Lade Inhalte...

Japanisches Kino Jugend ohne Morgen

Einige Filme beim Festival Nippon Connection 2018 erzählen in der Sektion „Cinema“ von der Pathologie der Zweisamkeit im Gewirr der Metropolen.

Hanagatami
Szene aus der Verfilmung des Buchs „Hanagatami“ über die Stimmung im Japan von 1941. Foto: Nippon Connection

Ein Film des Festivals Nippon Connection trägt den Titel „The City of Betrayal“. Die Stadt des Betrugs: Das könnte als Etikett einer Reihe von Arbeiten in der Sektion „Cinema“ dieser 18. Festival-Ausgabe stehen. Denn einige Autoren und Regisseure erzählen von kleinen und großen Lebenslügen, schildern das Dasein in den Metropolen geprägt von einer Enge, die den Menschen oft nicht die Möglichkeit der Entfaltung bietet und sie deshalb zu einem Neben-Leben verleitet, in dem sie ihren Wünschen nachzujagen versuchen. Die Verhältnisse sind instabil, die Verstellung gehört zum Alltag, die Konflikte werden auf den 40 Quadratmetern Japan entweder durch Entzug vermieden oder explodieren.

Das betrifft vor allem die Paare in diesen Geschichten, die sich finden und verlieren, die sich abstoßen und anziehen, die Schwierigkeiten haben, Paare zu bleiben – wenn sie es denn im herkömmlichen Sinne sind. Das Fotomodell Tsuchida und der Musiker Seiichi etwa sind in „Pumpkin and Mayonnaise“ zusammengezogen, ohne sich bewusst für Zweisamkeit entschieden zu haben. Nun schafft sie das Geld herbei, damit er seine Musik machen kann. So verdingt sie sich erst als Escort Girl und findet dann einen „Sugar Daddy“ – ohne Seiichi davon in Kenntnis zu setzen: Der Spaltpilz wuchert prompt...

Umgekehrt bringt in „Birds without Names“ der gutmütige Jinji die Yen-Scheine heim und verwöhnt die übellaunige Towako auch noch mit warmen Mahlzeiten und Massagen. Die aber hängt an ihrem vor Jahren verschwundenen Ex-Liebhaber und damit an ihrer Selbsttäuschung. Regisseur Kazuya Shiraishi erzählt in seiner dicht inszenierten Arbeit von verlorenen Seelen in der Hektik der Großstadt.

Ihre Einsamkeit im Metropolen-Dasein zu überwinden, hoffen in Daisuke Miuras „The City of Betrayal“ auch der junge Nichtsnutz Yuichi und die 40-jährige Hausfrau Tomoko, die sich über ein Online-Dating-Portal finden. Beide in Beziehungen, tasten sie sich mit falschen Vorgaben an die Welt des anderen heran. Die Regie zeigt die Stufen der Annäherung fast in Echtzeit, gebannt verfolgt man, wie sich im Minenspiel Tomokos die widerstreitenden Empfindungen spiegeln. Hauptdarstellerin Shinobu Terajaima, Trägerin des „Nippon Honor Award“, weiß auch in der Titelrolle von „Oh Lucy“ ihren Gefühlsregungen mannigfaltige Nuancen zu verleihen. Regisseurin Atsuko Hirayanagi gelingt bei ihrem Erstling eine leichthändig inszenierte Mischung aus Komik und Melancholie über den Versuch einer nicht mehr ganz jungen Frau, ihrem Leben eine Wendung zu geben.

Einige Filme sind nach Vorlagen von Mangas gedreht – nicht immer zu ihrem Vorteil. Das gilt etwa für „River’s Edge“. Schüler Yamada wird wegen seiner Homosexualität verprügelt. Die Erziehungsanstalt als Brutstätte einer Jugend ohne Zukunft und Abbild der gnadenlosen Gesellschaft zu inszenieren, gelingt Regisseur Isao Yukisada immerhin zum Teil.

Die Leidensfähigkeit und die Faszination für das Unerklärliche teilt Yamada mit Ryota, der männlichen Hauptfigur in „Bamy“. Dort fällt zu Beginn ein roter Regenschirm aus einem 45. Stock – warum, fragt man besser nicht. Er bringt Fumiko und Ryota zusammen. Der junge Mann wirkt fast autistisch – rätselhaft, was Fumiko an ihm findet, denn sie will sie ihn trotz seines Mangels an Zuwendung heiraten. Aber Ryota findet eine Geistesverwandte. Regisseur Jun Tanaka siedelt bei seinem Spielfilm-Debüt die Erzählung in einer Industrielandschaft an, Hinweise auf Umweltverschmutzung scheinen seiner Erfahrung als Dokumentarfilmer geschuldet. Doch hier wagt er, Realismus mit Surrealem zu verquicken – die Welt der Geister ist in Japan ja allgegenwärtig.

Vor allem aber erweist sich Tanaka als äußerst geschickt in der Wahl der filmischen Mittel. Die retardiert wirkende Persönlichkeit Ryotas findet ihre Entsprechung in lang gedehnten Einstellungen. Den Außenaufnahmen hat die Kamera Hideaki Arais fast alle Farbigkeit ausgetrieben, die Bilder bekommen dadurch etwas von schneidender Schärfe und betonen das Unwirkliche von Ryotas Welt. Der Film hat bisweilen etwas von Leos Carax’ Erstling „Mauvais Sang“, ohne dessen Konsequenz zu erreichen.

Der filmischste Film der Sektion aber kommt von einem Altmeister. Der 80-jährige Nobuhiko Obayashi soll sich nach einer Krebsdiagnose noch einen Traum mit der Verfilmung des Buchs „Hanagatami“ von Kazuo Dan erfüllt haben. Er nutzt eine von fern an Marivaux erinnernde Versuchs-Anordnung mit einem Sextett von Teenagern, um die Stimmung im Japan von 1941 zu schildern, im Jahr des Kriegseintritts. Die Irrungen und Wirrungen dieser Jugend ohne Morgen ziehen in einem überbordenden Bilderreigen vorüber, der auch Pathos und Kitsch nicht fürchtet.

Die Atmosphäre erinnert an das Deutschland der Jahre 1913/14, doch schwingt eine Ergebenheit in das vom nahenden Krieg bestimmte Schicksal des Landes mit. Das inszeniert Obayashi in Farben, deren Künstlichkeit an Fassbinders „Querelle“ denken lassen. Dazu setzen wie ein Ostinato Takte eines Bach-Präludiums den Grundton – ein selten raffinierter Einsatz der Musik trägt zu diesem Delirium eines Endzeit-Films bei, der auch, so deutet es die Einstellung mit dem realen Regiestuhl Obayashis am Ende an, das Vermächtnis dieses Filmkünstlers ist.

 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen