens, sondern auch jene der serbischen Minderheit und der jüdischen Gemeinde. Bereits im zweiten Jahr in Folge wollten Antifaschisten und Minderheitenvertreter mit dem Boykott der staatlichen Gedenkveranstaltung gegen die anhaltende Relativierung der Ustascha-Verbrechen in Kroatien protestieren. Diese habe aus ihrer Sicht mit der Auszeichnung Sedlars einen neuen Höhepunkt erreicht.

Vor etwas mehr als einem Jahr feierte Sedlars seinerzeit jüngstes Werk ausgerechnet in einem Theater in Tel Aviv Weltpremiere. Der kroatische Titel „Jasenovac - Istina“ (Jasenovac - die Wahrheit) fasst in zwei Worten den selbst postulierten Anspruch Sedlars zusammen. Auf der einen Seite der Name eines Ortes, der im ehemaligen Jugoslawien untrennbar mit den Verbrechen der Ustascha verbunden ist. Mit der gezielten Vernichtung von Roma, Juden und – ein Spezifikum des kroatischen Rassenwahns – Serben. Auf der anderen Seite das Versprechen, die Wahrheit über diesen Ort des Schreckens zu verkünden. Eigentlich müsste man den Filmtitel um ein Wort ergänzen, um Sedlars Sicht adäquat zusammenzufassen: napokon – endlich.

Denn die „Wahrheit“, die Sedlar zu präsentieren vorgibt, ist nicht etwa eine Ergänzung des derzeitigen Forschungsstandes, eine Vertiefung oder die Beleuchtung eines vernachlässigten Aspekts. Sedlars „Wahrheit“ besteht in der kompletten Umschreibung der Geschichte des KZ Jasenovac.

Die Hauptaussagen des Films lassen sich knapp zusammenfassen. Jasenovac war demnach kein Vernichtungs-, sondern ein Sammel- und Arbeitslager. Die Zahl der Opfer sei durch die kommunistische Propaganda weit übertrieben worden. Die meisten Opfer seien nicht etwa Roma, Serben oder Juden gewesen, sondern Kroaten. Und zum Todeslager sei Jasenovac erst nach 1945 geworden – nach der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei unter Josip Broz Tito. Die Kommunisten, so behauptet Sedlar, hätten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg viel mehr Menschen in Jasenovac ermordet als die Ustascha in den vier Jahren ihrer Herrschaft.

Die These vom kommunistischen Jasenovac ist keine Erfindung Sedlars. Seit der Unabhängigkeit ist sie ein von der rechten Publizistik in Kroatien gepflegter Mythos, den zu beweisen bislang keinem der selbsternannten Historikern nationalistischer Prägung gelungen ist. Tatsächlich wurde der Lagerkomplex Jasenovac 1945 fast vollständig eingeebnet, nachdem am 22. April desselben Jahres die letzten rund 1000 überlebenden Gefangenen einen verzweifelten Ausbruchversuch unternommen hatten.

Sedlar und mit ihm Dutzende nationalistische Autoren behaupten, ohne einen Beleg dafür vorlegen zu können, dass das Lager Jasenovac wieder aufgebaut worden sei. Den Mangel an Belegen führen sie darauf zu zurück, dass solche von den sozialistischen Machthabern eben besonders gründlich vernichtet worden seien. Weiterhin habe Jasenovac Ende der 40er Jahre ein drittes Mal als Lager gedient, in dem nach dem Bruch Titos mit Stalin missliebige kommunistische Funktionäre gefangengehalten und ermordet worden seien.

Immerhin die letzte These hat einen wahren Kern. Ein in der Ortschaft Stara Gradiška angesiedelter Teil des KZ-Komplexes wurde tatsächlich nach dem Zweiten Weltkrieg als Gefängnis genutzt – wie bereits vor der Machtübernahme der Ustascha. Für den Historiker Alexander Korb von der Universität Leicester in Großbritannien, der die Geschichte der Ustascha-Verbrechen erforscht hat, stellt sich die Frage nach dem Charakter des KZ Jasenovac nicht: „Die wichtigste Funktion bestand in der Vernichtung von einzelnen Häftlingsgruppen.“ Die Diskussion darüber bezeichnet er als „insularen Disput“, der nur in Ex-Jugoslawien geführt werde. „Allein die Opferzahlen“, sagt Korb, „selbst wenn man sie nur schätzen kann“, sprächen Bände.

Sedlar behauptet in seinem Film, dass diese Opferzahlen „umstritten“ seien und sich je nach Quelle gravierend unterschieden. Schon das ist eine Falschbehauptung, zumindest wenn man sich auf seriöse Quellen beschränkt. Demografische Untersuchungen sowohl des kroatischen Wissenschaftlers Vladimir Zerjavic als auch seines serbischen Kollegen Bogoljub Kocovic nennen übereinstimmend 80 000 bis 90 000 Ermordete. Auch die Schätzungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem (85 000), des Holocaust Memorial Museums in Washington (77 000 bis 99 000) und die Dokumentation der Gedenkstätte Jasenovac (83 145) bewegen sich in der gleichen Größenordnung.

Worauf Sedlar mit der Behauptung der „umstrittenen“ Opferzahlen anspielt und was seiner Dokumentation in den Augen vieler Kroaten eine gewisse Glaubwürdigkeit verleiht, ist die Tatsache, dass mit den Opferzahlen von Jasenovac tatsächlich Schindluder getrieben wurde. Anfang der 90er verstiegen sich nationalistische Politiker in Serbien zu Schätzungen von bis zu einer Million ermordeter Serben allein in Jasenovac. In Deutschland genießt der unkritische Tito-Apologet Vladimir Dedijer, der von 700 000 Ermordeten sprach, in Teilen der politischen Linken nach wie vor Kronzeugenstatus. Dedijer war es auch, der das Diktum von Jasenovac als „jugoslawisches Auschwitz“ prägte. Der Vergleich ist berechtigt, soweit er auf die Struktur der beiden Lagerkomplexe und ihre Hauptfunktion (Vernichtung der Gefangenen) abzielt – nicht jedoch. was die Zahl der Ermordeten angeht.

Dass die Opferzahlen umstritten seien, ist derweil noch die harmloseste Falschbehauptung in „Jasenovac - die Wahrheit“. Kroatische Journalisten konnten unmittelbar nach Veröffentlichung des Films Dutzende Fehler, Bildmanipulationen und sinnentstellende Zitate nachweisen. Ein jüdischer Dirigent beispielsweise, von dem behauptet wird, er sei aus Jasenovac entlassen worden, hat das KZ tatsächlich nie betreten. Ein Bild, das eine Fußballmannschaft von Gefangenen zeigen soll, stammt vermutlich aus den 1970ern. Ein anderes Fotos soll belegen, dass serbische Tschetnik-Freischärler die Umgebung von Jasenovac unsicher machten – allerdings zeigt das Bild eine slowenische Tschetnik-Einheit.

Die wohl augenscheinlichste Manipulation Sedlars ist indes ein angebliches Titelbild der Zeitung „Vjesnik“ aus dem Jahre 1945. Im Film prangt auf der Titelseite die Überschrift „Viele Leichen aus dem Lager Jasenovac trieben auf der Sava nach Zagreb“. Im Film dient die Schlagzeile als Illustration für die vermeintliche Primitivität kommunistischer Propaganda – denn tatsächlich hätte die Sava flussaufwärts fließen müssen, um Tote aus Jasenovac nach Zagreb zu spülen. Das Online-Magazin „Lupiga“ benötigte genau einen Tag und einen Gang ins Archiv, um nachzuweisen, dass es nie eine „Vjesnik“-Ausgabe mit entsprechendem Titel gegeben hat.

Schon diese Beispiele sollten eigentlich ausreichen, um eine Diskussion über die Seriosität von „Jasenovac - die Wahrheit“ zu beenden – von der Preiswürdigkeit Sedlars ganz zu schweigen. In Kroatien aber kann sich Sedlar prominenter Unterstützung sicher sein. Kroatien – inzwischen wieder abgetretener – Kulturminister Zlatko Hasanbegovic, in jungen Jahren selbst Mitglied einer Ustascha-Nachfolgeorganisation, lobte den Film bei seiner Zagreber Premiere 2016 ausdrücklich.

Der Geschichtsrevisionismus Sedlars hat  Tradition. In den 90ern galt der heute 62-Jährige als Hofregisseur des kroatischen Staatsgründers Franjo Tudjman. Der hatte zwar die Beteiligung Kroatiens an der Shoa nie geleugnet, doch in „Irrwege der Geschichtswirklichkeit“, dem Buch das ihn in Konflikt mit der jugoslawischen Staatsführung brachte, versucht, die Zahl der von den Ustascha Ermordeten weit nach unten zu revidieren.

Im Kroatien der 90er wurde das Ustascha-Regime zum ersten – gescheiterten – Versuch kroatischer Eigenstaatlichkeit umgedeutet. Der Massenmord an den Serben wenn nicht geleugnet, so doch gnadenlos verharmlost. Gleichzeitig wurde der Mythos von den Ustascha als „unwilligen“ Antisemiten etabliert, die erst von den Deutschen dazu getrieben wurden, auch gegen die jüdische Bevölkerung des Landes vorzugehen. Auch das ist eine längst widerlegte These, der jedoch in Sedlars Film ausgiebig Platz geboten wird. Zugleich wird insinuiert, dass die Serben die viel schlimmeren Antisemiten gewesen seien.

Sedlars Film ist in diesem Sinne Teil einer nationalistischen Konkurrenz, die bereits seit den 80ern zwischen kroatischen und serbischen Nationalisten ausgetragen wird. Das Ziel: Der Gegenseite einen kulturell bedingten Hang zum Genozid nachzuweisen – und gleichzeitig für die eigene Gruppe ein möglichst stringentes Opfernarrativ zu entwickeln. Dementsprechend müssen in Sedlars Jasenovac die meisten Opfer Kroaten sein. Deshalb darf das wahre Grauen erst nach der kommunistischen – sprich: serbischen – Machtübernahme beginnen. Nur so ergibt sich die Erzählung einer historisch-durchgehenden Unterdrückung, die ihr Ende erst in der Erfüllung des von Staatsgründer Tudjman oft beschworenen „tausendjährigen Traums der Kroaten“ fand – der staatlichen Unabhängigkeit. Wer dieses Narrativ anzweifelt, ist den Augen Sedlars und seiner Verteidiger ein Verräter. Folgerichtig endet „Jasenovac - die Wahrheit“ mit einer Aufzählung von Journalisten, Historikern und Politikern, die als „liberale Faschisten“ (!) bezeichnet werden.

Der Geschichtsrevisionismus von „Jasenovac - die Wahrheit“ wird derweil auch unter den Auslandskroaten gepflegt. Noch bevor der Film in Kroatien Premiere feierte, wurde er in kroatischen Gemeinden und Kulturzentren in Deutschland aufgeführt. In Berlin war Medienberichten zufolge Mijo Maric an der Organisation der Vorführung beteiligt, ehemaliger Vorsitzender des „Weltkongresses der Kroaten in Deutschland“, der auch im Integrationsbeirat der Bundesregierung saß und sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel für die Presse ablichten ließ. Bei der Berliner Premiere zugegen war denselben Berichten zufolge auch Nikola Eterovic – apostolischer Nuntius des Vatikan in Deutschland. In Frankfurt übernahm mit Tomislav Cunovic ein Aktivist der rechts-klerikalen Vereinigung „U ime obitelji“ die Organisation der Vorführung.

In München wiederum ist unklar, wer die Vorführung des Films in der kroatischen Gemeinde organisierte. Die Vorsitzende des Kulturvereins „Kroatisches Haus“, Neda Caktaš ließ sich im Abschluss mit Jakov Sedlar in freundschaftlicher Pose fotografieren und versichert ihn bis heute bei Facebook regelmäßig ihrer Unterstützung. Fragen der FR zu ihrer Rolle bei der Aufführung des Films sowie zu dessen Bewertung ließ Caktaš unbeantwortet – wie Mijo Maric, der apostolische Nuntius Eterovic und Tomislav Cunovic auch.

Caktaš aber durfte erst vor wenigen Tagen bei einer Podiumsdiskussion des CSU-Arbeitskreises Migration und Integration auftreten. Titel der Veranstaltung: „Integration in Bayern – Eine Erfolgsgeschichte“.

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