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„Jahrhundertfrauen“ Als die Leute noch echt waren

Mike Mills’ feinsinnige Komödie und Hommage „Jahrhundertfrauen“.

Kinostart - "Jahrhundertfrauen"
Annette Bening als Dorothea und Lucas Jade Zumann als ihr Sohn Jamie im Film „Jahrhundertfrauen“. Foto: Splendid/dpa

Die in ihrer Ausstattung verliebte Serie „Mad Men“ war die Speerspitze einer Retro-Armee. Selbst ein Film über McDonald’s kann erlesen aussehen wie „The Founder“ zuletzt demonstrierte. Der schicke Trödel von gestern heißt heute „Mid Century Design“ und ist der liebste Fetisch des hippen Amerika.

Auch der jugendliche Erzähler von „20th Century Women“, auf Deutsch „Jahrhundertfrauen“, kommt zu Beginn der Handlung im Jahre 1979 nicht umhin, von einer Zeit zu schwärmen, in der die Autos noch schön waren und die Leute echt. Wo dabei allerdings die Prioritäten liegen, wird schnell deutlich, als der wirklich wunderschöne Ford Galaxy, der seiner Mutter von ihrem Ex-Mann geblieben ist, aus heiterem Himmel auf einem Parkplatz in Flammen aufgeht. Ohne dem stolzen Vehikel noch eine Träne nachzuweinen lädt diese lieber die Feuerwehrleute, die sein Ende mit ein paar Wassertropfen besiegeln, zu einer Party ein.

Annette Bening spielt diesen wahren Menschen in einer vom Konsumrausch verklärten, von fernen Revolutionen überschatteten und von Atomangst erregten Epoche. „Nicht zu glauben, dass Menschen einmal aufhören würden, an ihren Atomtod zu denken und stattdessen das Wetter fürchten würden“, bemerkt der etwas altkluge Jamie (Lucas Jade Zumann) mit Blick auf den Klimawandel.

Der Schauplatz der Geschichte, eine in Würde verfallende Villa, ist noch ein halbes Jahrhundert älter als die Protagonistin Dorothea. Die überzähligen Zimmer vermietet die technische Zeichnerin ohne die Attitüde einer Landlady. Ihre Untermieter – ein attraktiver Handwerker und Hippie (Billy Crudup) und eine punkige Fotografin (Greta Gerwig) – protestieren im Gegenzug nicht dagegen, ihrem Sohn ein wenig Familie zu sein. Selbst Jamies nur zwei Jahre ältere, platonische Freundin (Elle Fanning) wird von der Mutter gebeten, ein wenig in Erziehung zu machen.

In seinen liebenswerten Nebenfiguren erinnert Mike Mills’ Film an die moralischen Komödien, die ein Frank Capra in der Depressionszeit drehte, insbesondere „Lebenskünstler“ (1938). Auch im Film ist von dieser Zeit die Rede, in der Dorothea sozialisiert wurde, illustriert von gut ausgesuchten Wochenschauaufnahmen. Im Soundtrack gehen Swing-Nummern der 30er von Louis Armstrong oder Rudy Vallée mit Punk- und New-Wave-Hits von The Clash und Talking Heads eine aparte Verbindung ein. Das fügt sich so gut zum liebevoll pointierten Dialog, dass man bald aufhört, nach einer größeren Handlung zu suchen.

Mike Mills kann in seinem perfekt gelegten Memory-Spiel gut darauf verzichten, denn eine Priorität hat er durchaus. Das ist Annette Bening, die mit lakonischen Pausen, irrsinnig süßem Lächeln und altersloser Mädchenhaftigkeit alles dominiert. Gleich zu Beginn ist zu erfahren, dass sie Jahrzehnte nach der Handlung an Krebs von ihrem Rauchen sterben wird – gerade so als lebte sie bewusst mit dieser Aussicht. Wie für das meiste, hat sie auch für den Tabakkonsum eine trockene Erklärung: „Als ich damit angefangen habe, waren Zigaretten nicht böse. Sie waren stylish. Und ein bisschen schräg. Deswegen ist es für mich etwas anderes.“ Jamie hat hier wohl recht: „Menschen ihrer Generation würden nie zugeben, dass etwas schief gelaufen ist.“

„20th Century Women“ ist eine Hommage an eine weibliche Nachkriegsgeneration, die man in Deutschland Trümmerfrauen nennen würde. In den USA gab es zwar keine Trümmer, doch auch dort erlebten Frauen, die ihre Familien ernährt oder in anspruchsvolle Positionen aufgerückt waren, nach dem Krieg eine Herabwürdigung. Dafür erwischte sie der Sommer der Liebe, den sich die etwas Jüngeren ausgedacht hatten, noch nicht zu spät, um mitzumachen. Man weiß nicht, was man mehr vermisst bei diesem herrlichen Film: Die Generation unserer Großmütter. Oder das herrliche Chaos der späten siebziger Jahre

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