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„It was Fifty Years Ago Today“ Beatles-Film ohne Beatles-Song

Der Dokumentarfilm „It was Fifty Years Ago Today“ erzählt die Geschichte des berühmtesten Beatles-Albums ohne eine Note.

Beatles
Die Beatles lauschen Maharishi Yogi am 29. August 1967 in einem Zug in Wales. Foto: Trinity Mirror/ Mirrorpix/Ala

Die Beatles sind vielleicht nicht populärer als Jesus, aber inzwischen vermutlich Gegenstand ebenso vieler Filme. Beginnend mit den Protesten in den amerikanischen Südstaaten aufgrund des berüchtigten John-Lennon-Zitats („Ich weiß nicht, was zuerst verschwindet, der Rock’n’Roll oder das Christentum“) von 1966 erzählt dieser Film noch einmal, was in den zwölf Monaten darauf geschah. Nicht, dass es da viel Neues zu enthüllen gäbe. Aber ein bisschen ist die Beatles-Saga ja wirklich wie die Weihnachtsgeschichte: Man hört sie gerne immer wieder.

Was also zwischen 1966 und 1967 geschah: Die Beatles hörten auf, Pilzköpfe zu sein. Sie gingen nicht mehr auf Tournee, experimentierten mit Drogen und gaben es nun auch zu. Sie verhalfen einem indischen Meditationslehrer zu weltweiter Bekanntheit, der den Vieren vielleicht nicht an Weisheit, aber doch an Geschäftssinn überlegen war. Sie verloren ihren Manager und Vertrauten Brian Epstein, der mit 32 Jahren an einer Überdosis Schlaftabletten starb.

Vor allem aber lenkten sie ihre Kreativität in hochkomplexe Bahnen und schufen Popkompositionen, die weit über das Musikalische hinausreichten. Sie produzierten zwei Schallplatten, die Musikgeschichte schrieben: Eine Single, die mit ihren zwei A-Seiten vielleicht die schönste der Welt geblieben ist („Strawberry Fields Forever“/ „Penny Lane“). Und ein mit ungekannter Sorgfalt geschaffenes Album namens „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, eines der größten Kunstwerke, die der Pop in jedweder Gattung hervorgebracht hat. Lange galt es als das Meisterwerk der Gruppe, auch wenn es heute in der Gunst der meisten Musikexperten hinter seinem für die Zeit noch innovativeren und vor allem spontaneren Vorgänger, „Revolver“, rangiert.

Fünfzig Jahre ist das alles nun her, Anlass genug, den vielen dokumentarischen Aufarbeitungen noch einen Kinofilm über „Sgt. Pepper“ hinzuzufügen, der zumindest eine Besonderheit aufweist: Kein Ton aus dem berühmten Album ist darin zu hören. Auch kein anderer Beatles-Song erklingt darin.

Nun gut, mag man argumentieren, es gibt ja auch kluge Bücher über die Beatles, die ebenfalls keinen Mucks von sich geben. Und kennt nicht jeder hartgesottene Fan, der als Publikum für „Fifty Years Ago Today“ in Frage kommt, ohnehin jeden Ton darauf in- und auswendig? Das mag wohl sein. Aber welche Möglichkeiten verschenkt ein Musikfilm, wenn er uns nicht – wie die immer noch unübertroffene Dokumentation „The Beatles Anthology“ – ins Abbey Road Studio führt und uns das Wunder anhand der alten Vier-Spur-Bänder vor Ohren führt. Wie konnten die Beatles nur all diesen klanglichen Reichtum in diese Bänder packen? Noch dazu wenn man bedenkt, dass sie die Endmischung aus Indien überwachten?

Stattdessen spielt in diesem Film irgendjemand aus dem Off die Sitar, wenn das indische Instrument einmal erwähnt wird. „Der aufwendige Score wurde von Andre Barreau und Evan Jolly komponiert“, erklärt uns der Verleih, „und mit dem The City of Prague Philharmonic Orchestra in London sowie Prag eingespielt.“ Ja, kann es denn wahr sein? Und selbst wenn es George Martin persönlich gewesen wäre: Es ist schon grotesk, da schwärmen betagte Musikkritiker, die durch eingeblendete Bauchbinden als „renommiert“ betitelt werden, zu Recht von einer einzigartigen Popsinfonie – im Hintergrund spielt irgendjemand in George-Harrison-Manier die Slide Guitar zu irgendwelchen Bläserklängen. Was für eine Schande. Fast ein Stück Konzeptkunst wird daraus, wenn zehn Minuten über das berühmte Cover geredet wird, ohne dass es zu sehen ist.

Wem es ein Trost ist, die Musik der Rolling Stones kommt auch nicht vor, erst recht nicht die der Beach Boys, deren perfektionistisches „Pet Sounds“-Album von 1966 die Beatles zu ihrem Meisterstück anspornte. Es wird nicht einmal erwähnt, auch wenn Brian Wilson sicher gerne ein paar freundliche Worte über die gegenseitige Bewunderung losgeworden wäre. Ist es denn möglich, „Sgt. Pepper“ zu rühmen, ohne es in seinem musikhistorischen Umfeld zu verorten?
Umso ausführlicher kommen die Nebendarsteller der Geschichte zur Wort: Der 1962 geschasste Beatles-Schlagzeuger Pete Best, von dem wir nicht wussten, dass 1967 überhaupt noch ein Beatle an ihn dachte, erzählt, dass die Orden, die John Lennon auf dem Cover trägt, seinem Opa gehörten. „Ich rechne ihm hoch an, dass er sein Wort hielt und sie wieder zurückgab“. Vielleicht hätte man besser diesem Mann den ganzen Film gewidmet, der einst einen Suizidversuch überlebte und Mitte der 90er Jahre plötzlich Millionär wurde, als frühe Beatles-Aufnahmen mit ihm in der Anthology-Serie erschienen.

John Lennons jüngere Schwester Julia Baird erzählt noch einmal, wie eng der frühe Tod ihrer Mütter John und Paul zusammenschweißte. Und der Liverpooler Weggefährte und zeitweilige Chef von Apple-Records, Tony Bramwell, gesteht, wie langweilig es bei den Aufnahmen von „Sgt. Pepper“ im Studio zugegangen sei. „Außer Paul war niemand vorbereitet. Früher wurde etwas in Tagen, vielleicht einer Woche eingespielt. Hier aber war kein Ende in Sicht“. Nun, man langweilt sich schnell, wenn man mit einer Sache nicht wirklich etwas zu tun hat.

Zuletzt beklagten wir uns an dieser Stelle über den geizigen Umgang des offiziellen Beatles- Films „Eight Days a Week“ mit dem kostbaren Archiv-Material des legendären Konzerts im Shea Stadium. Diese Sorgen möchte man diesmal haben. Wochenschau- und Fernsehbilder sind das einzige, was man von den Vieren sieht. Vielleicht gibt es ja in 14 Jahren einen Anlass für einen besseren Dokumentarfilm. Wenn Sgt. Pepper vierundsechzig ist.

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